Was J.R.R. Tolkien verheißt, muss das Kino-Marketing begeistern: „Ein Ring sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkle zu treiben, auf ewig zu binden.“ Die Inschrift des verfluchten Schmuckstücks beschreibt treffend, wie Peter Jacksons Filme auf Fans der Bücher wirken. Der Zauberspruch hat schon einmal geholfen, „Der Herr der Ringe“ spielte vor zehn Jahren in drei Folgen fast drei Milliarden Dollar ein. Jetzt beschwört Jackson die Magie der Trilogie erneut, doch diesmal ist die Vorlage kein 1200-Seiten-Wälzer, sondern das Kinderbuch „Der kleine Hobbit“. Daraus sollen drei Fantasy-Spielfilme werden? Ist Peter Jackson denn jetzt der Sauron des Kinos, ein böser Zauberer, der Bilder aus der Literatur herauszwingt, um willenlos Leser an die Leinwand zu fesseln? Nun, die ersten 170 Minuten sind jedenfalls nicht dazu angetan, diesen Verdacht zu zerstreuen.
Peter Jackson macht aus dem leichten Erzählton, in dem Tolkien 1937 von den Abenteuern des Hobbits Bilbo Beutlin berichtete, schwer schleppende, mächtig dröhnende Monumental-Fantasy. Es ist die Vorgeschichte zum „Herrn der Ringe“, doch anders als 2001, als sich Hobbit Frodo in „Die Gefährten“ aufmachte, liegt diesem Anfang nun kein Zauber inne. Ziemlich trödelig legt Peter Jackson los. Für die ersten 60 Seiten des Buches, in denen ja herzlich wenig geschieht, braucht er eine Kinostunde. Frodos Onkel Bilbo (Martin Freeman) kriegt Besuch von 13 Zwergen, deren Fresslust Würstchen für Würstchen gefeiert wird. Dann stimmen sie auch noch Folksongs an, und man muss das Äußerste fürchten: ein „Hobbit“-Musical!
Ganz so schlimm kommt’s dann nicht. Der Zuschauer trifft einige alte Bekannte, wie Ian McKellen und Christopher Lee als grummelige Zauberer, Cate Blanchett und Hugo Weaving als Elben, die grässlich pathetisch drauf sind. Nebenbei macht Peter Jackson wieder Tourismuswerbung für Neuseeland, das zwischen Highlands und Hochgebirge einen prächtigen Mittelerde-Abenteuerpark abgibt, wo Orks auf Monsterwölfen und Zwerge auf Ponys reiten. Zwei Stunden geht das so. Es tut sich ständig was, aber es passiert eigentlich nichts. Die kleinen Helden liegen auf der dramaturgischen Streckbank.
Wenn der erste Teil der „Hobbit“-Trilogie neben all den Wanderungen und Kämpfen ein Thema hat, dann ist es Heimat und Vertreibung. Biedermann Bilbo schließt sich Zwergenprinz Thorin (Richard Armitage) und seiner Knubbelnasen-Kohorte an, die nach dem Napalm-Angriff eines Drachen als Vertriebenenverband wenig Solidarität von anderen Völkern erfahren haben. Doch davon erzählt Jackson eher nebenbei, das verdichtet sich nicht zum tragenden Motiv.
So beginnt denn das Herz des „Hobbit“ erst in der dritten Stunde kräftiger zu schlagen, als endlich der Ring ins Spiel kommt – und mit ihm das von ihm geistig wie körperlich deformierte Höhlenmonster Gollum. Die von Andrew Serkis mimisch und gestisch geprägte Computerkreatur spielt wieder alle an die Wand. Wie dieses Wesen mit den großen Augen und dem schizophrenen Geist sowohl Wut als auch Sanftmut, Verzweiflung wie Freude ausdrücken kann, ist immer wieder verblüffend.
Als als Gollum seinen Ring verliert und ihn Bilbo an sich nimmt, zeigt sich exemplarisch, dass Peter Jacksons Kino der fantastischen Überwältigung immer dann am besten ist, wenn es sich als Kammerspiel klein macht. Das gilt auch für die Szenen mit den tumben Trollen, die Zwerge grillen wollen, für den Ork-König mit dem schlabbrigen Kropf und für den Zauberer Radagast, der als Öko-Zausel Magic Mushrooms mampft, moribunde Igelchen rettet und mit einem Karnickel-Schlitten über Land prescht. Nicht umsonst erinnert dieser Auftritt von Sylvester McCoy an den Krötenstreichler Catweazle aus dem Kinderfernsehen der Siebziger.
In solchen Momenten entfaltet der Film einen kindlichen Charme, der sonst von Kalkül und Krawall überdeckt wird. Denn Kinderkino hat Peter Jackson ja offensichtlich gar nicht im Sinn, er verwaltet die Schauwerte seines Spektakels wie ein Effekt-Controller. So darf der Drache, der im Buch anfangs noch gar nicht auftaucht, schon vor dem Vorspann 15 Minuten unter den Zwergen wüten. Man sieht ihn aber nicht, sondern nur sein Feuer. Und ganz am Schluss sein Echsenauge, als würde Godzilla blinzeln.
Da zwinkert einem das Kino zu: Du musst auch den zweiten Teil sehen. So sehr Peter Jackson auch zunächst die Schaulust trübt, so geschickt dosiert er seine Sensationen am Schluss, auf dass Schausucht entstehe. Wer am Anfang nicht einschläft, mag am Ende doch gebannt sein. Dann wirkt der böse Zauber.
Ab zwölf Jahren.
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„Der Hobbit – Eine unerwartete Reise“
Der erste von drei Fantasyfilmen, die einem kleinen Buch folgen
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