Wie schon in „Aviator“, als er sich in den schillernden Unternehmer Howard Hughes (1905–1976) verwandelte, verkörpert Leonardo DiCaprio (37) nun wieder eine große Figur der Zeitgeschichte. Er zeigt Polizeichef Hoover, der ihm kein bisschen ähnlich sah, mit Mitte zwanzig und mit Ende siebzig gleichermaßen überzeugend – und spielt damit wieder mal in der Marlon-Brando-Liga. Mit buschigen Brauen und hoher Stirn verschwindet DiCaprio ganz hinter der Rolle. Derart perfekt ist die Kunst des Maskenbildners, derart durchdringend aber auch die Verwandlungskunst, durch die hier das Psychogramm eines eitlen und eifersüchtigen Karrieristen, eines zugeknöpften und verbissenen Paranoikers, eines mürrischen Ideologen, eines stotternden Muttersöhnchens und verklemmten Anti-Tänzers entsteht. Bei Anhörungen vor dem Kongress aber, wenn Hoover, der unter acht Präsidenten arbeitete, seine politischen Ideen vorstellt, entwickelt er Charisma. Da blitzt der Star DiCaprio unter der Maske auf.
Solch eine Figur wäre ein leichtes Ziel für Agitprop. Zumal Hoover vielen heute nur noch als reaktionärer Kommunistenfresser gilt. So wie er in den Zwanzigern bolschewistische Anschläge mit Massenverhaftungen bekämpfte, galt ihm auch die Bürgerrechtsbewegung der Sechziger als Terrorgefahr. Die neue Zeit und die junge Generation hat er nicht verstanden, in seiner eigenen Jugend aber avancierte er medienwirksam zum Helden im Kampf gegen das Verbrechen. Der milde Konservative Clint Eastwood (81) aber will verstehen, nicht verurteilen. Er führt Hoover nicht als finsteren Machtmenschen vor, sein Porträt flirrt hell-dunkel. Das ist nie so scharf umrissen, dass man diesen Hoover fürchten müsste, und bisweilen so weich gezeichnet, dass man ihn sogar bedauern mag. Im Spannungsbogen zwischen Dreißigern und Sechzigern wechselt Eastwood über zweieinhalb Stunden ständig die Perspektive. Den Rahmen bildet Hoovers Versuch, seine eigene Geschichte in seinen Memoiren zu klittern, was der Film sanft hintertreibt.
Dabei liefert das Drehbuch von Dustin Lance Black („Milk“) Stoff für vier Polizeithriller, die hier allesamt nur angerissen werden: die kommunistischen Unruhen nach dem Ersten Weltkrieg, die Suche nach dem Entführer des Lindbergh-Babys und der Kampf gegen die Mafia in den Dreißigern, schließlich Intrigen gegen Martin Luther King und die Kennedys in den Sechzigern. Die Kommunisten-Hatz unter Senator Joseph McCarthy in den Fünfzigern bleibt ausgespart.
Eastwood lässt keine dieser Geschichten Fahrt aufnehmen, er sucht darin nur Aspekte, die Hoover als wegweisenden Kriminalisten auf Irrwegen charakterisieren: als Mann, der Spurensicherung und Forensik vorantrieb, der das FBI zur machtvollen Polizeibehörde aufbaute, der aber auch ein Überwachungssystem mit Wanzen und Geheimdossiers etablierte. Und der dabei stets auch die eigene Legende im Blick hatte.
Mindestens ebenso stark wie für Hoovers Arbeit interessiert sich Eastwood für sein Privatleben und seine vermutete Homosexualität. So zart er Hoover politisch anpackt, so diskret blickt er in sein Schlafzimmer. Judi Dench verkörpert Übermutter Anna, die den FBI-Chef als moralische Instanz lenkt und ihn vor der Männerliebe warnt. Nach ihrem Tod wird er ihre Kleider anziehen – ein sexuell Zerrissener, der mit seinem Stellvertreter Clyde Tolson (1900–1975) zusammenlebt. Armie Hammer spielt den jungen Tolson als Dandy und müht sich wacker mit der Greisenmaske, die wie ein fleckiger Latexfladen aussieht.
Eastwood inszeniert ihr Melodrama mitfühlend, geradezu sentimental, wenn Hoover und Tolson sich tatterig über dem Frühstücksei zanken. Am schönsten aber offenbart sich Hoovers Liebesleben in jener Szene, als er unbeholfen um die Hand von Helen Grandy (Naomi Watts) anhält: Sie weist ihn ab, und er trägt ihr umgehend sein Chefsekretariat an. Im Büro wird sie ihm verlässlich ergeben bleiben – als treuhänderische Geheimaktenvernichterin auch über den Tod hinaus. Edgar und das FBI: eine Lovestory.
Ab zwölf Jahren.
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