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07. Februar 2012 Von Stefan Benz

„Hugo Cabret“

Nostalgie in 3D: Großer Bahnhof für Opas Kino

| Vergrößern | Auf den Spuren von Harold Lloyd: Hugo Cabret (Asa Butterfield) hängt an den Zeigern der Bahnhofsuhr, die er heimlich wartet. Foto: Paramount

Die amerikanische Traumfabrik huldigt einer französischen Traummanufaktur. Martin Scorsese (69) verneigt sich in seinem neuen Film vor dem Kinopionier Georges Méliès (1861–1938), der zwischen 1896 und 1912 rund 500 Streifen abdrehte. Méliès kam als Magier zum Film und ist als großer Illusionist des Kinos in die Geschichte eingegangen. Seine Meisterwerke haben mit ihren frühen Spezialeffekten die Erzähltradition von Horror, Fantasy und Science Fiction in den Lichtspielen begründet.
Im Jahr 1931 sitzt der Großvater dieser Großgenres allerdings in Gestalt von Ben Kingsley mürrisch in einem Spielwarenladen im Pariser Gare de Montparnasse. Erst verarmt, dann vergessen, schließlich verbittert, konnte Méliès nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr an seine großen Erfolge anknüpfen. Sein Zelluloid musste er verkaufen, es wurde für Schuhabsätze eingeschmolzen. So weit, so wahr. John Logans Script nach der illustrierten Buchvorlage von Brian Selznick (2007) nimmt diese historische Gestalt als geheimnisvolles Monument, das es in einem fantastischen Kinderabenteuer zu entdecken gilt.
Das schaut aus, als würde Georges Méliès auf Charles Dickens treffen. Im Uhrenturm des Bahnhofs lebt verloren ein Waisenbub, der heimlich die Zahnräder wartet und sich als Taschendieb Ersatzteile bei Spielwaren-Méliès klaut. Der alte Misanthrop erwischt den kleinen Dieb, nimmt ihm das Notizbuch seines Vaters, doch Méliès’ abenteuerlustige Enkelin Isabelle findet in Hugo einen Spielkameraden und im Bahnhof einen Abenteuerspielplatz.
Diesen Raum durchmisst die 3D-Kamera in Fahrten und Flügen vorbei an Interieurs, die bilderbuchartig französisch sind, und hinaus in ein Paris, in dem auch die wunderbare Amélie und die Disney-Ratte Ratatouille heimisch sein könnten. So schwelgerisch die Begeisterung fürs Detail, so innig ist auch die Zuneigung zu den Figuren, die Scorseses Bilder ausstrahlen.
Hugo (Asa Butterfield) hat in seinem Uhrenturm nur einen geheimnisvollen Automatentorso als Objekt der Erinnerung an den Vater und der Hoffnung auf die Enträtselung seines Lebens. In den Augen des Knaben liegt hinter einem kleinen Trotz denn auch stets eine quälende Einsamkeit. Chloe Grace Moretz wiederum bringt resolute Begeisterung mit, weshalb ihre Isabelle wie eine kindliche Ausgabe von Emma Thompson wirkt. Ben Kingsleys weiß den Kummer des Georges Méliès hinter harten Zügen durchscheinen zu lassen.
Vor allem aber verblüfft und begeistert hier Guerilla-Komiker Sacha Baron Cohen („Borat“) als Stationsvorsteher, der hinter Hugo her ist, als wäre dieser ein Pariser Oliver Twist. Als klamaukige Witzfigur mit Dobermann stolpert der kriegsversehrte Hagestolz hinter dem Waisenjungen her. Wie sich auf dieser Hatz seine Beinschiene verklemmt, so verklemmt er selbst bei der Schürzenjagd auf ein Blumenmädchen (Emily Mortimer). Es ist eine große Tölpelei, die von einer tiefen Trauer getrieben ist.
So anrührend diese Figuren sind, so ansteckend ist Hugos Faszination für das Kino, für Douglas Fairbanks als Robin Hood und Harold Lloyd als Fassadenkletterer. Und so wird der kleine Uhrmacher hier auch zum großen Kino-Entdecker, der hilft, das Erbe des Georges Méliès zu bewahren. Scorsese dient sich dabei als eifriger Nachlasspfleger an, empfindet die historische Dreharbeiten im Glashaus-Studio des alten Meisters nach, lässt noch einmal die Rakete im Auge des Mondes einschlagen und kämpfende Gerippe geisterhaft verschwinden. Es ist eine zauberhafte Rekonstruktion, in der das digitale 3D-Kino sich dienstbar dem Andenken ans handkolorierte Jahrmarktskino der Stummfilmzeit stellt. Wenn es für Nostalgie einen Oscar gäbe, hier müsste er verliehen werden. Ansonsten ist „Hugo Cabret“ für elf Academy Awards nominiert, darunter für den „besten Film“ und die „beste Regie“; der große Favorit neben dem nostalgischen Stummfilm „The Artist“.

Ab sechs Jahren.

Mehr dazu auf www.hugocabret.de.

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