,,Up in the Air"
Ich fliege, also bin ich wichtig: Tragikomödie mit einem Handlungsreisenden der Massenentlassungen
Ryan Bingham (George Clooney) ist ein Überflieger der Wirtschaftskrise. Der Mann geht in die Luft, weil Amerika am Boden liegt: 322 Tage im Jahr jettet er übers Land, um Arbeitnehmern so schonend wie möglich und so sachlich wie nötig beizubringen, dass sie rausfliegen werden. Das Überbringen schlechter Nachrichten ist in seiner Boombranche eine Dienstleistung für Motivationskünstler. Ryan, dem das Fliegen alles ist, erklärt den Menschen, dass der Absturz eine Chance sein kann. Dabei ist dieser Handlungsreisende der Massenentlassungen kein Menschenfeind oder Zyniker, sondern ein Poet der Einsamkeit und Philosoph der Isolation. Auf Seminaren für Flexibilität und Einsatzbereitschaft ist er ein Prediger des leeren Rucksacks: Das Leben ist schwer genug, schleppe nicht noch Dinge und Menschen mit, die nur Ballast sind. Jason Reitmans Komödie ,,Up in the Air" klagt nicht an, sie konstatiert Entfremdung, Unsicherheit und Unverbindlichkeit in der Arbeitswelt mit leisem Kummer. Das ist die sensible Kunst dieses Regisseurs, der es auch schon verstanden hat, den Zuschauer für einen aalglatten Tabaklobbyisten (,,Thank you for smoking") und eine schwangere Schülerin mit frühreifen Ansichten (,,Juno") zu interessieren. Ryan Bingham schwebt mit seinem Rollkoffer im Transit über den Dingen. Dass diese buchstäblich vom Alltag abgehobene Gestalt dennoch zur Identifikationsfigur taugt, liegt vor allem an George Clooney, der seinen Charme mit leichter Wehmut bricht, hinter dessen Schmunzeln man den Hauch des Zweifels ahnen kann. Ryan hat sich als fliegender Eremit eingerichtet: Seine Wohnung in Omaha ist leer, seine Heimat liegt ja über den Wolken. Aus denen fällt er heraus, als er zwei Frauen trifft: Geschäftslady Alex (Vera Farmiga als reifer Widerpart für Clooney) hat fast so viele Plastikkarten im Portemonnaie wie Ryan und gleicht ihren Terminkalender zwecks Hotelsex gerne Laptop an Laptop mit seinem ab. Uni-Absolventin Natalie (Anna Kendrick) hat ein System entwickelt, wie sich die immensen Reisespesen in Ryans Firma sparen lassen: Man feuert die Belegschaften per Videobotschaft. Natalie, die kleine Technokratin, die eigentlich eine Romantikerin mit Liebeskummer ist, bedroht mit ihrer Idee Ryans Vielfliegerstatus. Mit Alex hingegen steuert er auf Wolke sieben zu - die Landung im Flughafen der Ehe scheint unausweichlich.Ich fliege, also bin ich wichtig, könnte Ryans Lebensmotto lauten. Jason Reitman, Sohn des Komödienspezialisten Ivan Reitman (,,Ghostbusters", ,,Evolution"), setzt dem die tröstliche Botschaft entgegen: Runter kommen sie immer. Irgendwann muss auch der abgehobenste Karrierist erkennen, dass er eine Familie braucht. Und so betreibt Reitman auch keine Systemkritik, stichelt nicht gegen Konzerne. Ganz im Gegenteil: So penetrant wie in diesem Film wurde noch selten Product Placement für Hotels, Fluglinien und Mietwagen betrieben. Reitman setzt den Mechanismen des Marktes vielmehr die Haltekräfte der Familie entgegen, die fester sein sollen als das in den USA ohnehin recht dünne soziale Netz. Regelrecht beschwörend wird das in jenen Szenen mit frisch entlassenen Mitarbeitern, die darüber sprechen, dass sie nicht nur in ein Loch, sondern auch in den Schoß ihrer Lieben gefallen sind: Es sind Aufnahmen mit echten Opfern der Wirtschaftskrise.Irgendwo auf halber Strecke dieses Roadmovies 10 000 Meter über den Highways treffen sich die Reisewege von Ryan, Alex und Natalie, wird das Trio fast zu einer kleinen Familie. Doch Jason Reitman, der eine Romanvorlage von Walter Kirn aufgegriffen hat, verkneift sich lebenspraktische Hilfe, schenkt seinen Figuren nicht das Glück, sondern die Ahnung von einem anderen Leben. Und er ist ehrlich genug, nicht zu behaupten, dass es besser wäre.
Ohne Altersbeschränkung.
Mehr dazu unter www.theupintheairmovie.com
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