Noch aus Zeiten, als Berlin eine geteilte Stadt war, gilt die Berlinale als das politischste der großen Filmfestivals neben Cannes und Venedig. Und wenn Mike Leigh (68), einer der großen Regisseure des sozialkritischen „New British Cinema“ die Jury leitet, dann wird am Tag der Preisverleihung (18.) der Blick wohl ohnehin auf jene Werke fallen, die der Welt und ihren Problemen in besonderer Weise zugewandt sind.
Eröffnet werden die Festspiele allerdings im historischen Kostüm: Benoit Jacquots Historiendrama „Leb wohl, meine Königin“ spielt 1789 am Hofe von Louis XVI. Die französische Revolution dämmert herauf, Königin Marie Antoinette (Diane Kruger) plant die Flucht. Ihre Vorleserin Sidonie soll als Doppelgängerin Häscher ablenken. Sie hält diese Hinterlist für eine Ehre.
Wie eine thematische Klammer im Schlussteil des Programms wirkt die dänische Historien-Parabel „Die Königin und der Leibarzt“: Ein Armenarzt begleitet 1768 den psychisch labilen Dänenkönig auf einer Europareise. Als Vertreter der Aufklärung nähert er sich auch der Königin, übernimmt Staatsgeschäfte. Schließlich landet dieser Vordenker der französischen Revolution vor Gericht. In Zeiten von arabischen Revolutionen, Occupy-Bewegung und Wutbürgertum könnten sich aktuelle Bezüge auftun.
3Sat überträgt am Donnerstag (9.) ab 19 Uhr die Eröffnung der Berlinale. Auch das ECHO ist beim Festival vertreten: Stefan Benz berichtet vom Auftakt, Johannes Breckner vom zweiten Teil der Filmfestspiele. Internet: www.berlinale.de
Viele Teilnehmer des Wettbewerbs stoßen aber auch direkt auf Probleme der Gegenwart. Das Schicksal von Kindern steht im Fokus von drei französischen (Ko-)Produktionen. Ursula Meier („L’enfant d’en haut“) zeigt, wie sich ein Zwölfjähriger in einem Skigebiet als Dieb durchschlägt. Kim Nguyen („Rebelle“) betrachtet das Schicksal einer Kindersoldatin. Frederic Videau („A moi seule“) zeichnet das Psychogramm einer traumatisierten Frau, die als Mädchen entführt und weggesperrt wurde. Das erinnert an Fälle wie jenen der Natascha Kampusch in Österreich.
Inspiriert von einer Mordserie in Ungarn, untersucht Bence Fliegauf („Just the wind“), wie Pogromstimmung die Minderheit der Roma in Schrecken versetzt. Brillante Mendozas „Captive“ wiederum hat die Entführung von Touristen durch eine Rebellengruppe der islamistischen Abu Sayyaf auf der philippinischen Insel Jolo im Jahr 2000 als Vorlage. Damals wurde auch eine Familie aus Göttingen verschleppt. „Der Film nimmt seine Zuschauer in Geiselhaft“, heißt es in der Ankündigung. So ließe sich auch eine Anforderung an die Bären-Konkurrenz formulieren: Kino, das den Betrachter gefangen nimmt.

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