,,Wo die wilden Kerle wohnen"
Spike Jonze verfilmt den Bilderbuchklassiker von Maurice Sendak
Max macht Ärger und muss hungrig zu Bett gehen. Da verwandelt sich sein Kinderzimmer in einen Wald, und ein Tagtraum trägt ihn fort in ein Land der Monster, wo der Knabe König wird. In zehn Sätzen und wenigen einprägsamen Bildern hat Maurice Sendak diese ebenso bedrohliche wie befreiende Geschichte 1963 mit der Feder entworfen. ,,Wo die wilden Kerle wohnen" ist längst ein Bilderbuchklassiker, doch Sendak musste 81 werden, um jetzt die Kinoadaption zu erleben. Kein Kinderfilm, sondern ein Film über Kindheit sei das, hat Regisseur Spike Jonze (,,Being John Malkovich") gesagt. Und ein Kinderfilm wäre bei dieser sehr überschaubaren Handlung wohl auch nur ein Kurzfilm geworden. Jonze und Drehbuchautor Dave Eggers malen die Vorlage in 100 Filmminuten zwar effektvoll aus und fabulieren sich weiter fort in die Fantastik, doch interessieren sie sich dabei weniger für die Geschichte als für die Gefühle: Wie ist das, so klein und verlassen zu sein? So ohnmächtig in der Realität und so allmächtig in der Fantasie. Sendaks Buch ist für Leser ab vier, der Film wohl eher für Zuschauer ab 40, die sich noch mal erinnern wollen - versinken in einem vergessenen oder verdrängten Kinderweltschmerz. Spike Jonze (40) erzählt das zunächst mit Wackelkamera aus der Perspektive des Dreikäsehochs, der alleine spielen muss, mit dem Gartenzaun redet und eine Schneehöhle gräbt. Die große Schwester greift nicht ein, als ihre Freunde Max bedrängen, und die allein erziehende Mutter (Catherine Keener) hat einen neuen Mann im Wohnzimmer sitzen. Max springt brüllend auf den Küchentisch, fühlt sich verlassen, fordert Aufmerksamkeit und flieht in seinem Wolfskostüm in die Nacht.
Es wird eine Reise in die Fantastik, eine Bootspartie übers Meer an jene Küste, wo die wilden Kerle wohnen, die einen kleinen Buben fressen würden, wenn sie nicht einen großen König brauchten. Es sind die Dämonen seiner Kindheit, die er zähmen muss. Im Buch wirken sie eher kess, im Film eher melancholisch. Was sich als Lektüre prägnant und schnell ausbreitet, wird im Film zur kontemplativen Selbstbesinnung des kleinen Wüterichs, den Max Records mit einer Entdeckerlust verkörpert, die der schiere Spaß am Staunen ist. Dazu bietet der Film ja auch die schönsten Anlässe. Spike Jonze zeigt ungemein einfühlsam , wie bezaubernd und dabei doch immer auch betrüblich diese kleine Weltflucht ist. Jim Hensons Firma hat die Puppenmodelle gebaut, die mit Zotteln und Krallen, Hörnern und Federn aussehen, als hätten die wilden Kerle ihren Erstwohnsitz in der Sesamstraße. In Maurice Sendaks Wald, der an einer südaustralischen Steilküste liegt, werfen sie mit Dreck, zerdeppern ihre Korbflechthäuschen, hauen Löcher in die Baumstämme. Sie sind bockig und verdruckst, mutig und bänglich, jaulen in den Wind und kuscheln zusammen - ein Haufen ungezügelter Empfindungen im Fellmantel. In diesem Rudel kann Max seine elementare Verzweiflung und Wut abschütteln, und Karen O macht dazu mit ihrer Band ,,Yeah Yeah Yeah" eine Musik, die dem kleinen Helden eine innere Stimme gibt und das Treiben kongenial anfeuert. Wenn Max endlich Heimweh bekommt und Segel setzt Richtung Muttern, dann ist die Trennung von den traurigen Monstern für den großen Zuschauer herzzerreißend. Es ist schließlich auch ein zweiter Abschied von der eigenen Kindheit. Für den kleinen Abenteurer aber ist es eine Heimkehr in die Geborgenheit.
Ab sechs Jahren.
Mehr dazu unter wwws.warnerbros.de/wherethewildthingsare/
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