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20. Februar 2012 Von Stefan Benz und Johannes Breckner

Berlinale: Das Kino als moralische Anstalt

Der Goldene Bär für die italienischen Brüder Taviani gilt mehr ihrem Lebenswerk als dem aktuellen Film

| Vergrößern | Später Erfolg in Berlin: Paolo (links) und Vittorio Taviani mit ihrem Goldbären. Foto: dpa-Zentralbild
BERLIN. 

Hier ein Wettbewerb mit Werken über Kindersoldaten, Kindesentführung und Kinderkriminalität, mit französischer Revolution, islamistischem Terror und ungarischem Rassismus; dort eine Jury unter der Leitung von Mike Leigh, dem Meister des britischen Sozialdramas – da konnte man erwarten, dass die Preise der Berliner Filmfestspiele auch für gesellschaftliche Haltung vergeben werden. Und in der Tat kann man die Silbernen Bären für das grausige Bürgerkriegsstück „Rebelle“, das Pogromdrama „Just the Wind“ und die Studie eines Überwachungsstaates in „Barbara“ als jene politischen Botschaften nehmen, mit denen sich die Berlinale-Macher so gern identifizieren.
Der Hauptpreis zeichnet zwar auch Kino aus, das Gesellschaft und Kunst eng zusammenführt, doch der Goldene Bär für die betagten, aber offenbar noch immer sehr munteren Taviani-Brüder Vittorio (82) und Paolo (80) muss verblüffen. Wie in der Parabel „Cesare deve morire“ Shakespeare als künstlerischer Bewährungshelfer ins Gefängnis geführt und das Theater als moralische Anstalt verherrlicht wird, das hat sich während des Festivals weder aufgedrängt noch eingeprägt. Man kann diesen Goldenen Bären nur verstehen, wenn man ihn auch als Preis für das Lebenswerk der beiden verdienten Italiener nimmt.
Dass Christian Petzold, zum dritten Mal im Wettbewerb der Festspiele, nun als bester Regisseur ausgezeichnet wird, ließ sich hingegen erwarten. Souverän erzählt er in „Barbara“ vom Leben im DDR-Spitzelstaat Anfang der Achtziger: Nina Hoss ist als Ärztin auf dem Weg zur Republikflucht eine Frau, die sich emotional in die innere Emigration zurückgezogen hat. Ihr gleichfalls in die Provinz strafversetzter Klinik-Chef (Ronald Zehrfeld) hat sich hingegen mit Ironie eine Offenheit bewahrt. So wenig beide der sozialistischen Ideologie gewogen sind, so treu sind sie ihrem Beruf. Petzold erzählt diese Geschichte souverän, sucht nicht die Kulisse, sondern das Klima der DDR, zeigt schroffe Leute in freundlichen Landschaften. Ein Bären-Gewinner, auf den sich wohl fast alle einigen konnten.
Mehr erhoffen mochte man für Ursula Meier und ihr Kinderdrama „L’ enfant d’ en haut“, das liebevolle Porträt eines kleinen Diebes, der seine Einsamkeit sehr selbstständig meistert. Er wohnt bei der saumseligen Schwester und füllt die Haushaltskasse mit dem Erlös aus dem Verkauf geklauter Ski-Ausrüstungen. Auf halber Strecke des Films tut sich unter dem traurigen Lausbubenstück ein Abgrund aus Vernachlässigung auf. Die junge Franko-Schweizerin Ursula Meier erzählt das auf bestürzende Weise warmherzig. Zur „lobenden Erwähnung“ für dieses Nachwuchswerk gab es eine Silber-Bären-Statue – ein nicht vorgesehener Sonderpreis, aber allemal hochverdient.
Mit dem Großen Preis der Jury setzte die Berlinale dann das politische Signal, das zu ihrer Tradition gehört. „Csak a Szél – Just the Wind“ des ungarischen Regisseurs Bence Fliegauf ist, überwiegend mit Laiendarstellern gedreht, ein Film über wachsenden Rassismus in Ungarn: Eine Roma-Familie wurde ermordet, und Fliegauf begleitet die Nachbarn, die sich ihre Gefahr nicht eingestehen wollen, während der Zuschauer die wachsende Bedrohung beklemmend spürt. Fliegauf zeigt die kleinen Diskriminierungen im Alltag, die in Gewalt münden, und das ungarische Außenministerium sah sich genötigt, eine Erklärung zu verbreiten, die darauf hinwies, dass es Fremdenfeindlichkeit auch in anderen Ländern gebe, unter anderem in Deutschland. Später veranstaltete sie eine Diskussion unter der reichlich merkwürdigen Überschrift „Roma in Europa und Ungarn – ist das ein Problem?“ – was das Problem in Wirklichkeit ist, zeigt Fliegaufs Film ganz ohne erhobenen Zeigefinger, aber mit großem Mitgefühl für die gefährdeten Menschen.
Als besondere künstlerische Leistung erhält der deutsche Kameramann Lutz Reitemeier den Silbernen Bären für das chinesische Geschichtsdrama „Bai Lu Yuan“ – eine nachvollziehbare Entscheidung, denn die grandiosen Aufnahmen wogender Weizenfelder schlagen in dämonischer Einfärbung die Stimmung der verzweifelten Geschichte an. Kurios hingegen erscheint die Idee, dem Portugiesen Miguel Gomes ausgerechnet den Alfred-Bauer-Preis zu verleihen. Der würdigt „neue Perspektiven der Filmkunst“, während Gomes in seinem Film „Tabu“, der in die Kolonialgeschichte seines Landes zurückblendet, gerade eine Hommage an das alte Kino in Schwarzweiß und ohne gesprochene Dialoge versucht: immerhin ein radikales Stilexperiment, das durch die Originalität seiner Ausführung für sich einnehmen könnte, wenn die Geschichte nicht so langatmig erzählt wäre.
Mit gleich zwei Silbernen Bären war der dänische Beitrag „Die Königin und der Leibarzt“ Überraschungssieger dieser Berlinale. Nikolaj Arcel und Rasmus Heisterberg haben in ihrem preisgekrönten Drehbuch politische und private, überlieferte und erfundene Begebenheiten am Hof Christians VII. geschickt ineinander verwoben. Mikkel Boe Følsgaard, der noch vor dem Abschluss seines Schauspielstudiums steht, zeigt den Monarchen halb als verletzlichen Clown, halb als unglücklichen Reformpolitiker. Wie er den Dänenkönig am Rande des Wahnsinns agieren lässt, eine Marionette seines Kabinetts, gegen dessen Widerstand er mit dem deutschen Arzt Johan Struensee (Mads Mikkelsen) Ideen der Aufklärung durchsetzt, lässt hoffen, dass dieser Film seinen Weg in die Kinos finden wird.

 
 


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