Sam und Suzy laufen weg. Weit können sie nicht kommen auf ihrer Insel an der US-Ostküste, irgendwann in den Sechzigern. Der Waisenknabe mit Brille und Fellmütze ist aus dem paramilitärischen Pfadfinderlager desertiert, die kleine Lolita mit den weißen Strümpfen und dem dunkel stechenden Blick nimmt Katze und Koffer, Plattenspieler und Fantasybücher mit auf die kleine Flucht zur ersten Liebe. Die Erwachsenen bleiben ratlos zurück und spüren, dass sie mehr verloren haben als ihre Kinder.
Typisch Wes Anderson: In „Rushmore“ zeigte er 1998 einen jungen Sonderling auf einer Privatschule, der Bezugspersonen sucht. Bei den „Royal Tenenbaums“ (2001) hat der Vater die Familie verlassen und die Kinder in die Krise gestürzt. Und in „Darjeeling Limited“ (2007) reisen drei Söhne nach Indien zur Aussprache mit der abtrünnigen Mutter. Die Erwachsenen geben meist reichlich triste Vorstellungen ab, was jedoch wunderbar komisch ausschaut, weil bei Anderson stets hervorragende Schauspieler am Werke sind.
„Moonrise Kingdom“ bietet ein besonders handverlesenes Ensemble bis in die Nebenrollen mit Harvey Keitel als knorriger Pfadfinder-General und Tilda Swinton in Heilsarmee-Uniform als das herzlose Jugendamt in Person. Scout Master Ward (Edward Norton), der gern ein guter Pädagoge wäre, hadert damit, dass er von den Nöten seines Schützlings Sam nichts wusste. Dorfpolizist Sharp (Bruce Willis), der die Ausreißer finden soll, ist ein unglücklich Liebender, heimlich verbandelt mit Suzys Mutter: Frances Mc Dormand verkörpert sie mit ruppiger Kraft, wenn sie die Familie mit dem Megafon zum Essen ruft. Dabei wäre sie ihrer Tochter gern eine verständnisvolle Vertraute. Dass ihre Ehe noch hält, liegt wohl dran, dass Vater zu lethargisch zum Weglaufen ist – Bill Murray gibt wieder mal einen depressiven Kauz. „Wir sind alles, was sie haben“, sagt die Mutter in der Nacht, als sie spürt, wie weit ihr die Tochter abhandengekommen ist. „Das ist nicht genug“, seufzt Vater ein Bett weiter.
Wes Anderson hat einen Sinn dafür, solche Schwermut mit leichter Hand zu gestalten. Dafür sorgt schon der Spielort: Suzy lebt in einem Puppenstubenhaus mit Leuchtturm, Sam türmt aus einem Pfadfindercamp wie aus dem Kinderbilderbuch. Zusammen stromern sie mit Picknick im Felde und Camping am Ufer über ihre idyllische Insel, die allen Figuren zur kleinen Welt wird. Es ist eine theaterhafte Bühne, an der die Kamera auf der Suche nach skurrilen Tableaus mit Liebe zu seltsamen Details entlanggefahren wird.
Selten war es so anheimelnd und so märchenhaft in Anderson County. Die Trauer über die verlorene Kindheit bürdet der Film den Erwachsenen auf, die Ausreißer aber haben hier die Chance, auf unschuldige Art reif zu werden – irgendwo zwischen Kindheit und Erwachsensein. Sam (Jared Gilman), der schlafwandelnde Brandstifter und Bettnässer, ist mit Pfeifchen und Luftgewehr zugleich ein kleiner Strolch und ein großer Abenteurer. Vor allem aber fürsorglicher Beschützer. Und Suzy (Kara Hayward), die in Rage auch mal zum Messer greift, wird, wenn sie ein Buch in der Hand hat, als Vorleserin auch zur Mutter. Und so ersetzen sich die beiden Liebenden noch vor dem ersten Zungenkuss all das, was ihnen fehlt: die Eltern und den Therapeuten. Wes Anderson erzählt diese grundtraurige Geschichte so hoffnungsheiter, dass einem beim Lachen ganz beklommen werden kann.
Ab zwölf Jahren.
Mehr dazu auf www.moonrisekingdom.de.
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