,,Sherlock Holmes"
Robert Downey jr. spielt Arthur Conan Doyles Detektiv wie 007 im Geheimdienst von Queen Victoria
Wer ist denn da in die Londoner Baker Street 221b eingezogen? Und wo ist der viktorianische Hagestolz geblieben, der dort immer gewohnt hat? Der neue Bewohner sieht in seinem Flickenteppichmantel morgens immer etwas verstrubbelt aus und wirkt mit seinem Dreitagebart und dem stutzigen Blick auch sonst, als wäre er gerade nach der Sperrstunde vor dem Pub aufgewacht. So zerstreut er aussieht, so wach ist sein Verstand, wenn's ans Prügeln geht. Dann verbindet dieser derangierte Dandy Action mit Analyse. Gestatten: Bond, Sherlock Bond! So jedenfalls spielt Robert Downey jr. den Detektiv, der in Guy Ritchies neuem Film den Decknamen ,,Sherlock Holmes" trägt. Wer Arthur Conan Doyles Figur als Denker im Sessel in Erinnerung hat, der Fälle durch Beobachtung und Kombination löst, den mag dieser Sherlock Holmes verwirren, was dem Vergnügen aber keinen Abbruch tun muss. Der Mann prügelt sich mit einem französischen Riesen durch eine viktorianische Werft und spielt dabei Schiffeversenken, er rettet eine Schöne aus dem Schlachthaus vor den Sägeblättern, die sonst Schweine tranchieren. Spätestens da gibt es keinen Zweifel mehr: Dieser Mister Holmes hat noch eine Zweitwohnung in der Baker Street 007. Regisseur Guy Ritchie, bekannt durch rasante Gangsterfilme (,,Snatch") zelebriert High-Tech-Action aus dem Industriezeitalter, wobei Sherlock Holmes als dramaturgischer Bremser im Bilderrausch wertvolle Dienste leistet. Der Mann hat ja die Angewohnheit, auch mit den Fäusten zu denken, was etwa im Boxring dazu führt, dass er jeden Leberhaken und jeden Patellasehnenschlag mit Krankheitsbefund und Therapieprognose des Gegners in Zeitlupe antizipiert, um den Gegner anschließend so schnell abzufertigen, dass einem schwindlig wird. Diese Entdeckung der Langsamkeit tut dem Krawall gut.Auch sonst agiert Holmes schneller, als es der unbekümmerte Drehbuchautor Michael Robert Johnson erlaubt, weshalb immer mal wieder in Rückblenden die Frage geklärt werden muss: Mister Holmes, wie haben Sie das gemacht? Robert Downey jr. stattet den Helden mit verschrobener Ironie aus. Er schmaucht noch immer sein Pfeifchen, fidelt nervös auf der Geige, lässt aber diesmal die Finger von Koks und Morphium. Auch ohne Doyles Drogen tappt er schrullig zwischen Genie und Wahnsinn. So hellsichtig er dabei ist, so gerne mag er's duster. Wie im Buche versteht er sich auf Chemie und auch auf Faustkämpfe, wobei diese Randaspekte ins Zentrum treten. Ebenso wie eine Nebenfigur aus dem Holmes-Universum, die in Gestalt von Rachel McAdams zur emanzipierten Gespielin und Gegenspielerin wird, die Holmes nackt ans Bett fesselt - viktorianisch ist eben nur die Kulisse, nicht die Moral. Für Jude Law bleibt da als humpelnder Veteran Watson auf dem Weg in eine bürgerliche Ehe nur eine smarte Nebenrolle. Mark Strong gibt den Finsterling Lord Blackwood mit Edel-Schmiere als satanistischen Scharlatan, der mit magischem Hokuspokus technische Tricks bemäntelt: ein totalitärer Illusionist, der Amerika zur britischen Kolonie machen will.Die zweite Hauptrolle neben Robert Downey jr. spielt ohnehin die Musik von Hans Zimmer, die mit Fidel-Folk und Reminiszenzen an Ennio Morricones Western sounds stets wie eine Einladung zum Tanze wirkt, was dem Spaß über mehr als zwei Stunden gehörig Beine macht. Krimi-Puristen mögen einwenden, dass in der Baker Street 221b, wo einst die kluge Konversation gepflegt wurde, nun ein polternder Hochstapler als literarischer Mietnomade eingezogen ist. Wer es lieber nicht so genau nimmt, freut sich, dass im Hause Holmes mal richtig was los ist.
Ab zwölf Jahren.
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