Eigentlich ist die Sache doch ganz einfach, lernt Schüler Peter Parker, alias Spider-Man, am Ende seines ersten Abenteuer-Einsatzes im Literatur-Unterricht. Manche sagen, es gebe nur zehn Arten von Geschichten, doziert die Lehrerin und korrigiert sogleich: „Es gibt nur eine: Wer bin ich?“
Das ganze Leben und die komplette Weltliteratur – alles ein großer Entwicklungsroman. Angesichts dieser kühnen philologischen Verkürzung könnte man sich fragen, warum dann nach Sam Raimis erfolgreicher „Spider-Man“-Trilogie (2002, 2004, 2007) mit Tobey Maguire als Titelheld die Comicfigur im Kino schon wieder ihre Fäden spinnen muss? Unter der Regie von Musikvideo-Spezialist Marc Webb und mit Andrew Garfield in der Hauptrolle erzählt „The Amazing Spider-Man“ 50 Jahre nach der Heftchen-Premiere im Kino erneut davon, wie aus dem Schüler Peter der Spinnenjunge im Latexkostüm wird.
Die Frage, warum man das noch mal erzählen soll, erübrigt sich, wenn man sieht, wie es erzählt wird. Was mit spielerischen Turnhallen-Rangeleien beim Basketball beginnt, steigert sich am Ende zu monströsen Zweikämpfen, die amerikanische Traumata wecken, an Schulmassaker und Biowaffenanschläge erinnern. Schon mit diesem ersten Abenteuer weben die Autoren James Vanderbilt („Zodiac“), Steven Kloves („Harry Potter“) und Spider-Man-Senior Alvin Sargent (85) ihrer Hauptfigur ein derart dichtes Netz, dass man staunt, wie explosiv und wendig sich der Held durch seine komplexe Story bewegt.
Peter Parker läuft zwar noch mit einer Kamera durch die Schule, doch zum Pressefotografen wird er es hier nicht mehr bringen. Andrew Garfield, dessen internationale Karriere als jugendlicher Mörder auf dem Horrortrip der Resozialisierung vor fünf Jahren im Sozialdrama „Boy A“ begann, ist nun bald 29. Den Schüler aber kann er dennoch beglaubigen, weil er nicht Jugendlichkeit vorspielt, sondern die Leiden eines hormonverwirrten Waisenknaben rotäugig und gequält nachempfindet: wie der verstockte und verklemmte Pennäler Peter sich schon morgens in seine Frühstücksflocken duckt, wie der einsame Skater in seinem Kapuzenpulli schier verschwinden will. Das ist eine präzise Studie pubertärer Irrungen, die man im Comic-Kino nicht unbedingt erwartet.
Nach einer knappen halben Stunde von einer genmanipulierten Spinne gebissen, geht der junge Mann in der U-Bahn buchstäblich an die Decke, verprügelt Fahrgäste, zerlegt später das Badezimmer von Tante und Onkel (Sally Field und Martin Sheen) – und weiß gar nicht, wie ihm geschieht. Dass ihm das Drehbuch neben der Suche nach dem Erbe seiner verschwundenen Eltern auch noch eine komplizenhafte Mitschuld am Tod seines Onkels auflädt, vergrößert die Bürde des Helden. Andrew Garfield schultert das sehenswert.
Für die erste Liebe hat Peter Parker denn auch anfangs kein Auge. Emma Stone spielt Klassenkameradin Gwen so nett-adrett, dass sie auch als Referendarin durchgehen würde, entpuppt sich aber als brave Tochter von Recht und Gesetz. Ihr Vater ist der Captain, der sowohl Spider-Man als auch seinen mutierten Gegenspieler Curt Connors jagt. Der Genetiker, der sich im Selbstversuch Reptilien-DNS spritzt, wird zum Echsen-Mann: auch er eine leidende Chimäre.
Rhys Ifans verkörpert diesen verrückten Wissenschaftler, dem der rechte Arm fehlt, als verzweifelten Krüppel. Connors fantasiert eine Welt ohne Schwäche herbei, als habe er zu viel Nietzsche gelesen, monologisiert aber bisweilen, als wolle er für Richard III. vorsprechen. Als Monster ist er so grün wie der Hulk, so echsenhaft wie ein Mini-Godzilla und dabei im Kugelhagel oder auf der Wolkenkratzerspitze so heroisch wie King Kong. Wenn Conners gerade mal wieder halbwegs menschlich ausschaut, brütet er in seinem Behelfslabor in der Kanalisation wie einst der „Dritte Mann“.
Das wiederum passt gut zu Spider-Man, der bei seinen nächtlichen Einsätzen auch etwas von einem Helden der Schwarzen Serie hat. Wenn er am Ende heimlich vom Kirchturm aus im Regen einer Beerdigung beiwohnt, dann ist das fast schon die Verwandlung der Spinne in die Fledermaus – Batman lässt grüßen. Spätestens hier wird klar: Peter Parker ist der Supermann, der diesen Kinosommer retten kann. Es gibt bei diesem Spektakel nur eine schlechte Nachricht: Die für 2014 vorgesehene Fortsetzung kann nicht mehr besser werden.
Ab zwölf Jahren.
Mehr dazu auf www.the-amazing-spider-man.de.
Mehr Videos zum Thema Kino:
Trailer zu den aktuellen Filmen sowie Interviews, Filmausschnitte und mehr gibt es im Video-Center von „Echo Online“.

Merken
|


















