Unter Breschnews harter Hand zerbricht der Taktstock von Andrei Filipov: Als der Dirigent des Moskauer Bolschoi-Theaters sich weigert, jüdische Musiker zu entlassen, zerschlägt die kommunistische Führung sein Orchester und degradiert den Dirigenten zum Putzknecht: Statt Klassikerpflege vollzieht Filipov seit 30 Jahren nur noch Raumpflege. Es ist ein Schicksal, das Alexei Guskov derart verschüchtert und verhuscht vorspielt, dass er der ideale Darsteller für ein depressives Sozialdrama wäre. Doch dies wiederum wäre kein Stoff für den rumänisch-französischen Regisseur Radu Mihaileanu, der gern gegen das Schicksal flunkert, die große Ungerechtigkeit der Geschichte mit einem kleinen Schwindel unterläuft. Im Jahr 1998 hat Mihaileanu dies im großen Stil bei seiner Tragikomödie ,,Zug des Lebens" gezeigt: Da wollen sich russische Juden vor der Deportation ins KZ retten, indem sie sich per Zug selbst in die Freiheit deportieren. ,,Das Konzert" ist nun eine nicht minder freche, aber nicht ganz so fantastische Utopie vom Sieg der Hoffnung über die Verbitterung. Durch Zufall kommt Andrei beim Staubwischen an eine Einladung des Bolschoi-Orchesters zum Gastspiel in Paris. Getrieben von einer Mischung aus Sehnsucht und Schuld findet er zu einem schwermütigen Übermut, der ihn dazu verleitet, die Einladung in eigener Mission anzunehmen und seinen vor 30 Jahren zerschlagenen Klangkörper heimlich wieder zusammenzusetzen: Aus entrechteten Krankenwagenkutschern, Putzfrauen und Möbelpackern sollen beim erschlichenen Auftritt im Theatre du Chatelet wieder Musiker werden, die Tschaikowsky leidenschaftlich brausen lassen. Mihaileanu verteilt bei dieser komödiantischen Kommandosache den melancholischen Part an den Dirigenten, der in Paris vor allem die Begegnung mit einer jungen Star-Violinistin (Melanie Laurent) sucht. Für die Chuzpe ist der ehemalige Bolschoi-Manager Iwan (Valeri Barinov) zuständig, der an der Seine seine alten Genossen von den französischen Kommunisten treffen will. Als Autor geht Regisseur Mihaileanu keinem Klischee von seelenvollen Russen, chaotischen Zigeunern und geschäftstüchtigen Juden aus dem Weg. Da gibt es die trübsinnigen Wodkatrinker, den chaotischen Teufelsgeiger und die Schwarzmarkthändler mit Koffern voller Kaviar und Taschen voller Scheine. Am Anfang hat das noch die Kraft der Burleske. Wir sehen die Schießerei bei der Protz-und-Prunk-Hochzeit eines Oligarchen und die Passfälscherwerkstatt im Flughafenterminal. In den besten Momenten ist das fast so, als würde Emir Kusturica ,,Anatevka" verfilmen. Doch in Paris schwillt das Sentiment, und der Witz wird schal. Ivan, der Lenin-Nostalgiker, sucht an der Seine die seligen Sechziger, als sein Kommunismus noch groß war. Damals lief auch ,,Genosse Don Camillo" im Kino, und deshalb ist es vielleicht auch kein Zufall, wenn der Zuschauer bei diesen Auftritten an einen Großvater der Klamotte denken muss: Giovanni Guareschis Dorfbürgermeister Peppone. Auf der Flucht vor der grauen Realität landen Radu Mehaileanus Figuren in einer Farce, deren Farbe verblasst, während ihr Lärm melodramatisch anschwillt, bis Tschaikowsky donnert und die Tränen fließen. Ohne Altersbeschränkung.Mehr dazu unter www.konzert-derfilm.de
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