Es ist der 29. Mai 1913. Im Théâtre des Champs-Elysées in Paris herrscht Chaos: Die Premiere von Igor Strawinskys modernem Ballett ,,Le sacre du printemps" steht unmittelbar bevor. Hinter den Kulissen bekommen die Tänzer hektisch letzte Anweisungen, während der Saal sich füllt. So beginnt der Film von Jan Kounen, der die Geschichte der Affäre zwischen Coco Chanel (Anna Mouglalis) und Igor Strawinsky (Mads Mikkelsen) erzählt. Sie revolutionierte die Mode, er die Musik. Ihre Amour fou beginnt an jenem Abend, als Coco Chanel zum ersten Mal Notiz von Strawinsky nimmt. Der Film beruht auf dem Roman von Chris Greenhalgh. Während die Affäre von Chanel und Strawinsky nur durch mündliche Aussagen von Zeitzeugen belegt ist, ist ihr enger Kontakt historisch verbürgt.Der Vorhang geht auf, die Vorstellung beginnt. Ausgehend vom Dirigenten dreht sich die Kamera taumelnd um die eigene Achse, zeigt Orchester, Ballettensemble und Publikum. Die Herren tragen Smoking, die weiblichen Premierengäste allesamt edle Roben, überladen mit Schmuck und Spitze. Mit jeder gespielten Note werden die Zuschauer unruhiger und die Film-Schnitte schneller, bis sich der Unmut in einem Tumult entlädt. Tief getroffen von den Buh-Rufen verlässt Strawinsky den Saal. Inmitten des Chaos sitzt Coco Chanel: Sie trägt ein Kleid von schlichter Eleganz, in hellem beige und schulterfrei: äußerst mondän für die damalige Zeit. Inmitten der aufgebrachten Menge fängt die Kamera ihr Gesicht ein, in dem sich pures Entzücken spiegelt. Sie erkennt, dass Strawinskys Musik ebenso revolutionär ist wie ihre Mode - und ist fasziniert.Die Vorstellung ging als großer Theaterskandal in die Geschichte ein und bildet den Prolog der Handlung, die eigentlich 1920 spielt: Sieben Jahre nach der missglückten Premiere lernen sich die französische Modeschöpferin und der russische Komponist persönlich kennen.
Coco, mittlerweile eine wohlhabende Geschäftsfrau, lädt den in ärmlichen Verhältnissen lebenden Strawinsky samt Frau Catherine (Yelena Morozova) und Kindern ein, in ihrem Anwesen bei Paris zu leben. Während die an Tuberkulose erkrankte Catherine schwächer wird, beginnen Strawinsky und Chanel eine Affäre. Catherine leidet, erkennt in Coco eine kühle ,,Menschensammlerin" und verlässt ihren Mann.Kounen legt in seinem Film Wert auf Authentizität. Die Szene der Uraufführung von ,,Le sacre du printemps" wurde am Pariser Originalschauplatz gedreht. Auch Ausstattung und Kostüme sind originalgetreu: Anna Mouglalis trägt einige echte Kreationen und Accessoires Coco Chanels. Die wichtigste Rolle in dem Film spielt die Kamera. Gemeinsam mit der Musik sorgt sie durch Nahaufnahmen und ungewöhnliche Perspektiven für Dramaturgie. Im Gegensatz zur visuellen Wucht des Films steht die unterkühlte Leidenschaft zwischen Igor und Coco. Spannung baut sich auf, bis es zur ersten Liebesszene kommt: Schlagartig ist es ruhig, zu hören ist lediglich das Atmen der beiden. Leise beginnend schwillt es an, bis auf dem Höhepunkt die Instrumente ihren Dienst wieder aufnehmen. Auch die Charakterisierung der beiden Hauptdarstellerinnen geschieht mittels Kameraeinstellungen: Coco Chanel wird von unten gefilmt, so dass der Zuschauer zu ihr aufschaut. Auf Catherine schaut er hinab. So wird der Unterschied zwischen den beiden Frauen visualisiert: Catherine ist der Inbegriff der braven Ehefrau, die sich um die Kinder kümmert, vor dem Essen betet und ihrem Mann den Rücken freihält. Nicht so Coco: Sie ist emanzipiert, unabhängig und strahlt Stärke aus. Am Ende jedoch ist Catherine die Stärkere: Obwohl todkrank und verliebt in Igor, bringt sie die Kraft auf, ihn zu verlassen und die Kinder vom Vater zu trennen.Zur Trennung kommt es auch zwischen Igor und Coco. Es hätte die große Liebe sein können, aber die Egomanen stehen sich gegenseitig im Weg. Coco, die Menschensammlerin, verliert das Interesse an Igor und zieht weiter. Ab sechs Jahren.
Mehr dazu unter www.chanelstravinsky.de.
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