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Die viktorianische Kleiderordnung macht Alice Ärger. Sie soll Korsett und Strümpfe tragen, sagt die Mutter. Ebensogut könne sie sich einen Dorsch auf den Kopf setzen, erwidert die Tochter. Da merkt man, dass dieses Mädchen bei Lewis Carroll in die Grundschule des Surrealismus gegangen ist. Im Wunderland lernt man eben was fürs Leben: Konventionen sind Willkürakte. Und jetzt, da aus dem Kind eine junge Dame (Mia Wasikowska) geworden ist, wird Alice nachgeschult: Tim Burtons Verfilmung des englischen Kinderbuchklassikers von 1865 zeigt die emanzipatorische Grundausbildung der Heldin. Alice soll heiraten: einen pikierten Pinsel aus hohem Hause. Höchste Zeit, mal wieder dem weißen Kaninchen zu folgen und sich kopfüber in eine Fluchtfantasie fallen zu lassen. Für einen Meister der Groteske wie Tim Burton (,,Sleepy Hollow") ist das ein dankbarer Stoff, und so gibt sich der Regisseur mit inspirierter Routine dem eigenen Manierismus hin, was nicht zum Schaden von Lewis Carrolls Fantastik ist. Es sind dies eben die Abenteuer von Alice im Burtonland mit seinen düsteren Ornamenten. Dass der Film auch in einer 3D-Fassung läuft, bringt dabei kaum sinnlichen Gewinn, zumal die Effektbrille die ohnehin oft finsteren Szenerien zusätzlich verschattet. Wobei auch diese Dunkelheit noch psychedelisch glimmt, wenn die geschrumpfte Alice zwischen Riesenpilzen und Monsterorchideen spaziert. Willkommen in einer Disney-Produktion, die in einem Disneyland auf LSD spielt. Die fantastischen Figuren aus den beiden Geschichten ,,Alice im Wunderland" und ,,Alice hinter den Spiegeln" verdecken dabei witzig wuselnd ein recht konventionelles Kunstmärchen. Da gibt es Kröten und Karpfen im Livree, ein Schwein als Fußbank, eine Raupe, die Wasserpfeife raucht, und natürlich die schwerelos schwebende Grinsekatze, die sich lächelnd in Rauch auflöst. Das ist so hinreißend skurril, wie's eben nur Tim Burton kann. Sein kongenialer Schauspieler-Kumpel Johnny Depp ist der verrückte Hutmacher, der als melancholischer Clown derart maskenhaft geschminkt ist, dass man wie bei einem Vexierbild ständig denkt: Das hätte auch Robin Williams spielen können. Helena Bonham Carter verkörpert die rote Königin mit birnenartigem Schwellkopf und cholerischem Temperament, als sollte sie eine Karikatur von Elizabeth I. im Zickenkrieg mit Maria Stuart sein. Wobei die weiße Königin von Anne Hathaway allerdings eher aussieht wie Schneewittchen in einem Reich der hellen Reinheit, das so überbelichtet weiß strahlt, als hätte es einen Chemieunfall mit Bleichmittel im Wunderland gegeben. Das alles ist mit großer Liebe zur Miniatur ausgemalt, doch ist die Geschichte dabei nie mehr als die Summe ihrer bizarren Details.


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