Seriös im Auftreten, korrekt und unscheinbar wirkt Michael, ein Versicherungsangestellter Mitte dreißig. Niemand ahnt, dass er einen kleinen Jungen entführt hat, an dem er sich regelmäßig vergeht. Angelehnt an den Fall Kampusch entwirft der Österreicher Markus Schleinzer ein verstörendes Missbrauchsdrama. „Michael“ gewann beim Festival in Saarbrücken den Max-Ophüls-Preis und den Preis für den besten männlichen Darsteller. Nicht alle Tage gelingt einem Regisseur ein so fulminantes Debüt. Und nicht immer entscheidet sich eine Jury so mutig für einen schwer verdaulichen Beitrag.
Überhaupt empfiehlt sich das Ophüls-Festival einmal mehr als eines der wichtigsten Festivals für den Nachwuchs im deutschsprachigen Kino, wobei das Niveau von Jahr zu Jahr steigt. Die jungen Filmemacher zeigen sich mit brisanten Themen politischer und dichter am Puls unserer Gesellschaft als so manche Regiegrößen. Ihre Drehbücher wirken originell, reif und glaubwürdig, vor der Kamera agieren zunehmend internationale Schauspielgrößen.
Einigen Regisseuren konnte Saarbrücken schon ein attraktives Sprungbrett für ihre Karriere bieten. Hans Weingartner, dessen jüngstes Psychodrama „Die Summe meiner einzelnen Teile“ zur Eröffnung außer Konkurrenz lief, ist dafür ein gutes Beispiel. 2001 gewann er für seinen Erstling „Das weiße Rauschen“ den Ophüls-Preis, anschließend glückte ihm mit „Die fetten Jahre sind vorbei“ ein noch größerer Erfolg. Sein jüngstes Werk feierte nicht zufällig seine Premiere wieder in Saarbrücken, verwischen doch wie in seinem Debütfilm abermals die Grenzen zwischen albtraumartigen Halluzinationen und Realität.
Auch Christian Schwochow, der 2008 für „Novemberkind“ den Publikumspreis gewann, hat schon viel erreicht. Seine großartige „Unsichtbare“ (ab Februar im Kino) ist eine der stärksten deutschen Produktionen des Jahres – das bewegende Leidensdrama einer jungen Schauspielstudentin, die bei ihrer ersten großen Chance durch die Hölle gehen muss, ein trauriges Schicksal aus der deutschen Theaterszene.
Ebenso ging auch Pascal Verdoscis bemerkenswertes Kammerspiel „Manipulation“ um die Aufarbeitung eines dunklen Kapitels in der Schweizer Geschichte während des Kalten Krieges zu Unrecht völlig leer aus. Gewiss: Es sind Klaus-Maria Brandauer und Sebastian Koch, die dieses Katz-und-Maus-Spiel um eine Spionage-Affäre tragen. Allerdings hätten die beiden kaum so stark aufspielen können, hätten nicht auch Regie und Drehbuch entsprechende Qualitäten.
Angesichts einer solchen Dichte an erstklassigen Produktionen ist es ein wenig schade, dass der Preis der Saarländischen Ministerpräsidentin an eine Produktion aus dem Mittelfeld verschenkt wurde: „Transpapa“ von Sarah Judith Mettke, die Geschichte einer Fünfzehnjährigen, die damit fertig werden muss, dass ihr Vater transsexuell ist. Hätte diese Komödie es in den Wettbewerb der Berlinale geschafft, hätte wohl Devid Striesow in Frauenkleidern den Preis als bester Hauptdarsteller erhalten, den er auf einem Nachwuchsfestival nicht mehr bekommen kann.
Starker Auftritt für den Nachwuchs
Mit seinem Missbrauchsdrama „Michael“ gewinnt der Österreicher Markus Schleinzer den Ophüls-Preis
SAARBRÜCKEN.
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