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22. November 2011 Von Alexandra Eckhardt

Körperkunst und große Liebe

Eine Liebe zwischen zwei außergewöhnlichen Menschen, die „überwältigend, intensiv und Teil ihrer Kunst“ ist

| Vergrößern | Für die Kunst legen sich Jaye Breyer (links) und Genesis P-Orridge gemeinsam unters Messer – und werden sich immer ähnlicher. Foto: Marie Losier
DARMSTADT. 


Eigentlich sollte es ein Musikfilm werden, aber das Leben schrieb eine außergewöhnliche, preisgekrönte Liebesgeschichte: Vor etwa sieben Jahren lernt die in New York lebende Regisseurin Marie Losier den Industrial-Musiker und Performance-Künstler Genesis P-Orridge nach einem seiner Konzerte kennen. Schon zwei Wochen später begleitet sie seine Band „Psychic TV“ (ehemals „Throbbing Gristle“) auf deren Europa-Tournee und beginnt, Material für eine Musikdokumentation zu drehen.
Als sie aber mit „Gen“ nach New York zurückkehrt und seine Lebensgefährtin Jaye Breyer kennenlernt, ist ihr sofort klar, dass sich ihr Film der Liebe dieser beiden widmen würde. Eine Liebe zwischen zwei außergewöhnlichen Menschen, die laut der Regisseurin „überwältigend, intensiv und Teil ihrer Kunst“ ist. „Ich konnte ihre Arbeit nicht von ihrem Leben trennen“, sagt Marie Losier gegenüber dem ECHO. „Also habe ich eng mit den beiden zusammengelebt, um sie in allen Lebenslagen zu filmen.“

Und dieses Leben, das Marie Losier porträtiert, mutet mitunter recht bizarr an. Denn Gen und Jaye sind Grenzgänger zwischen den Geschlechtern. Der stämmige Gen schlüpft am liebsten in Frauenkleidung, Jaye spielt mit ihrer Androgynität und sträubt sich gegen die Festlegung auf ein Geschlecht. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität, die Frage nach geschlechtlicher Zugehörigkeit geht bei den beiden aber noch ein Stück weiter: Gen und Jaye unterziehen sich zahlreichen Schönheitsoperationen, um einander immer ähnlicher und schließlich ein neues, drittes Wesen zu werden. „Pandrogynie“ nennen sie diese radikale Kunstform. Das Werk aber bleibt unvollendet: Jaye stirbt während der Dreharbeiten und Gen bleibt alleine zurück.
Was Boulevardzeitungen als Freak-Show für die Massen ausschlachten würden, porträtiert die aus Frankreich stammende Regisseurin Marie Losier behutsam, fröhlich und bunt, ohne ihre Protagonisten auszustellen oder zu karikieren. Dies brachte ihr Preise auf zahlreichen Festivals ein, auf der diesjährigen Berlinale wurde sie mit dem Teddy-Award und dem Caligari-Filmpreis ausgezeichnet.
Mit Archivaufnahmen und selbst gedrehtem Material aus mehr als sieben Jahren hat
Losier eine sprunghafte, vielschichtige und intime Collage aus Musik, Live-Auftritten, privaten Fotos und Filmen geschaffen.

Film ab

Am Donnerstag (24.) stellt Regisseurin Marie Losier um 20.30 Uhr im Darmstädter Programmkino Rex ihren Film vor.

Dabei findet sie eine Bildsprache, die mit den Charakteren verwandt zu sein scheint und mit dem Soundtrack Hand in Hand geht: Genesis P-Orridge bevorzugt für seine Musik die „Cut-up-Technik“, die aus zufälligen Geräusch-Fragmenten schöpft und in der dadaistischen Tradition steht.
In das virtuose Bildergeflecht stickt die Regisseurin dabei auch immer wieder Hintergründe, die das schrille Künstlerleben kontrastieren und auf eine nachdenkliche Ebene tragen, die über den Film hinauswirkt: die zwei kleinen Töchter Gens, ein Trauma aus der Schulzeit, die Hetzjagd der britischen Boulevardpresse und letztendlich der überraschende Tod von Lady Jaye, der aus der Dokumentation eine Ballade macht.
Acht Monate benötigte Marie Losier für den Schnitt, und als sie Gen das erste Mal den fertigen Film zeigte, sei das beängstigend gewesen – aber auch sehr bewegend: „Sie (Gen) sah den Film, weinte viel, ging nach Hause, rief mich acht Stunden später an und sagte: ,Marie, du hast mir das schönste Geschenk meines Lebens gemacht.’“

 
 


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