Der Belgier Jaco van Dormael lässt sich viel Zeit für seine Filme. Nach dem fulminanten Debüt ,,Toto der Held" (1991) dauerte es fünf Jahre bis zum Nachfolger ,,Am achten Tag", und für sein neuestes Werk ,,Mr. Nobody" gönnte er sich 13 Jahre Pause. Vielleicht ist das auch besser so. Denn wenn alle paar Monate etwas von van Dormael laufen würde, käme das Besondere seines Werks eventuell nicht mehr zur Geltung oder würde sich rasch abnutzen. Doch so überrascht der 53 Jahre alte Filmemacher, der die ersten sieben Jahre seines Lebens in Kelkheim bei Frankfurt aufwuchs, stets aufs Neue mit filmischen Perlen, die als Geheimtipps gelten, weil sie nur in wenigen Kunstfilmkinos laufen. Am Drehbuch, das auf einem eigenen Kurzfilm des Belgiers von 1984 basiert, hat er zehn Jahre lang gefeilt. Da verwundert es nicht, dass nun gleichzeitig drei Liebesgeschichten in die Handlung verwoben sind, der Film zugleich nostalgisches Jugend-Melodram und Science-Fiction ist, philosophische Lebensweisheiten auf Chaos-, String- und Relativitätstheorie treffen.
Nemo (Jared Leto) ist in der medizinisch weit entwickelten Zukunft des Jahres 2092 der letzte alternde Mensch - und wegen dieses Kuriosums auch ein Medienstar. Die Leute wollen wissen, wie das Leben eines 118 Jahre alten Greises verlaufen ist, und sie wollen verstehen, was in diesem seltsamen Geschöpf kurz vor dessen Tod vorgeht. In den Gesprächen mit einem Hypnose-Arzt und einem jungen Journalisten lässt Nemo seine Kindheit, seine Jugendzeit und sein Liebesleben Revue passieren - und der Zuschauer folgt ihm dabei in zahlreichen Rückblenden.Die haben es in sich, denn in Nemos Erinnerung verschwimmen die Grenzen zwischen verschiedenen Lebensentwürfen, sodass alles als großer Schmelztiegel von Möglichkeiten und Assoziationen erscheint, die gleichberechtigt nebeneinander stehen. Als sich Nemos Eltern (Rhys Ifans und Natasha Little) trennen, folgt der Achtjährige einmal seiner Mutter nach Kanada und verliebt sich in die Tochter seines Stiefvaters, während er ein anderes Mal bei seinem Vater in England bleibt und eine andere Liebschaft eingeht. Im Laufe des Films durchlebt er außerdem alle Beziehungen mit seinen drei Traumfrauen aus Kindertagen (Sarah Polley, Diane Kruger und Linh-Dan Pham), die unterschiedlicher nicht sein könnten. Hat Nemo vielleicht einen Weg gefunden, dies parallel zu meistern?
Jaco van Dormaels Filme funktionieren immer auf fast märchenhaft leichte Weise über den Trick, das Kind im Erwachsenen anzusprechen und die Bestandteile der Geschichten als Spielmaterial zu benutzen. Während die Kindheit dabei als paradiesischer Zustand der Geborgenheit idealisiert wird, ist das Erwachsenwerden - und erst recht das Leben als Erwachsener - komplex und schwierig. Im Mittelpunkt stehen also stets nos talgisch geprägte Sehnsüchte nach Urzuständen.In ,,Am achten Tag" hatte van Dormael dieses Prinzip bereits durch eine ,,reine" Liebesgeschichte zwischen Menschen mit Down-Syndrom zugespitzt. Und während der Protagonist aus ,,Toto der Held" aus dem Altersheim ausbricht, um denjenigen aufzuspüren und zu bestrafen, der ihn wegen einer vermeintlichen Baby-Vertauschung im Krankenhaus fälschlicherweise um ein aufregenderes Leben betrogen hat, geht es in ,,Mr. Nobody" auf ähnliche Weise um die Unumkehrbarkeit der Zeit und die damit verbundenen Zwickmühlen, die richtigen Entscheidungen fürs Leben treffen zu müssen.So unkonkret das Gezeigte am Ende bleibt, so reichhaltig ist letztlich der Gewinn für den Zuschauer: Er kann sich seine eigene Version der Geschichte zusammenreimen. In der Aufhebung jeglicher Linearität steckt bei van Dormael eben die Freiheit der Fantasie.Ab zwölf Jahren.Mehr dazu unter www.mrnobody-film.de.
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