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06. Februar 2010  | Von Sibylle Maxheime

Ruhr 2010 - Deutschlands europäische Kulturhauptstadt

Ruhr 2010: Mit einem bunten Programm gestalten 53 Städte gemeinsam die Kulturhauptstadt Europas

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Museumsdampfer im Duisburger Hafen. Foto: Dieter Schütz/Pixelio.de

Ob Halde, Hütte oder Hafen. Ohne sie wäre alles nur halb so schön: Stefanie Dehler, Axel Biermann, Rainer Teuber, Dieter Pelikan, Michael Schmitz und die anderen Mitarbeiter der Tourismus- und Marketingbüros. Sie legen sich derzeit verstärkt ins Zeug und den Besuchern ihr geschätztes Ruhrgebiet ans Herz. Mit Anekdoten, Episoden und Superlativen machen sie sich für die 53 Städte stark, die gemeinsam mit Essen die Kulturhauptstadt Europas ,,Ruhr 2010" gestalten.

Sie wecken Lust auf Currywurst samt Fritten und Bier im ,,Diebels", klären über den weltweit größten Binnenhafen in Duisburg auf, unternehmen mit ihren Gästen einen Nachtspaziergang durch den Landschaftspark Duisburg-Nord, erzählen von einem ehemaligen Gasometer, in dem mittlerweile Taucher ihrem Hobby frönen oder schwärmen von der vielseitigen Museumslandschaft, die europaweit ihresgleichen sucht.

Voller Stolz präsentieren sie in Mülheim die größte begehbare Camera Obscura der Welt, die sich in der Kuppel des alten Broicher Wasserturms befindet: In dem denkmalgeschützten Gebäude von 1904 ist die Vorgeschichte des Films anhand von seltenen Geräten und Objekten dokumentiert. Für diese interessiert sich auch Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth, um Ideen für das neu zu gestaltende Filmmuseum am Main mitzubringen.

,,Kultur durch Wandel - Wandel durch Kultur" ist das Leitmotiv der von einer bedeutenden Industrietradition geprägten Region. Dieses Motto samt der gewaltigen Anstrengungen, die für ,,Ruhr 2010" unternommen werden, sind unmittelbar zu spüren: von Duisburg und Oberhausen über Mülheim, Essen bis hin nach Bochum, Dortmund, Herne und Hagen. Mit vielfältigen Attraktionen haben sich diese Städte entwickelt - weg vom Image des Kohlenstaubs und Dreck, von der Assoziation, dass die Wäsche beim Trocknen auf der Leine schwarz wird. ,,Es ist auch sehr grün im Ruhrgebiet", denkt der Besucher des Reviers , vor allem, wenn er es von oben aus betrachtet.

Seitdem zwischen 1975 und 1987 etappenweise Hochöfen, Stahl- und Walzwerke stillgelegt wurden, vollzog sich im Ruhrgebiet ein eindrucksvoller Strukturwandel: Wo ab 1929 das als Abfallprodukt in der Kokerei Osterfeld gewonnene Koksgas zwischengespeichert wurde, im 117 Meter hohen Gasometer in Oberhausen, kann man seit 1993 Ausstellungen besichtigen.

Der Stahlgigant, der als höchste Ausstellungshalle Europas gilt, inspirierte 1999 das Künstlerpaar Jeanne-Claude und Christo zu ihrer Installation ,,The Wall" mit 13 000 Ölfässern. Wer den fast magisch wirkenden Raum dieses beeindruckenden Dokuments der Bau- und Technikgeschichte mit einem Durchmesser von 67,6 Metern betritt, ist von der Atmosphäre begeistert: Gerne rufen sich Kinder in der Mitte stehend etwas zu, denn das Echo kommt sieben- bis achtfach zurück.
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Riesige Tonne als Wahrzeichen: Der Gasometer in Oberhausen ist die höchste Ausstellungshalle Europas. Foto: Sibylle Maxheimer

Der Gasometer mit seiner rohen Halle, eindrucksvollen Stahlträgern und genieteten Eisendecken, ist allerdings in seiner Wirkung so stark, dass viele Objekte in den Ausstellungen dagegen nicht ankommen können. Seit seiner Stilllegung vor etwa zwanzig Jahren hat sich das Gebäude zum Wahrzeichen der Stadt Oberhausen gemausert. ,,Er ist identitätsstiftend", sagt Michael Schmitz. Die unübersehbare ,,Tonne", von deren Dach aus man einen atemberaubenden Rundblick über die Metropole Ruhr genießt, ist mit mehr als drei Millionen Besuchern der erfolgreichste Ausstellungsort der Region.

Doch das historische Erbe birgt freilich auch Probleme: Die rostende Haut muss immer wieder repariert werden. In unmittelbarer Nähe finden sich die Arbeiterhäuser des Architekten Peter Behrens. Zudem lässt es sich wunderbar am Kanal entlang flanieren, und wer dann Lust auf moderne Kunst bekommt, kann sie in den Ausstellungen der Ludwig Galerie im Schloss Oberhausen stillen. Etliche Restaurants und Cafés am Wasser laden zum Einkehren ein.

Einzigartig ist immer wieder die Begegnung mit der Geschichte: Hierfür bietet sich in Oberhausen das Industriemuseum im ehemaligen Hauptlagerhaus der Gutehoffnungshütte mit seiner herausragenden Schau zur Historie von Eisen und Stahl an Rhein und Ruhr oder die älteste Arbeitersiedlung im Ruhrgebiet von 1846, die Siedlung Eisenheim, an.

In Bochum können sich die Besucher im Deutschen Bergbau-Museum auf eine Reise durch die Höhen und Tiefen des Steinkohlebergbaus nach 1945 begeben können. Und die gewaltige Halde eines ehemaligen Bergwerkgeländes, der Landschaftspark Hoheward im Süden der Städte Herten und Recklinghausen, bietet mit Serpentinenwegen und Aussichtsplattformen wunderbare Panoramen. Zudem lässt sich der Lauf der Sonne, des Mondes und der Sterne mit Hilfe von zwei präzise ausgerichteten riesigen Metallbögen beobachten.

Neben dem Unesco-Weltkulturerbe ,,Zeche Zollverein" mit seinen Schornsteinen, Türmen und kilometerlangen Rohrleitungen, beeindruckt in Essen der Domschatz in der Münsterkirche. Diese Pracht, zu der die älteste vollplastische Marienfigur der Welt (um 990) zählt, ist dem Essener Frauenstift zu danken, das um 850 am Hellweg, einer wichtigen Handelsstraße in der Nähe der Ruhr, gegründet wurde. Aus der um das Stift gelegenen Siedlung entwickelte sich im Laufe des Mittelalters die Stadt Essen. Der Domschatz zeugt von der Macht und dem Reichtum der Vorsteherinnen dieses Stifts. Er ist berühmt für seine Goldschmiedewerke, wozu vier Vortragskreuze, das Zeremonialschwert sowie die Kinderkrone Kaiser Ottos III zählen.

Im Ruhrgebiet fliegen längst nicht mehr, wie es früher immer hieß, ,,die Briketts durch die Luft". Aber die Spuren des schwarzen Goldes, das Generationen von Bergleuten aus der Erde holten, sind immer noch zugegen.


 
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