Das hat er nun davon. Franz Xaver Kroetz (65) wollte 25 Jahre nach „Kir Royal“ nicht mitmachen bei der Fortschreibung der legendären Fernsehsatire im Kino. Drum lässt Helmut Dietl (67) ihn eben sterben. Noch im Vorspann erfahren wir, dass der Münchner Klatschreporter Baby Schimmerlos als Altplayboy in Berlin auf seiner Harley gegen das Brandenburger Tor gerauscht ist. Senta Berger als seine alte Freundin Mona und Dieter Hildebrandt im Rollstuhl als sein Fotograf Herbie sind zum letzten Geleit gekommen. Alle anderen Trauergäste sind Statisten, die Promi-Chauffeur Max Zettl engagiert hat. So beerdigt man seinen großen Erfolg mit einer fiesen Farce.
Der Weg ist also frei für den Nachfolger: Comedian Michael Herbig spielt Zettl als Hochstapler, der sich keine Mühe geben muss, auch die absurdeste Anmaßung glaubwürdig zu verkleiden. Hier lügt eh jeder. Als windiges Faktotum eines Schweizer Unternehmers avanciert er zum Chefredakteur einer Onlinezeitung. Das hat viel Chuzpe und wenig Charme, weil die Frechheit so routiniert daherkommt, weil dieser Narr mit Schirmmütze nie mehr sein will als eine Kunstfigur.
Was „Zettl“ fehlt, ist das, wovon „Kir Royal“ und später die Schickeria-Satire „Rossini“ nur so strotzen: eine Erdung im Milieu. Dietls Berlin ist ein Nicht-München, die Hauptstadt von Irgendwo. Statt eingefleischter Schickeria nur dahergelaufene Mischpoke. Dabei sprechen sie alle Dialekt, als solle der Zungenschlag beglaubigen, dass die Figuren urwüchsige Typen sind. Doch die Mundartkomödie markiert nur die Beliebigkeit des Sujets. Was man angesichts großer Schauspieler, die viele Kabinettstückchen abliefern, schmunzelnd in Kauf nehmen mag.
Ulrich Tukur gibt den Großblender Urs Doucier mit manieriertem schwyzer Akzent. Harald Schmidt schwäbelt sich mit schütterem Schwellkopf als Ministerpräsident von Meck-Pomm durch seine Szenen. Karoline Herfurth berlinert als Liebchen der Mächtigen trefflich, doch es bleibt Dagmar Manzel als Bürgermeisterin der Hauptstadt vorbehalten, mit Schnauze zu beglaubigen, dass diese Satire wirklich an der Spree spielt und nicht nur im Politmedia-Einerlei, das wir aus Dietls flauer Satire „Late Show“ von 1999 kennen.
Zumeist aber wirkt die Regie des Münchners irgendwie heimatlos. Sein Berlin-Scout Benjamin von Stuckrad Barre konnte ihm als Ko-Autor offenbar nicht solch wertvolle Dienste leisten, wie das dem Literaten Patrick Süskind bei „Kir Royal“ und „Rossini“ gelungen war. Die Story von „Zettl“ ist mit Nachdruck böse, aber nie brillant. Vor allem ziemlich verzettelt.
Wie unter Originalitätsdruck kommen ständig neue Randfiguren ins Spiel – vom Rosa-Luxemburg-Revuegirl über die russische Altenpflegerin bis zum japanischen Aktionskunst-Innedesigner. Bis endlich alle Hauptfiguren vorgestellt sind, ist der Film fast halb vorbei. Dann wird ein Dilettant Chefredakteur, ein Bundeskanzler (Götz George) verdämmert geistesumnachtet im Amt, und eine Bürgermeisterin, die ein Mann ist, wird unbefleckt zur Mutter.
All diese Skandale und Intrigen liegen wie bei einer TV-Serie episodisch nebeneinander, sodass man darauf wartet, wann endlich die Werbeunterbrechung kommt. Für großes Kino fehlt die stabile erzählerische Klammer. Wäre dies eine Fernsehfortsetzung von „Kir Royal“, dann müsste solch eine Serie den Titel tragen „Berliner Weiße mit Stuss“.
Ohne Altersbeschränkung.
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„Zettl“
Viel Chuzpe, wenig Charme: Helmut Dietl spürt dem Erfolg seiner großen Fernsehsatire nach
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