Wie groß das Selbstbewusstsein in der Stadt an der Maas ist, verdeutlicht die Bewerbung um die Ausrichtung der Weltausstellung Expo 2017: Nach 1905 und 1939 soll die Wahl der Jury erneut auf Lüttich fallen, das sich das Leitthema „Konnektivität“ gegeben hat. Passend zum Thema bietet Lüttich schon heute ein architektonisches Prachtstück: Der Bahnhof Liège-Guillemins nach den Entwürfen des spanischen Star-Architekten Santiago Calatrava ist ein futuristisches Gebilde, das dem zuvor eher schmuddeligen Viertel etwas außerhalb der Innenstadt seit seiner Fertigstellung im Jahr 2009 neuen Glanz verleiht. Die Schnellzüge Thalys und ICE brauchen genau eine Stunde bis nach Köln und nur knapp 40 Minuten bis nach Brüssel. Das Viertel „Coronmeuse“, schon 1939 Expo-Gelände, soll nach ökologischen Kriterien umgestaltet und mit einer Straßenbahn mit der Innenstadt verbunden werden. Hier wird der Charakter Lüttichs als eine Stadt der Logistik erkennbar: Coronmeuse liegt an der Mündung zum Albert-Kanal, der seit 1939 die Stadt mit Antwerpen und damit der Nordsee verbindet. Der Hafen von Lüttich ist der größte Binnenhafen Belgiens und hinsichtlich Tonnagen der drittgrößte in Europa, der Frachtflughafen Bierset der siebtgrößte des Kontinents – für eine Stadt von 200 000 Einwohnern durchaus beachtlich. Touristen interessieren solche Daten freilich wenig. Sie genießen lieber den rustikalen Charme einer zunehmend herausgeputzten Arbeiterstadt. Ganze Viertel sind, nachdem lange Zeit das Geld fehlte, sorgsam renoviert worden. Die Königliche Oper der Wallonie soll demnächst in neuem Glanz erscheinen. Und schon heute lassen sich im hügeligen Lüttich malerische Straßenzüge im Maasländischen Baustil erlaufen. In der Innenstadt locken urige Kneipen und vor allem die deftige wallonische Küche, die weit ausgefeilter ist, als es den Anschein haben mag: In Restaurants wie dem „As Ouhès“ am Marktplatz sind „Rognon de veau“, mit Wacholderschnaps flambierte Kalbsnierchen, oder „Boulets“, saftige Frikadellen mit frischen Pommes Frites bei einem guten Glas Wein eine Köstlichkeit – à la Liégeoise“, versteht sich.Ein Verdauungsspaziergang kann im hügeligen Lüttich allerdings durchaus anspruchsvoll ausfallen. Nicht wenige Menschen gelangen dort ausschließlich über Treppenstraßen zu ihren Häusern – wie die Anwohner der steilen Treppe „Montagne de Bueren“, ein Wahrzeichen der Stadt mit 374 Stufen. Wegen der Enge des Maastals und des intensiven Kohlebergbaus teils direkt in der Stadt entstanden hier auch platzsparende Gässchen. Die kleinen, kopfsteinbepflasterten Stichstraßen rings um die Treppe sind mit ihren liebevoll restaurierten, oft efeuberankten Ziegelhäuschen heute beliebte Ausflugsziele für Touristen. Gleiches gilt für den Museumskomplex „Grand Curtius“ zwischen dem Quai de Maestricht und der Rue Féronstrée. Nach einem aufwändigen, 50 Millionen Euro teuren Umbau ist das Museum mit Schwerpunkt auf Kunsthandwerk des 18. und 19. Jahrhunderts, religiöser Kunst des Mittelalters und ägyptische Altertümer mit seinen 10 000 Quadratmetern zu einem Großmuseum geworden. Wer sich für sakrale Baukunst interessiert, dem dürfte Lüttich ohnehin schon lange ein Begriff sein: In der „Stadt der 100 Kirchtürme“, Sitz des Bistums Lüttich, standen einst neben einem Dom 32 Pfarrkirchen, 30 Klöster, sieben Stiftskirchen und drei Abteien. Viele von ihnen, darunter auch der Dom, fielen allerdings der Französischen Revolution zum Opfer. Ein Highlight für Kunstkenner ist in der Sankt Bartholomäus-Kirche verblieben: Das dortige Taufbecken gilt als Meisterwerk der Goldschmiedekunst. Doch Lüttich will mehr – in wirtschaftlicher, ökologischer und kultureller Hinsicht. Man darf auf die kommenden Jahre gespannt sein.
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