Der ungeschönte Blick auf Missstände ruft oft die seltsamsten Reaktionen hervor. So wurde dem zweifach oscarprämierten Gesellschafts-Drama ,,Precious" über das in den achtziger Jahren angesiedelte leidvolle Leben eines afroamerikanischen Mädchens aus der Unterschicht in den USA Rassismus vorgeworfen. Der Film zeige nur dumme Klischees, sei eine ,,soziologische Horrorshow" oder gar ,,Armutspornografie", hieß es. Dass Sozialarbeiter aus Harlem, dem schwarzen Problemviertel von New York, in dem die Geschichte spielt, von weitaus schlimmeren Alltagsbeispielen berichteten, wollten viele gar nicht erst wahrhaben.Man kann es indes wirklich kaum glauben, wenn man sieht, was die 16 Jahre alte Claireece Precious (Gabourey Sidibe mit einem fulminanten Schauspieldebüt) alles ertragen muss. Sie wiegt 200 Kilo, wird von ihrer arbeitslosen Hexenmutter (Mo'Nique) als ,,fette Hure" beschimpft und in deren tageslichtlosem Wohnungsloch wie eine Arbeitssklavin gehalten. Hinzu kommt der Rausschmiss von der Schule. Da sie dort ohnehin keine Freunde hat, praktisch fast Analphabetin ist und von ihrer Mutter ständig eingeredet bekommt, sowieso unnütz zu sein, ist Letzteres aber noch ihr geringstes Problem. Denn Precious wurde jahrelang vom eigenen Vater missbraucht, brachte dessen geistig behindertes Kind zur Welt, ist bereits wieder von ihm schwanger und hat sich dabei auch noch eine HIV-Infektion eingefangen.Doch Precious ist nicht dumm. Und sie hat noch Träume, die ihr Mut geben, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Der Besuch einer Sonderschule, wo sie von einer engagierten Lehrerin (Paula Patton) unterstützt wird, ist dabei der erste Schritt. Wie die Jugendliche es trotz aller Widrigkeiten schafft, sich von den Fesseln ihrer Vergangenheit zu befreien, Selbstbewusstsein zu entwickeln und die Aussicht auf ein eigenständiges, glückliches Leben zu bekommen, ist eine der stärksten emotionalen Geschichten, die es bislang im Kino zu sehen gab. Bei der jüngsten Oscar-Verleihung gab es dafür verdientermaßen Trophäen für die beste weibliche Nebenrolle (Mo'Nique) und das beste adaptierte Drehbuch (der Film basiert auf dem Roman ,,Push" von Sapphire).Doch für den mit den Publikumspreisen der Filmfestspiele von Sundance, Toronto und Deauville ausgezeichneten ,,Precious" hätte bei sechs Nominierungen eigentlich noch mehr herausspringen müssen. Vor allem dass Hauptdarstellerin Gabourey Sidibe leer ausging und die Statue stattdessen Sandra Bullock verliehen wurde, ist eine nicht nachvollziehbare Entscheidung. Und ob Kathryn Bigelows heroischer Irak-Kriegsfilm ,,Tödliches Kommando" im direkten Vergleich wirklich der bessere Film ist, sei auch einmal dahingestellt.Allein schon die Leistung von Regisseur Lee Daniels (,,Shadowboxer"), die eitlen Popmusik-Superstars Lenny Kravitz und Mariah Carey so untypisch zu besetzen und in ungewohnter Weise zu präsentieren, dass man sie kaum erkennt (nämlich als verhuschter Krankenpfleger und als hartnäckige Sozialarbeiterin), ist schon mehr als bemerkenswert. Ausschlaggebender ist jedoch, dass das Team um die prominente Co-Produzentin Oprah Winfrey eines jener seltenen Werke geschaffen hat, die ohne erhobenen Zeigefinger humanistische Ideale transportieren, die Zuschauer trotz hartem Realismus mit souveräner Leichtigkeit für sich - und in diesem Fall auch die Protagonistin - einnehmen und noch lange nachwirken. So verwandelt sich Leid letztlich in Hoffnung.Ab zwölf Jahren.
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