,,Whatever works"
Kulturschock für einen Menschenfeind: Woody Allen ist zurück in New York und schickt einen neuen Stadtneurotiker durch Greenwich Village
Boris Yellnikoff (Larry David) ist zu intelligent für diese Welt. In der Quantenmechanik hat es der ergraute Hagestolz fast bis zur Nobelpreis-Nominierung gebracht. Im Leben aber hat er einen fatalen Hang, immer mal wieder aus dem Fenster zu springen. Seit der exzentrische Eierkopf sich von seiner Frau getrennt hat, gibt er sich als gehässiger Großstadt-Eremit der Menschenverachtung hin. Um den ätzenden Einsiedler aus der Reserve zu locken, schickt Regisseur und Autor Woody Allen ihm erst ein junges Ding aus den Südstaaten nach Hause, dann deren lebenshungrige Mutter und schließlich den stockkonservativen Vater. Das Mädchen Melodie (Evan Rachel Wood) aus Mississippi zieht bei Yellnikoff ein, was den Physiker zu einem Kollegen des Linguisten Henry Higgins aus dem Musical ,,My Fair Lady" macht. Der kluge Kauz und das Dummerle aus den Südstaaten lernen voneinander: Ihre Naivität kommt bald schon ein wenig verschroben daher, dafür kriegt seine Miesepetrigkeit einen milden Zug. Woody Allen erzählt diese sarkastische Romanze als Kulturschock-Komödie: Alt und Jung, Genie und Unschuld, Land und Stadt, Spießer und Künstler, Heteros und Homos prallen in Yellnikoffs Backstein-Bude und bei Spaziergängen durch Greenwich Village aufeinander. Es ist nach fünf Jahren der erste Film, den Allen in seiner Heimatstadt New York gedreht hat. Und man spürt sofort, warum ihn sein Zwischenspiel in Europa mit vier Filmen (darunter ,,Match Point" und ,,Vicky Cristina Barcelona") kreativ so sehr erfrischt hat. In Manhattan fehlt ihm offenbar neue Inspiration, verfällt er wieder in die alten Muster seiner Stadtneurotiker. Weil sich Allen mit 74 nicht mehr oft vor der Kamera blicken lässt, hat er den zwölf Jahre jüngeren Komiker und Sitcom-Autor Larry David (,,Seinfeld") als Woodys Wiedergänger genommen. Mit kurzen karierten Hosen, steifem Bein, schütterem Haarkranz und großer Brille ist er der schroffere und stattlichere Stellvertreter seines Regisseurs. Neben Panikattacken und Phobien kultiviert Yellnikoff noch eine Form der Paranoia, die es ihm ermöglicht, zum Zuschauer zu sprechen. Seine Wahnvorstellung ist es, dass wir Kinogänger ihn beobachten, weshalb er gern kommentierend in die Kamera monologisiert, dabei wie ein Latenight-Talker aus dem Fernsehen klingt. ,,Whatever works" ist im Original sein resignatives Motto, was die Synchronisation übersetzt mit ,,Hauptsache, es funktioniert". Treffender wäre wohl: Wie es gerade passt. Den dramaturgischen Mangel seiner Story macht Woody Allen zur Methode, befördert eine verlassene Landfrau (Patricia Clarkson) zur Hippie-Bigamistin, beschert einem stockkonservativen Christen sein Coming Out und dem Neurotiker auch endlich einen Psychiater. Über 90 Minuten läuft die Umschulung der verstockten Amerikaner als oft bissige, aber kaum einmal sprühende Konversationskomödie ab. ,,Whatever works" war dabei wohl nicht nur das Motto von Yellnikoff, sondern auch die Regieanweisung von Allen, der eine alte Geschichte erzählt, wie es gerade passt.
Ab zwölf Jahren.
Mehr dazu unter www.whateverworks.centralfilm.de/
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