„Harry Potter und der Halbblutprinz“
Vier Knutschflecken und ein Todesfall – Hokuspokus der Hormone im sechsten Zauberschuljahr
Joanne K. Rowling beschreibt in ihren sieben Harry-Potter-Romanen die Erziehung eines Zauber-Eleven bis zur Reifeprüfung im Kampf gegen das Böse. Und die Verfilmung des sechsten Schuljahres zeigt nun: Selbst bei G 7 ist noch Zeit für Trödelei in der Penne.
Das Curriculum der Sekundaner im trutzigen Hochland-Internat ist dem Zaubertrank gewidmet. Neben manch anderem Elixier wird da Glück in Phiolen, Verliebtheit im Konzentrat und Erinnerung im Reagenzglas gereicht. Die stärksten Säfte aber sind Östrogen und Testosteron, und gegen den Hokuspokus der Hormone weiß kein Zauberlehrer einen Bannspruch.
Harry und seine Mitschüler sind mitten in der Pubertät – in Hogwarts geht es denn auch bisweilen zu wie bei Hanni und Nanni. Drehbuchautor Steve Cloves hat diese Nebenhandlungen in den Vordergrund gerückt, die düstere Haupthandlung mit dem Mord an einem alten Sympathieträger an den Rand gesetzt.
Eigentlich müsste die Geschichte nun „Vier Knutschflecken und ein Todesfall“ heißen, und das wäre eine Aufgabe für Mike Newell gewesen, der ja 2005 schon den vierten Teil „Harry Potter und der Feuerkelch“ mit Sinn für die romantische Komödie verfilmt hat. Doch stattdessen ist einmal mehr David Yates am Werk, dem dieses Fingerspitzengefühl offenbar abgeht.
Über eine Kinostunde hinweg vertändelt er die Geschichte, nach über 100 Minuten kriegt Harry endlich mal einen scheuen Kuss von der blassen Ginny. Während Daniel Radcliffe unter der Last der Titelrolle wieder angemessen bedrückt aussieht, weil er kaum ein Mal für Turteleien frei bekommt, stiehlt Rotschopf Rupert Grint ihm als Ron die Show:
Der burschikose Klassenkamerad entwickelt sich zum büffelnden Buffo, der als Torwart beim Kampfflug-Rugby namens Quidditch schlottert und bei der Schwärmerei für Mitschülerin Lavender in ein Stadium fortgeschrittener Liebesblödheit verfällt, was wiederum die kleine Streberin Hermine (Emma Watson) eifersüchtig macht.
Noch kein Harry-Potter-Film hat sich so klar an ein Mädchenpublikum gewandt. Das ist mehr elegisch als dramatisch und trägt die Überlänge nicht. Von der düsteren Färbung des Romans sind im Kino nur Tönungen von Grau erhalten, die je nach Sequenz mal ins Silbrige, Grünliche oder Bläuliche spielen.
Vor dem Hintergrund dieser Farbdramaturgie ist die Finsternis der Handlung in weite Ferne gerückt. Dass im Roman auch den Menschen übel mitgespielt wird, ist nicht mehr als ein apokalyptischer Augenblick am Anfang, als die Londoner Millenium-Brücke schwankt und bricht wie in einem Katastrophenfilm von Roland Emmerich.
Ansonsten verkriecht sich das Böse und kommt selten aus seinem Schmollwinkel raus. Alan Rickman, der bisher stets so fies funkelte, wirkt nun als Professor Snape mal wie in Trance, mal wie vereist. Helena Bonham Carter sticht ihn mit ihren kurzen Auftritten als lüstern böse Bellatrix locker aus und knüpft damit an ihre schaurig schöne Partie als kannibalische Pastetenbäckerin im Kinomusical „Sweeney Todd“ an.
Lord Voldemort lässt sich nur in Rückblenden blicken als Sextaner mit satanischem Snobismus. Hero Fiennes-Tiffin, Neffe von Voldemort-Darsteller Ralph Fiennes, spielt das wie einen Auftritt aus dem Siebziger-Schocker „Das Omen“. Tom Felton schließlich ist aus seiner Rolle als Junior-Bösewicht Draco Malfoy herausgewachsen und schleicht nun fiebrig wie ein Referendar im Examensstress durch die Schulflure.
In den neun Jahren seit der ersten Verfilmung sind auch andere Schauspieler älter geworden, als es den Figuren gut tut, weshalb das Kollegium von Hogwarts mittlerweile ziemlich vergreist wirkt.
Das trifft vor allem auf Michael Gambon als Direktor Dumbledore zu, der nicht nur mit seinem weißem Rauschebart an den Zauberer Gandalf aus Peter Jacksons „Herr der Ringe“ erinnert. Auf dem sehr späten Höhepunkt des sechsten Abenteuers kämpft der Direktor mit Harry um ein Medaillon in einem Höhlensee, aus dem Lemuren aufsteigen, was Tolkien unübersehbar ins Spiel bringt.
Zuvor muss Harry als informeller Mitschüler im Auftrag des Direktors den neuen Misstrauenslehrer Horace Slughorn überwachen, weil dieser einst den amtierenden Oberfinsterling Voldemort unterrichtet hat. Jim Broadbent spielt den Professor als Onkelchen.
Seinen ersten Auftritt hat er als verwunschener Sessel, und als er wieder Menschengestalt annimmt, bleibt er immer noch so gemütlich und zerknautscht wie sich das für ein englisches Wohnzimmermöbel gehört. Eine rundum nette Vorstellung – aber entsprechend betulich ist sein Zauber eben, was auch dazu beiträgt, dass die 153 Minuten im Kino wie eine einzige Verzögerung vor dem großen Finale wirken.
Dieses Schuljahr hätte Harry locker überspringen können. Mit etwas mehr Konzentration im Lehrplan wäre die Schulzeitverkürzung auf G6 möglich gewesen. Doch auch im Joanne-K-Rowling-Gymnasium ist es wie verhext mit der Kultusbürokratie.
Der letzte Roman „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ soll unter der Regie von David Yates nämlich 2010 und 2011 in zwei Teilen herauskommen. Harry muss nachsitzen. So kommt G 8 durch die Hintertür des Kinos nach Hogwarts.
Ab zwölf Jahren.
Mehr dazu unter www.harrypotter.de
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