Das Erste, was wir von der Schönheit sehen, ist ihre monströse Seite: Dorian Gray (Ben Barnes), der viktorianische Dandy, der nicht altert, richtet ein Blutbad an wie Jack the Ripper. Oliver Parkers Verfilmung des Romans von Oscar Wilde aus dem Jahr 1890 beginnt wie ein Serienkillerfilm mit dem Mord am Maler Basil Hallward (Ben Chaplin), als der Künstler erkennt, dass sein Bildnis des Dorian Gray altert, nicht aber der Porträtierte selbst. Was folgt, ist eine Rückblende um ein Jahr, die mehr als die Hälfte des Films einnimmt und den Maler zur Nebenfigur, seine homoerotische Zuneigung zum Randaspekt macht. Der Engländer Oliver Parker, der bereits zwei Theaterstücke von Oscar Wilde mit Sinn für Witz im Kostüm verfilmt hat, wählt für die Prosa einen klugen freien Umgang. Er malt das ,,Bildnis" mit kraftvollem Strich erst im post viktorianischen Vorkriegslondon, später in der Zwischenkriegszeit, zwischen Salon und Gosse stilvoll düster aus, betont dabei eigene Züge, ohne das Original zu entstellen. Weniger Kunst, mehr Leben könnte die Devise gelautet haben, denn die philosophischen Aspekte sind hier sinnlich überlagert. Das fängt schon mit dem prallen Glanz der Ölfarbe auf Basils Palette an und gipfelt in Dorians circensisch anmutenden Orgien, wo selbst der Anblick von Marmelade auf einem unschuldigen Weißmehlbrötchen ungemein obszön wirkt. Die heimliche Hauptrolle spielt in dieser Adaption Colin Firth teuflisch bieder als Lord Henry Watton, Basils Freund und Dorians Verführer. Er hat die zynische Zunge seines geistigen Vaters Oscar Wilde, stets einen Aphorismus parat: ,,Versuchungen wird man nur los, indem man ihnen nachgibt!" Als Voyeur folgt er der eigenen Devise nur so weit, dass er Dorian Gray dabei zusehen kann, wie dieser die Maxime des hemmungslosen Hedonismus ekstatisch auslebt. Ben Barnes verleiht dem jungen Dorian zunächst eine Unschuld, deren scheuer Blick sich kalt verfinstert, als er die makellose Schönheit seines Porträts erblickt. Es ist die Geburt des Bösen aus dem Narzissmus. Oliver Parker, der als junger Schauspieler Mitte der Achtziger am Horrorkino des Clive Barker (,,Hellraiser") mitgewirkt hat, konnte der Versuchung nicht widerstehen, die Deformation des Porträts, das Dorian Gray auf dem Speicher versteckt, auch zu enthüllen: Das Gemälde röchelt, Geschwüre befallen die Leinwand, Maden besiedeln das Bild, gelbe Zähne ragen aus der Ölfarbe, die Kunst wird faules Fleisch. Nur in wenigen Momenten zeigt der Film diese satanische Fratze der Dekadenz, aber in diesen Szenen ist seine meisterliche Verfilmung leider schlicht Schund. Das Zugeständnis ans Kintopp mit einer Verfolgungsjagd in der U-Bahn ist dagegen ein Akzent, der die Dramatik schärft, ohne die Geschichte aus der Balance zu bringen. Und der späte Auftritt einer neuen Figur mag Puristen stören, betont aber im historischen Kostüm die zeitlose Qualität der Fabel. Drehbuchautor Toby Finlay zitiert am Ende eine moderne Frau als Grays Gegenspielerin herbei: Rebecca Hall ist Lord Henrys Tochter, von der Oscar Wilde gar nicht geschrieben hatte. Diese Emily Watton ist eine Suffragette mit dem Fotoapparat, die weiß, was sie will, aber nicht ahnt, was sie kriegt: Dorian Gray, einen alten Kerl mit jungen Zügen. Der Widerspenstigen Zähmung deutet sich nur an. Dies ist vielmehr die verhängnisvolle Affäre zwischen zwei Prinzipien: Der depressive Stillstand flirtet mit dem fröhlichen Fortschritt. Als Dorian sich an Emilys Blaustrumpf vergreift, gerät seiner Manie die Moral in die Quere, vermisst der Genussmensch das Glück. Es ist eine kuriose Pointe für die von Oscar Wilde diagnostizierte Gemütskrankheit des Fin de siècle: Vor seinem schaurigen Seelenbildnis kommt die Emanzipation wie ein Exorzismus über den jugendwahnsinnigen Alten. Ab 16 Jahren.
Mehr dazu unter www.doriangray-derfilm.de
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