An vielen anderen Orten wäre solch eine Geschichte Stoff für einen Kiez-Krimi, der in die Übersichtlichkeit eines modernen Heimatfilms eingebettet ist. In Ajami aber, einem Viertel des arabischen Stadtteils Jaffa, im Schatten des westlich orientierten Tel Aviv, verhindern die kulturellen und religiösen Barrikaden selbst auf engstem Raum jede Übersicht. Aus dieser Einschränkung bezieht dieser israelische Film seine traurige Faszination. Das hat ihm die Nominierung zum Auslandsoscar 2010 eingetragen.
Der in Ajami aufgewachsene arabische Christ Scandar Copi und der in Tel Aviv diplomierte jüdische Filmemacher Yaron Shani zeigen die Geschichten von Arabern und Juden, Palästinensern und Beduinen als Blick in einen zerbrochenen Spiegel, in dem noch Reflexe der Vergangenheit den Betrachter irritieren. Der einzige Erzähler, den der Film hat, ist ein halbwüchsiger Bub, der seine dunklen Ahnungen in düstere Comicbilder malt: der arabische Bruder der mythologischen Kassandra, der zum Zuschauer spricht, weil ihm sonst niemand zuhört. Zwei Stunden schaut man gebannt auf die vielfach verschobenen Fragmente dieser Geschichte, bis man endlich die tragischen Verstrickungen klar erkennt: ein Gewebe, dessen ferne Enden jedoch aus keiner der vielen Perspektiven zu erfassen sind. Die Menschen in ,,Ajami" werden schuldlos schuldig, getrieben von Kräften weit außerhalb ihrer Macht. Omar ist mit 19 Familienoberhaupt und steht auf der Abschussliste der Beduinenmafia, seit sein Onkel einen Schutzgeld-Erpresser niedergestreckt hat. Geschäftsmann Abu Elias arrangiert nach viel Geschacher um Geld und Gott einen Waffenstillstand, den Omar sich auf legalem Wege nicht leisten kann; so wenig, wie er als Moslem offen seine Liebe zur christlichen Tochter von Abu Elias bekennen kann. Auch der junge Palästinenser Malik, der als illegaler Einwanderer bei Abu Elias in der Küche aushilft, braucht für seine krebskranke Mutter eine enorme Dollarsumme, die er mit Tellerwäscherei nie wird aufbringen können. Zusammen mit Omar wagt er sich an ein Drogengeschäft heran, von dem beide nichts verstehen. Hier kommt der jüdische Polizist Dando ins Spiel, unter dessen träger Trauer eine stille Wut auf die Araber kocht, seit sein Bruder ermordet gefunden wurde. Zwischen Entführung und Razzia, Messerstecherei beim Nachbarschaftsstreit, Exekution vom Motorroller aus, kann die Gewalt hier jeden treffen. Was dieses dichte Drama so ungewöhnlich macht, ist die Art, wie die Filmemacher das Leben in Israel nicht als vererbtes Gegeneinander der Völker, sondern als fatales Miteinander zeigen. Ab 16 Jahren.
Mehr dazu unter www.ajami-film.de
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