Ihre Begegnung ist wie ein Tanz. Wenn sie sich annähern, sieht es aus, als wollten sie sich küssen. Und als sie aufeinandertreffen, dann ist es wie die Befruchtung einer enormen Eizelle: Die kleine Erde scheint einzudringen in den gigantischen Planeten Melancholia. Es ist eine kosmische Katastrophe und dabei auch ein sexueller Akt. Im Vorspiel malt Lars von Trier (55) diesen entrückt-anmutigen Weltuntergang rund um einen Barockgarten zu Wagner-Klängen als surreales Kunstvideo mit Sternennebeln und Elmsfeuern in Super-Zeitlupe aus.
Solch eine esoterische Hyperästhetik, wie sie auch Terrence Malick eben erst in „Tree of Life“ beschworen hat, prallt im nächsten Moment auf ein dänisches Wackelkamerakino, das an Thomas Vinterbergs Enthüllungsdrama „Das Fest“ erinnert: Die eben noch heitere Justine (Kirsten Dunst) soll heiraten, doch die Zeremonie zerfällt zusehends, die depressive Braut brüskiert den Gatten und ihren Chef, sie pieselt nachts auf den Golfplatz, treibt’s im Sandbunker mit einem Fremden, badet schließlich wie auf einem Felsen hingegossen nackt im Licht der blau heraufdämmernden Apokalypse. Und immer wieder erklingt dazu die Ouvertüre aus „Tristan und Isolde“. Ganz große Weltuntergangsoper dräut da. So wucht-romantisch, dass selbst unfreiwillige Komik sofort erdrückt wird.
Melancholia, das ist hier nicht nur der Planet Metapher, es ist auch der Gemütszustand der Hauptfigur, der sich bildschön und pathosschwer auf die Geschichte legt. Justines Vater (John Hurt) ist ein Narr, die Mutter (Charlotte Rampling) eine Menschenfeindin. Die Tochter drängt erst zu Paps, bevor sie von bleierner Seelenmüdigkeit niedergedrückt wird und sich schließlich mit Mamas beißendem Nihilismus dem Weltende entgegenstellt. Dass ihr Bräutigam (Alexander Skarsgard) stramm nach Luther vor dem Weltende nicht nur ein Apfelbäumchen gepflanzt, sondern seiner Frau gleich eine ganze Plantage gekauft hat, interessiert die schwermutsschöne Justine nicht. Sie hat in ihrer Gemütsverfinsterung nichts mehr zu verlieren, außer den Erwartungen der Anderen. Der Weltuntergang muss da als Freiheitsverheißung erscheinen.
Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg), die angesichts der Melancholia-Dämmerung um Mann, Sohn und Menschheit bangt, will doch ein perfektes Hochzeitsfest feiern im Golfplatz-Schloss ihres stinkreichen Mannes (Kiefer Sutherland), der mit viel Geld und großem Plan das Glück der Schwägerin und das Geschick der Erde im Griff zu haben glaubt. Doch so wie der blaue Planet am Ende von einem noch viel blaueren Planeten aus seiner Bahn gerissen wird, muss auch das männliche Kontroll-Konzept scheitern.
Der Schluss gehört den Schwestern: Claire versinkt in mütterlicher Ursorge, Justine erstrahlt in überirdischer Todessehnsucht. Von seinen obsessiven Frauenporträts kann Lars von Trier nicht lassen. Immer wieder hat er sie als Opfer und Rächerinnen, Heilige und Hexen gezeigt. Weil Charlotte Gainsbourg, nachdem sie 2009 in „Antichrist“ eine kinderquälende, männerentmannende Dämonin gespielt hatte, hier nun die verzweifelte Mutter geben darf, haben einige Kritiker Lars von Trier schon die Linderung seines Frauenkomplexes attestiert. Dabei führt der Regisseur seine ästhetische Zwangsvorstellung unter zermürbender Kunstqual nur auf ein höheres Niveau: auf den ersten Blick faszinierend anzusehen, über 130 Minuten kaum auszuhalten.
Kirsten Dunst, die dafür in Cannes den Darstellerpreis erhielt, verkörpert hier das Fräulein Melancholia als Wesen, das nicht nur den Mann, sondern symbolisch gleich die ganze Schöpfung bedroht. Die Geschlechter kollidieren wie Planeten. Das ewig Weibliche wirft uns aus der Umlaufbahn.
Ab zwölf Jahren.
Mehr dazu auf www.melancholia-derfilm.de.
„Melancholia“
Untergang in Schwermutsschönheit – Planeten und Geschlechter kollidieren apokalyptisch
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