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24. Januar 2012 Von Dirk Henninger

„The Artist“

Die Tragikomödie ist eine Hommage an die goldene Ära des Stummfilms

| Vergrößern | Sehnsucht: Peppy Miller (Bérénice Bejo) schmust mit der Garderobe ihres Angehimmelten. Foto: Delphi

Hollywood 1927: Der Stummfilmstar George Valentin (Jean Dujardin, der hier aussieht wie eine Mischung aus Rudolph Valentino, Douglas Fairbanks jr. und Clark Gable) ist ein arroganter Charmeur und Draufgänger. Als er zum ersten Mal mit Tonfilm-Szenen konfrontiert wird, findet er die Ergebnisse lächerlich und lehnt sein Mitwirken an den sogenannten Talkies, also Sprechfilmen, kategorisch ab. Damit zieht er jedoch unfreiwillig einen Schlussstrich unter seine Karriere, denn die Kinozuschauer wollen fortan nur noch Tonfilme sehen, und auch sein Produzent Al Zimmer (herrlich feist: John Goodman) entscheidet sich gemeinsam mit dem Studio, künftig ausschließlich in die neue Technik zu investieren.
Zur gleichen Zeit verliebt sich Valentin bei Dreharbeiten in die Statistin Peppy Miller (quirlig-frech: Bérénice Bejot). Deren Karriere verläuft kurz darauf steil nach oben, und sie entwickelt sich zu einem Superstar des Tonfilms, während Valentins Ehe in die Brüche geht, er aus seiner mondänen Villa ausziehen und seine Einrichtungsgegenstände versteigern lassen muss. Nur sein alter Chauffeur (James Cromwell) und sein kleiner Hund halten ihm noch die Treue.
Die Verbitterung über seinen jähen Absturz führt schließlich zu einer gefährlichen Kurzschluss-Handlung, die ihm fast das Leben kostet. Zum Glück ergreift dann aber Peppy Miller die Initiative, die die ganze Zeit über heimlich in Valentin verliebt war: Gemeinsam treten sie als Hauptdarsteller-Duo in einem Tanzfilm auf, in dem sie alle ihre Talente gewinnbringend ausspielen können.
„Der stumme Film zieht besondere Kunstmöglichkeiten aus seiner Stummheit: Das, was er am Akustischen als wesentlich herausheben will, transponiert er ins Optische (...).“ Das schrieb der deutsche Filmtheoretiker Rudolf Arnheim 1932 in seinem Buch „Film als Kunst“ zu genau dem Zeitpunkt, als gerade die Epoche des Stummfilms von der des Tonfilms abgelöst wurde. Damals vertrat die Mehrheit der Fachleute die Meinung, dass Tonfilme automatisch weniger künstlerisch seien. Denn laut Arnheim liege zum Beispiel bei sprechenden Personen in Stummfilmen das Augenmerk auf einer „Mimik, die nicht Abfallprodukt der Sprachproduktion ist, sondern Eigenwert hat“.
Die Filmhistorie hat dann in der Folge zwar gezeigt, dass auch mit Tonfilmen große Kunstwerke geschaffen werden können und dass das audiovisuelle Erzählen sogar neue Variationen filmkünstlerischen Gestaltens ermöglicht. Dennoch ist nicht abzustreiten, dass das Medium Film mit dem damaligen Übergang seine Universalität verlor. Außerdem war speziell die Bilder- und Formensprache des Films bereits in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ausgereift und befand sich auf einem nicht mehr steigerungsfähigen Niveau.
An diese goldene Ära der Filmgeschichte knüpft nun „The Artist“ an, indem er erfolgreich das Experiment wagt, mit den scheinbar überkommenen Methoden des Stummfilms eine Geschichte zu erzählen, die auch heute noch funktioniert und die Zuschauer zu unterhalten weiß. Der französische Regisseur Michel Hazanavicius (zusammen mit Jean Dujardin drehte er auch bereits zwei „OSS 117“-Agentenfilm-Parodien, die in Deutschland nur auf DVD erschienen sind) hat auf ganz klassische Weise in schwarz-weiß und im 4:3-Format eine höchst vergnügliche Hommage geschaffen.
Tatsächlich kommt der sehr stilvoll inszenierte Film nur mit Musik und einigen wenigen Texttafeln aus – lediglich eine Alptraumsequenz wartet mit Geräuschen auf, was als gelungener künstlerischer Gag zu verstehen ist. Außerdem ist die Tragikomödie auch eine Parabel über Paradigmenwechsel und die Anpassungs(un)fähigkeit der Menschen. In Zeiten des digitalen Wandels und vermehrt aufkommender 3D-Produktionen ist dies für das Kino ebenfalls nicht ohne Bedeutung.
„The Artist“ erhielt den Darsteller-Preis von Cannes für Jean Dujardin sowie drei „Golden Globes“ als beste Komödie, für die beste Filmmusik und den besten Hauptdarsteller. Zudem hat der ohne jegliche Hollywood-Beteiligung entstandene Film auch große Oscar-Chancen. Der Gewinn der begehrten US-Trophäe wäre nicht nur deswegen eine kleine Sensation, sondern auch weil das letzte amerikanische Stummfilm-Experiment – „Silent Movie“ von Mel Brooks – schon 36 Jahre zurückliegt.

Ohne Altersbeschränkung.

Mehr dazu auf http://theartist-derfilm.de.

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