Erst Ben Ali, Mubarak und Gaddafi in Nordafrika, jetzt Louis XVI. und Marie Antoinette im Kino: Der arabische Frühling 2011 und der französische Revolutionsfilm zur Eröffnung des Berlinale-Wettbewerbs – wenn das nicht aktuelles Kino ist? Klar kommt diese Frage bei der Pressekonferenz, und Regisseur Benoit Jacquot lässt sich nicht lange bitten.
Sein Film zeigt, wie der Sturm auf die Bastille im Juli 1789 den französischen Hof erschüttert, und der Regisseur gibt sich angemessen streitbar: „Für Frankreich waren diese Tage ausschlaggebend. Es gibt nicht viele solcher Tage. Das Epochenende ist ja das Thema des Films. Ich bin sehr für das Ende von Herrschaftsepochen. Ich glaube, dass der Klassenkampf weitergeht.“
Ein tadelloses Bekenntnis für einen stolzen Republikaner. Doch so leicht lässt sich die Relevanz des Revolutionsdramas „Leb wohl, meine Königin“ nun auch wieder nicht herbeireden. Aus der Perspektive von Marie Antoinettes Vorleserin Sidonie (Lea Seydoux) zeigt der Film eine intime Studie des höfischen Lebens an vier Tagen des Umsturzes.
Das Kostümstück spielt sich zu nicht geringen Teilen in Boudoirs und Schlafgemächern ab. Die Königin lässt sich gern frivole Geschichten vorlesen, blättert begeistert in Mode-Leporellos und wird immer stärker von Launen getrieben, je grimmiger die Lage ist. Die deutsche Schauspielerin Diane Heidkrüger, die als Diane Kruger zum internationalen Filmstar (Helena in „Troja“) wurde, zeigt nicht jenes arrogante Luxusgeschöpf, das den französischen Volkszorn reizte, sondern Marie, die Wankelmütige.
Historienfilm „Leb wohl, meine Königin“ eröffnet die Berlinale
BERLIN.
„Viele haben sie verurteilt“, sagt Kruger, die fließend zwischen Englisch, Französisch und Deutsch wechseln kann. „Armes kleines Partygirl, verdorbene, verrottete Königin. Bei mir ist sie ein wenig Borderline-verrückt.“ Und lesbisch orientiert, mag man anfügen. Ihre innige Zuneigung gilt der Herzogin von Polignac, die nackt im Opiumrausch dämmert, statt ihrer zunehmend fahrigen Gönnerin beizustehen. Virginie Ledoyen lässt die königliche Günstlingsdame durch die Gänge schweben, als wolle sie nicht zu der ihr offenbar hörigen Marie Antoinette, sondern zu Heidi Klum, um „Versailles next Topmodel“ zu werden. Die Vorleserin Sidonie sieht diese erotisch aufgeladene Vertraulichkeit mit Verdruss, steht sie doch selbst liebevoll-loyal zu Marie Antoinette. So ergeben, dass sich die bibliophile Jungfrau mit dem energischen Schritt für die Herzogin in Lebensgefahr begibt, weil die Königin es so will.
Dabei wissen die Hofdamen gar nicht, was sich vor den Toren des Palastes zusammenbraut. Benoit Jacquot zeigt die Revolution als eines von vielen Gerüchten, das durch die Gänge schwirrt. Seine Sidonie lauscht dem Wispern vor dem Umsturz. Wie man diesem Getuschel eine Botschaft für unsere Tage entnehmen soll, ist schwer zu sagen. Heute twittern die Revolutionäre ja. Wenn sie 1789 das Gezwitscher dieses Films über die lesbische Borderline-Patientin Marie A. gehört hätten, sie hätten ihr gewiss das Blutgerüst erspart.
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