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12. November 2009 Von Stefan Benz

„2012“

Die Erde ist ein Maiskorn: Der Überfilm des Untergangs als Apokalypse voll kindlicher Spielfreude

| Vergrößern | Rundflug zum Weltuntergang: Die apokalyptischen Schauwerte von Roland Emmerichs neuem Katastrophenfilm verraten eine beflügelte Fantasie und eine erdverbundene Ironie. Da fallen Hochhäuser wie Bauklötzchenburgen. Foto: Sony


Der Schwabe Roland Emmerich (54) ist das größte Kind in Hollywood. Seine Katastrophenfilme sind konstruiert wie Türme und Burgen aus Bauklötzchen, die der kecke Knabe mit Wonne umwirft. Und die Welt ist ihm ein Diorama, an das er immer wieder gerne mit dem Knie stößt, damit alle Figuren umfallen. Ups, jetzt hat er es wieder getan. Nicht umsonst beginnt sein Weltuntergangsspektakel „2012“ mit einem Kinderspiel: Ein kleiner Inder badet seinen Modelldampfer in einer Pfütze, ein Auto fährt durch den Monsun, das Wasser schwappt, das Bootchen kentert. Wenn viele Filmminuten später ein Kreuzfahrtriese von einem Tsunami umgeworfen wird, dann kommt die Monsterwelle mit derselben Leichtigkeit daher: Der kleine Roland will nur spielen, und am liebsten spielt er Gott.

Sein Godzilla hat schon New York zertrampelt, seine Aliens haben Amerikas Wahrzeichen pulverisiert, und sein Schneesturm hat die Nordhalbkugel unter einem Eispanzer begraben. Doch das wirkt nun alles wie ein Vorspiel, wie eine Übung für den ganz großen Schlag. Roland Emmerich klopft die Erdkruste wie einen Teppich aus, sintflutet die Niederungen der Menschheit, versenkt einen Luxusliner, der nicht zufällig „Genesis“ heißt und lässt ein Riesenrettungsboot vom Stapel, das „Die Arche Emmerich“ heißen müsste. Über zweieinhalb Stunden ist dieser Film eine Action-Apotheose, ein Zerstörungsorgie, die zum Neu-Schöpfungsakt drängt. Jedem Ende wohnt ein Zauber inne, und den zelebriert Roland Emmerich mit gepflegtem Größenwahn.

Das Dach der Welt ist am Ende abgedeckt, Tibet weit unten, dafür Afrika ganz oben, was gewiss auch politisch zu verstehen ist. Und der Südpol liegt in Emme richs schöner neuer Welt in Wisconsin. Der Vorwand für diese Katastrophe ist schlicht wie stets: Der Maya-Kalender endet zur Wintersonnenwende 2012, und weil da einige Planeten eine fatale Konstellation bilden, und die Sonne zu einem Mikrowellenofen wird, der die Erde von innen erhitzt, platzt der Planet. Im kleinen Maßstab kann das daheim jeder nachspielen, wenn er ein Maiskorn in die Mikrowelle legt: Die Schale bricht auf. Fertig ist das Popcorn. Emmerich sprengt für sein Popcornkino eben die Erdkruste. Das hat zwar keinen großen sittlichen Nährwert, bietet aber fettes Augenfutter.

Vor der Erfindung des Films hätte einer wie Emmerich als Maler Erfolg haben können. Mit surrealistischer Fantasie entwirft er seine apokalyptischen Panoramen. Einer wie Bosch oder Dalí. Glaspaläste stürzen wie gefällte Bäume, Parkhäuser kippen wie Regale. Da strudelt die Air Force One durch die Katarakte des Himalaja, fliegen Giraffen und Elefanten an Seilen am Mount Everest, ergießt sich ein Zug als Waggon-Kaskade über ein startendes Flugzeug, eine Woge kippt einen Flugzeugträger aufs Weiße Haus. Emmerich bläst die Symbole auf, bis es mächtige Embleme sind. In der Sixtinischen Kapelle geht ein kleiner Riss durch Michelangelos Deckengemälde genau zwischen Gott und Adam. Als Riesenfurche zieht sich der Riss durch einen kalifornischen Konsumtempel. Der Washington-Obelisk fällt wie ein Besenstiel, der Petersdom kippt wie ein Kaffeekessel. Emmerich gestaltet Visionen des Jüngsten Tages, die jede Bibel zieren würden, bewahrt sich dabei aber einen Witz, der erdverbunden bleibt, auch wenn der Boden bricht. „Etwas reißt uns auseinander“, sagt da der Ehemann zur Frau, dann tut sich die Erde auf. Wir sehen dabei zu, wie der Alltag in einen Abgrund stürzt, das Banale von der Katastrophe zermalmt wird.

Der Unterhaltungswert dieser Endzeitshow ist beträchtlich. Und er ist immer dann am größten, wenn der Mensch nur eine Miniatur in einem wild wackelnden Wimmelbild ist. Und dies ist erfreulich oft der Fall. Denn wenn sich Roland Emmerich, der Meister des Panoramas, auf etwas nicht versteht, dann ist es das Menschenbild. Und so tut er gut daran, sich recht wenig Zeit für Porträts zu nehmen. Woody Harrelson macht dabei allemal die beste Figur als Prophet des Untergangs, der daherkommt wie einst im Fernsehen Waldschrat Catweazle. Der schwarze US-Präsident ist ein schwermütiger Witwer (Danny Glover), der seinem Volk als präsidialer Pastor mit bekümmertem Blick beisteht. Seinem Stabschef (Oliver Platt) ist die Staatsräson so wichtig, dass er die Anarchie mehr fürchtet als die Apokalypse. Diesem Rationalisten gegenüber steht als Idealist ein Wissenschaftler (Chiwetel Ejiofor), der im Gepäck für die Reise in die ganz neue Welt keine Zahnbürste, aber viele Bücher hat. Ihm obliegt denn auch der leidige Part der moralischen Erörterung, die bei Emmerich aber fast schon die Nachbesprechung der Katastrophe ist: Nicht nur die Menschen, auch die Menschlichkeit muss an Bord sein, wenn die Arche ablegt.

Held des Abenteuers ist ein erfolgloser Apokalypsenautor (John Cusack), der als naiver Optimist am Ende aller Tage den selbstlosen Menschen beschrieben hat. Das wollte keiner lesen, nun darf er es vormachen. Mit einer zusammengewürfelten Weltfamilie aus Armen und Reichen, Amerikanern und Russen, Erwachsenen, Kindern und Hündchen flieht er vom explodierenden Yellowstone Park ins brennende Las Vegas, fliegt er über das brodelnde Hawaii an die neuen Ufer Tibets. Da sind Jules Vernes fantastische Reisen nicht fern. Und auch nicht James Bonds unmögliche Missionen, wenn Sportwagen aus Flugzeugen auf Himalajagletscher fallen. Und bevor die Archen ablegen, kann man in der Berg-Werft zwischen Masse und Maschinen auch „Metropolis“ und „Moderne Zeiten“ wiedererkennen.

Emmerich bedient sich in der Filmgeschichte und packt natürlich auch alle Untergenres des Katastrophenfilms ein – egal ob mit Vulkan oder Erdbeben, Flugzeug oder Schiff. „2012“ soll unverkennbar der Überfilm des Untergangs sein. Und auch wenn dies nicht der beste Katastrophenfilm der Welt ist, so ist es allemal die schönste Katastrophe, die Roland Emmerich bislang angerichtet hat.

Ab zwölf Jahren.

Mehr dazu unter www.roland-emmerich-2012.de

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Droht am 21. Dezember 2012 der Weltuntergang? Was ist von den angeblichen Maya-Prophezeiungen zu halten? Lesen Sie mehr dazu in unserer Rubrik Wissenschaft & Technik.

 
 


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