Angefangen hat es mit Steven Spielberg. Im Gaunerstück ,,Catch me if you can" (2002) verkörperte Leonardo DiCaprio einen Hochstapler, der immer ein Anderer sein will und darüber fast den Verstand verliert. Männer, die ein falsches Leben führen, gehörten daraufhin zu seinem Rollen-Repertoire: vom Undercover-Agenten in ,,Departed" über den Kleinbürger, der seinen Lebenstraum aufgibt, im Vorstadtdrama ,,Revolutionary Road" bis zu dem Psychopathen, der seine Paranoia ausleben darf in ,,Shutter Island". An jenen jüngsten Psychothriller von Martin Scorsese scheint Leonardo DiCaprio (35) mit seiner nervösen Energie nun auch in Christopher Nolans Science-Fiction-Spiel ,,Inception" anzuknüpfen.
Wieder ist der Charakterdarsteller mit dem Kopfschmerzgesicht und dem Faible für geistig zerrüttete Charaktere ein Mann, der Frau und Kinder verloren hat und die Rückkehr zur Kleinfamilie in Wahnvorstellungen sucht, was diesmal aber zu seinem Beruf gehört. Doni Cobb ist Gedankendieb. Er wandelt durch die Träume fremder Menschen, um geheime Informationen zu beschaffen. Der nächste Schritt nach dieser ,,Ex traction" soll die ,,Inception" sein, was auf Englisch eigentlich ,,Anfang" heißt, hier aber daherkommt wie ein aus den Begriffen Wahrnehmung (Perzeption) und Einspritzung (Injektion) zusammengesetztes Kunstwort, das die Manipulation von Gedanken im Bewusstsein anderer Menschen beschreiben soll. In der vom Regisseur selbst ausformulierten Geschichte ist das auf der Krimi-Ebene Anlass für einen eher banalen Fall von Industriespionage: Cobb soll einem Firmenerben (Cillian Murphy) unterbewusst so mitspielen, dass dieser Vaters Imperium verkauft. Daneben erzählt Christopher Nolan (39), ein Regisseur mit einem Hang zu verdüsterten und verdrehten Storys (,,Insomnia", ,,Dark Knight") aber auch die Hirnspukgeschichte von Cobbs toter Frau (Marion Cottilard), die durch die Schuldgefühle ihres Mannes in dessen Alpträumen unsterblich geworden ist und nun regelmäßig mit Eifersucht seine Arbeit sabotiert, wenn er sein Geld im Schlaf verdienen will.Für den Regisseur, der sich vor zehn Jahren durch einen furios rückwärts erzählten Thriller um einen Killer mit Gedächtnisverlust (,,Memento") stark eingeführt hat, ist seine neue Geschichte vor allem Gelegenheit, die Handlung labyrinthisch in immer neue Spielebenen zu verlegen: ein Irrgarten der Imagination, in dem sich die Figuren verlaufen und verlieren müssen - von einem Traum in den nächsten. Die Grundidee ist allemal nicht neu. Dass der Mensch sein Leben für einen Traum halten könnte, hat im Barock schon der Dramatiker Calderon de la Barca ergrübelt. Und in den Neunzigern ist die neuronale Manipulation des Menschen in Cyber-Romanen wie ,,Neuro mancer" und Filmapokalypsen wie ,,Matrix" zum gängigen Motiv geworden. Bei Christopher Nolan erinnert die Sache bisweilen an eine LAN-Party, bei der Videospieler ihre Computer verbinden. Ähnlich sind die konspirativen Träumer im Film ,,Inception" vernetzt, entsprechend bewegen sie sich auf verschiedenen Ebenen der Irrealität, und wie bei Spielsüchtigen können sie sich an diese Scheinwelt verlieren. So bewährt die Grundidee, so bestechend ist die visuelle Umsetzung: Nolans Surrealismus bleibt lange ganz nah an der Wirklichkeit, bis sich beim Erwachen die Gedankenwelt in Explosionen und Erdbeben auflöst. Es entstehen Vexierbilder unendlicher Treppen und gekippter Räume, wenn die kindliche Ellen Page als Traumarchitektin Pariser Straßenzüge faltet, als wären sie aus Papier. Zumeist aber entwirft Christopher Nolan düstere Stimmungsräume für seine Figuren: eine Stadt, in der es immer regnet, ein Hotel ohne Ausgang, eine Festung im ewigen Eis und im Untergeschoss von Cobbs Unterbewusstsein eine menschenleere Seelenlandschaft aus Hochhäusern, die wie Dominosteine ihre unendliche Trostlosigkeit geometrisch markieren. So faszinierend das Produktionsdesign von Guy Hendrix Dyas (,,Agora") ist, so enttäuschend mutet das an, was Nolan für diesen Abenteuerspielplatz der Fantasie eingefallen ist: Er inszeniert Geheimaktionen, Verfolgungsjagden und martialische Ski-Akrobatik, wie man das seit jeher von James Bond kennt. Dass während des Traums die Geschichte schneller läuft als im Wachzustand, sich die Schlacht um eine Bergfestung zutragen kann, während ein Kleinbus in Super-Zeitlupe von einer Brücke kippt, ist dabei nur ein kleiner Clou, der allerdings groß gefeiert wird. Ebenso wie die Idee, Bewegungen der Schläfer als Schlingern oder Schwerelosigkeit in die Welt des Traums zu tragen. So mächtig die visuellen Gesten dieses Films sind, so schleppend wirkt sein erzählerischer Gang im Laufe der fast 150 Minuten immer wieder.
Man hat das Gefühl, dass Christopher Nolan sich selbst in das Spiel und seine vielen Ebenen verliebt und verrannt hat. Für den Kinozuschauer ist das wohl nur halb so packend wie für den Regisseur. Es wirkt ein wenig so, als würde man einem entrückten Videospieljunkie dabei zuschauen, wie er nicht von seiner virtuellen Welt loskommt: verwundert über die viele Kraft, die er investiert, und bestenfalls ein wenig besorgt um seine liebste Spielfigur. Doni Cobb agiert nicht nur auf verschiedenen Action-Levels, er hat auch einen Aufzug zu den eigenen Erinnerungen. Das sind verlockend viele Spielräume, in denen Leonardo DiCaprio seine Gestalt erfinden und verlieren kann. Nach diesem Film muss man hoffen, dass er es besser macht als Doni, für den Leben und Traum kaum noch zu unterscheiden sind. Leonardo DiCaprio ist ein Schauspieler, der das Charakterfach sucht und dabei oft den Part als Psycho vom Dienst findet. So eine Traumrolle kann auch zum Fluch werden.Ab zwölf Jahren.Mehr dazu unter wwws.warnerbros.de
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