Zu Beginn braucht Christine (Sylvie Testud) Hilfe beim An- und Ausziehen, kann sich nicht alleine kämmen und muss gefüttert werden. Die junge Frau leidet seit Jahren an Multipler Sklerose, ist auf den Rollstuhl angewiesen. Eineinhalb Kinostunden später erklimmt sie einen Berg, erobert das Herz eines attraktiven Maltesers und tanzt mit ihrem Schwarm auf einem Fest zu romantischer Musik. Ein Wunder?Christine schließt sich einer Pilgergruppe nach Lourdes an, die von den Maltesern unter Leitung von Cecile (Elina Löwensohn) organisiert wird. Der Film von Jessica Hausner erzählt die Geschichte ihrer wundersamen Heilung: Nach einem Besuch der Bäder im französischen Wallfahrtsort kann Christine wieder gehen. Sie ist nicht besonders gläubig, betet jedoch für ihre Heilung und sehnt sich danach dazuzugehören. Sie fühlt sich nutzlos und träumt davon, ein ,,ganz normales Leben" zu führen. Andere Mitreisende wie Frau Hartl und ein älterer Herr sind nicht gekommen, weil sie sich die Linderung körperlicher Gebrechen erhoffen. Vielmehr ist es quälende Einsamkeit, die sie mit anderen Menschen pilgern lässt und von der sie sich Erlösung erhoffen. Und so reihen sie sich ein in die lange Schlange der Wartenden, die von Gott eine Wohltat erbitten. Sähe man nicht so viele Kranke anstehen, es könnten auch die Pforten zu Disneyland sein. Lourdes ist ein 24-Stunden-Betrieb, dessen Glaubensmaschine Pilger auch nachts abfertigt. Die Masseninszenierung von Gottesdiensten kontrastiert mit der stillen Hoffnung auf ein wahres Wunder. Doch der Weg dorthin führt über einen bürokratischen Geschäftsvorgang. Eine ärztliche Untersuchung ist nötig, damit ein Wunder auch zählt.Das Drama um Christine kommt nicht dramatisch daher. Die Kamera ist ein stiller Beobachter, der die Welt durch die Augen der Protagonistin zeigt - meist statisch, genauso wie auch Christine sich nicht vom Fleck bewegen kann. Dieses durch ihre Bewegungsunfähigkeit eingeschränkte Blickfeld ist das Fenster zur Welt, durch das der Zuschauer ihre Sehnsucht nach menschlicher Gemeinschaft und Nähe erlebt.Dabei erscheint der Film auf den ersten Blick so emotionslos, dass schon das Zucken eines Gesichtsmuskels als Spezialeffekt gelten könnte. Als Christine eines Nachts merkt, dass sie sich nach Jahren zum ersten mal wieder bewegen kann, zeigt sie keine Reaktion. Sie steht einfach wortlos auf, geht ein paar Schritte ins Badezimmer und kämmt ihr Haar. Wer sich auf das reduzierte Spiel von Sylvie Testud einlässt, der erlebt, wie intensiv Gefühle mit minimaler Mimik transportiert werden können. Etwa wenn Christine zuschaut, wie zwei junge Malteser ungezwungen miteinander flirten und sie nur der Zaungast ist, in dessen Augen sich zugleich Hoffnung, Traurigkeit und Einsamkeit spiegeln - ein schmerzhaft-rührender Anblick.Umso erfrischender ist der Szenenwechsel, der Christine nach der Heilung zeigt, wie sie mit den anderen einen Ausflug in die Natur genießt. Sie blüht auf, kann wieder teilnehmen an der Welt, die ihr so lange verschlossen war. Das Ärztekomitee in Lourdes zögert indes, ihren Fall als ,,echtes Wunder" anzuerkennen. Denn Christines Krankheit kennt sowohl die Möglichkeit schubhafter Besserungen als auch Verschlechterungen. Christine ist es egal, ob ihre Heilung nun alle Kriterien und Richtlinien für ein Wunder Gottes erfüllt oder nicht. Alles was zählt, ist die Tatsache, dass es ihr besser geht. Reichlich absurd wirkt daher auch ihr Besuch bei den Ärzten. Christine weiß sehr genau, dass es mit ihrer neuen Mobilität schnell wieder vorbei sein kann. Während die Angst eines Rückfalls drohend über ihr schwebt, genießt sie - zumindest für kurze Zeit - das Gefühl, ein neues Leben geschenkt bekommen zu haben.Womit hat Christine die Heilung verdient? Hat Gott sie auserwählt? Und warum gerade sie, die eigentlich nicht gläubig ist? Diese Fragen kann niemand beantworten: Nicht der Pfarrer, nicht Christine, nicht der Zuschauer. Und so bleibt die Ahnung, dass am Ende vielleicht nicht der Glaube den Berg versetzt hat, sondern die Liebe.Ohne Altersbeschränkung.
Mehr dazu unter www.lourdes-derfilm.de
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