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25. November 2011  | Kerstin Fritzsche

Comic-Hauptstadt Brüssel

Brüssel: Auch unabhängig von Steven Spielbergs „Tim und Struppi“-Verfilmung ist die belgische Hauptstadt bereits Europas Comic-Metropole – Bunte Motive überall auf den Hausfassaden

| Vergrößern | Sprung ins Reich der Fantasie: Graue Wirklichkeit und bunte Comic-Landschaft gehen an den Brüsseler Hausfassaden bruchlos ineinander über. Foto: Kerstin Fritzsche

Im „Tim und Struppi“-Band „König Ottokars Zepter“ heißt das Motto des fiktiven Königreichs Syldavia im Brüsseler Dialekt „Eih bennek, eih blavek“ – Hier bin ich, hier bleibe ich. Nichts charakterisiert sowohl den rasenden Comic-Reporter Tim und seinen Hund Struppi als auch deren Schöpfer Georges Rémi alias Hergé besser. Auch wenn „Tintin et Milou“ – so das französische Original – in 24 Heften, übersetzt in über 50 Sprachen, Abenteuer in der ganzen Welt bestanden: Ihren Ursprung hatten diese stets in der belgischen Hauptstadt.
Und so ist es auch kein Wunder, dass die Weltpremiere von Steven Spielbergs 3D-Action-Verfilmung „Tim und Struppi und das Geheimnis der Einhorn“ Ende Oktober in Brüssel stattfand. „Geboren in Brüssel“ stand auf riesigen Plakaten überall in der Stadt, Mister Spielberg wurde per Thalys-Sonderzug nach Brüssel gefahren, auf dem Platz vor dem Kino wurde eine Riesen-Show mit rotem Teppich und Akrobatik veranstaltet, die Brüsseler standen Schlange, um den Film gleich am ersten Wochenende zu sehen. Großer Bahnhof in Europa für einen amerikanischen Film.
Das hat die Stadt jedoch gar nicht nötig. Neben ihren EU-Institutionen, dem Atomium und dem Magritte-Museum versucht Brüssel seit zwei Jahren, auch ihre Zeichner zu vermarkten und sich so als Comic-Hauptstadt Europas zu etablieren. Denn die Belgier selbst wissen um ihr kulturelles Erbe, jedes Kind wächst selbstverständlich mit Comics auf, und in der Stadt sind sie allgegenwärtig. Aber manch anderer Europäer weiß vielleicht gar nicht, wo die Helden seiner Kindheit – Tim und Struppi, Asterix, die Schlümpfe, Spirou, Lucky Luke, Gaston, Marsupilami, Alix, Blake und Mortimer – herkommen, oder könnte, für Belgier noch schlimmer, denken, die Comic-Figuren seien etwa französischen Ursprungs.
Zugegebenermaßen wurde der Einstieg in diese Tourismus-Schiene erstmal verschlafen. Denn das im Sommer 2009 eröffnete Hergé-Museum, in dem man den insgesamt über 200 Figuren des „Tintin“-Universums begegnen kann, befindet sich rund 25 Kilometer außerhalb von Brüssel in Louvain-la-Neuve – aufgrund damaliger Streitigkeiten der Hergé-Stiftung, geführt von dessen Witwe Fanny Rodwell und ihrem zweiten Mann, mit der Stadt. Dennoch schaffen es im Jahr über 200 000 Besucher ins Museum, einem auch architektonisch imposanten Bau, in dem die Exponate der Dauerausstellung zwei Mal im Jahr wechseln.
„Wir haben so viele Dokumente, die wir zeigen können, darunter allein 20 000 Original-Zeichnungen und 40.000 Briefe“, sagt Archivar Dominique Maricq. „Hergé war ein Arbeitstier. 99 Prozent seiner Sachen sind zwar erfasst, es taucht aber immer mal wieder noch Neues auf.“
Für den Erstkontakt mit den Hergé-Figuren kann man aber auch einfach mit offenen Augen durch die Stadt spazieren. Seit 1991 sind in der Brüsseler Innenstadt 54 Comic-Motive auf Wände gemalt worden. Neben „Tim und Struppi“ lassen sich da auch Motive aus Hergés anderen Werken „Jo, Jette und Jocko“ und „Stups und Steppke“ finden, aber natürlich auch die Helden anderer belgischer Zeichner.
Neben der Funktion, für Bewohner wie Besucher hübsch auszusehen, haben die Malereien auch noch eine weitere: Laut einer Sprecherin der Stadt Brüssel schrecken sie Sprayer ab und reduzieren so Brüssels Probleme mit Graffiti. Es könnte aber natürlich auch sein, dass die zeichnerisch Begabten sich ohnehin lieber auf dem Papier ausleben. Bis heute gibt es zwischen 750 und 800 Zeichner in Belgien, und die meisten arbeiten in erster Linie für Zeitungen und Zeitschriften, genau so, wie Hergé in den dreißiger Jahren auch angefangen hat.
Von der Vielfalt der Strips und ihrer Themen gibt das Comic-Museum Auskunft. Nicht zuletzt ist auch dessen Herberge interessant: Von Victor Horta 1906 im Jugendstil erbaut, war das Gebäude bis 1965 eine Textilfabrik, bevor es aufgegeben wurde und komplett verwahrloste. In den achtziger Jahren entdeckten Comic-Zeichner auf der Suche nach einem Ort für eine Ausstellung den riesigen Glasdach-Bau, der daraufhin bis zur Eröffnung 1985 als Museum saniert wurde.

FOTOGALERIE
 
 
Comic-Metropole Brüssel

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Direkt gegenüber liegt das „Marc Sleen Museum“. War das Hergé-Museum zum Zeitpunkt seiner Eröffnung Europas erstes Museum, das einem Comiczeichner gewidmet ist, so hat das kurz darauf eröffnete Sleen-Museum einen neuen Rekord aufgestellt: Es ist das erste Museum über das Lebenswerk eines noch lebenden Künstlers. Sleen, 1922 geboren, Schöpfer der Reihe „Néro“ und Weggefährte Hergés, ist außerhalb Belgiens zu Unrecht relativ unbekannt. Gemessen an seinem Schaffenswerk ist er sogar erfolgreicher als Hergé: Mit 20 Serien und über 200 gezeichneten „Néro“-Alben in 45 Jahren steht Sleen, eigentlich Marcel Neels, im Guinnessbuch der Rekorde.
Unabhängig vom Spielberg-Spektakel wurden kürzlich zwei andere Einrichtungen zum Thema Comics eröffnet – jedoch wird ihnen der Hype um den Film sicherlich beim Start helfen: das Museum der Comic-Figuren „MOOF“ und das „Comics“-Café. Das ist etwas paradox, denn „MOOF“-Kurator Geert de Weyer findet Spielbergs Film schlichtweg „doof“. De Weyer ist Belgiens wahrscheinlich bekanntester Comic-Journalist und Autor zahlreicher Bücher zum Thema. „Die Technik ist super. Aber es ist eben Spielbergs Tintin.“ Die Strips und ihre Geschichten würde der Film keinesfalls adäquat spiegeln.
Und noch etwas stört den Fachmann: die fast ausschließlich positive Hergé-Rezeption, bei der die teils zwiespältige Haltung des Zeichners während des Kriegs oder gegenüber Frauen und weiblichen Comic-Figuren nicht thematisiert würde. „Hergé war ein Opportunist“, so de Weyer. Die Art und Weise, wie nun das Marketing rund um den Film und von der Hergé-Stiftung betrieben wird, würde ebenfalls zu einer eher einseitigen Wahrnehmung beitragen. „Noch ist Lucky Luke Belgiens erfolgreichste Comic-Figur. Das wird sie aber mit dem Tintin-Film die längste Zeit gewesen sein“, sagt de Weyer.
Das „MOOF“ selbst jedoch bietet eher wenig Ansätze zur kritischen Auseinandersetzung. Die 2500 Figuren nicht nur belgischer Comic-Helden und Accessoires wie die Original-Stühle von Goscinny, Peyo und anderen aus den Belvision-Zeichentrick-Studios lassen jeden Fan jenseits von Theorie und Ideologie sofort verzückt wieder zum Kind werden.
Erschöpft von so viel Entdeckungen bietet sich zum Abschluss des Rundgangs ein „Café Russe“ oder eines der belgischen Abtei-Biere im „Comics“-Café mitten in der Altstadt an. Das ist Buchladen, Brasserie, Galerie und Bar in einem. Mit Blick auf die Straße über die Bronze-Figuren von „Tim und Struppi“ hinweg, die Hergé einst von Bildhauer Nat Neujean hat anfertigen lassen und die nun nach vielen Jahren in Paris in ihre Heimat zurückgeholt wurden, denkt man zufrieden an „Ottokar“ zurück: Hier bin ich Fan, hier darf ich's sein.

 


Comic-Tour durch Brüssel
Museum Hergé, 26 Rue du Labrador, 1348 Louvain-la-Neuve, Telefon 0032 10488 421, www.museeherge.com.
Comicstrip-Museum (Centre Belge de la Bande Dessinée), 20 Rue des Sables, Telefon 0032 2219 1980, www.comicscenter.net.
Marc Sleen Museum, 33-35 Rue des Sables, www.marc-sleen.be.
MOOF Museum der Comic-Figuren, Galerie Horta, 116 Rue du Marché-aux-Herbes, Telefon 0032 2726 5831, www.moof-museum.be.
Comics Café, 8 Place du Grand Sablon, Telefon 0032 2513 1323, www.comicscafe.be.
Beim Fremdenverkehrsamt in der Rue Saint-Bernard 30 gibt es einen Comic-Stadtplan von Brüssel. Im Internet findet man eine virtuelle Tour „Brüssel für Tim-und-Struppi-Fans“ auf www.mhoefler.de.
Buchtipps: Vandorselaer, Thibaut: „Brussels Through Comic Strips“, Editions Versant Sud, 25,99 Euro (englisch). Lonely-Planet-Guide „Bruxelles Itinéraires“ von Francois Schuiten und Christine Coste, Casterman-Verlag, 14,99 Euro (französisch).

Auskünfte und Hotelsuche unter www.visitbrussels.com und www.belgien-tourismus.de
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KOMMENTARE
das war eine Reise wert | Von:  kdfgg | 28.11.2011, 21:46 Uhr

- prima Bericht, schöne Bilder -

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