E-Paper | Mobil | Newsletter | RSS RSS
 
 
| |
 
SUCHE: | Erweiterte Suche |
 
| Suchen |
 
 
 
24. Dezember 2010 Von Jan Felber

Nord-Norwegen

Nord-Norwegen: In Tromsö pulsiert das Leben auch an kalten Winterabenden - 10 000 Studenten verwandeln das „Tor zur Polarwelt“ ins „Paris des Nordens“

 
| Vergrößern | Kurs nach Norden: Mit einem Hurtigruten-Schiff nach Kirkenes. Foto: Jan Felber


Es ist kalt, bitterkalt. Der Wind bläst, mehrere Schichten Kleidung kommen dagegen kaum an. Es ist glatt, jeder Schritt muss wohl überlegt sein. Es ist wunderschön. Ich stehe am Nordkap, direkt vor der 1978 aufgestellten Weltkugel, ganz alleine.

Wer im Winter nach Nord-Norwegen reist, sollte sich über einiges im Klaren sein: Allzu viel Licht wird er nicht sehen, Kälte ein steter Begleiter sein. Nichtsdestotrotz hat die Region zwischen Tromsö und dem Nordkap auch in der dunklen Jahreszeit ihren ganz besonderen Reiz: Wer sich auf die Widrigkeiten einstellt, den erwarten überwältigende Naturerlebnisse. Wer Unterhaltung sucht, ist um den 71. Breitengrad herum freilich schlecht aufgehoben.

Natürlich weiß jeder, der auf dem Nordkap-Felsen steht, dass er nicht wirklich am nördlichsten Punkt Europas ist - die nahe gelegene Landzunge Knivskjelloden ist das, doch ehrlich: Wer will dort schon hin? Spektakulärer ist das Plateau, und manch einer hält es mit dem Italiener Francesco Negri, der 1664 ausgerufen haben soll: „Hier, wo die Welt endet, nimmt meine Neugier ein Ende und ich kehre zufrieden nach Hause zurück.“

Lappland, Nord-Norwegen, Land der Samen - die Region hat viele Namen. Ausgangspunkt ist meistens Tromsö - und auch die 68 000 Einwohner zählende Stadt hat viele Assoziationen hervorgerufen. Paris des Nordens heißt sie, rund 10 000 Einwohner sind Studenten (zehn Prozent aus dem Ausland), die vor allem am Wochenende dafür sorgen, dass in den unzähligen Kneipen, Bars und Restaurants die Post abgeht.

„Das kann einem schon fast zu viel werden. Ich gehe am Wochenende jedenfalls nicht mehr weg“, bekennt denn auch eine seit zwei Jahren dort lebende Deutsche, die ihr Glas Wein lieber „an einem Mittwochabend“ zu sich nimmt. In der „Ölhalle“, wo das Bier der Brauerei Leopold Mack ausgeschenkt wird, kostet ein halber Liter Gerstensaft stolze zehn Euro.
| Vergrößern |

Bänker stehen hier neben Studenten an der Bar, Geschäftsleute rauchen vor der Tür gemeinsam mit Touristen, in Ehren ergraute Fischer sitzen neben Investoren. Sie alle sitzen oder stehen dort, wo Eisbärjäger Henry Rudi von seinen 713 erlegten Tieren in Svalbard (Spitzbergen) erzählte und auch sonst allerlei Gerüchte und Tatsachen die Runde machten.

Die „Ölhalle“ ist der zentrale Treffpunkt in Tromsö, das auch als Tor zur Arktis gilt - Roald Amundsen startete von hier aus zu den meisten seiner Expeditionen (auch zu seiner letzten am 18. Juni 1928, er stürzte vermutlich mit dem Flugzeug ab). Fridtjof Nansen erging es besser, er war öfter mit der „Fram“ dort.

Preise sind egal, zumal das „Vorspiel“, wie Fremdenführerin Karina Weinschenk es nennt, zuvor in Studentenzimmern oder in Privathäusern stattfindet: „Dann kommen sie hierher, bis die Läden zumachen. Dann geht es daheim weiter.“ Wenn sie nicht gerade in der „Ölhalle“ sind, studieren die meisten in der 1972 gegründeten Universität Medizin, Geologie oder Tourismus. Da die meisten Geschäftsleute täglich um 16 Uhr Feierabend machen, sind viele von ihnen schon kurz danach in der „Ölhalle“.

Das Wort „nördlichste“ kann man in Tromsö fast überall davorsetzen: Stadt, Universität, Kathedrale, Brauerei. 1794 lebten in Tromsö nur 80 Menschen, heute sind es 68 000. Eine fast schon brodelnde Stadt, die zudem Norwegens größtes Filmfestival im Januar oder das Riddu-Festival im Juli bietet, wo sich nicht nur ethnische Minderheiten mit ihren Klängen präsentieren.

Prägend ist die Eismeer-Kathedrale, von fast jedem Punkt der Stadt aus erkennbar, prägend ist aber auch der Marktplatz, dessen Bürgersteige im Winter teilweise beheizt sind. 1969 zerstörte ein Feuer fast die gesamte Altstadt, nur einige alte Speicherhäuser am Hafen blieben erhalten. Dort wurden Fische und Krabben gehandelt, dort pulsierte das Leben.

Nach dem Feuer durfte nur mit Steinen gebaut werden, manche Investoren beherrschten aber auch dieses Metier perfekt: Ein vierstöckiger Wohnkomplex direkt am Hafen etwa straft all jene Lügen, die glauben, dass nur der Alkohol teuer ist in Norwegen. 500 000 Euro kostet dort eine 100-Quadratmeter-Wohnung.

Dass in Tromsö Wohlstand herrscht, verdanken die Einwohner ihrem Erfindungsreichtum und guten Kontakten in alle Himmelsrichtungen. Russen, Geschäftsleute aus Bergen oder Trondheim - alle trafen sich hier, und wenn einmal ein Steuereintreiber aus dem Süden geschickt wurde, dann wurde er in ein Haus am Hafen einquartiert, das im Winter so trist war, dass er schnell dem Alkohol verfiel und seine Aufgabe schnell vergaß. All dies und noch viel mehr erzählt Karina Weinschenk, deren Mutter aus Norwegen stammt und die jetzt als Führerin in Tromsö arbeitet.

Karina kommt aus Würzburg, mittlerweile arbeitet sie als Lehrerin, Übersetzerin und auch mal als Taxifahrerin - man muss flexibel sein im Norden. Begeistert ist sie von ihrer Stadt, das ist in jeder Silbe herauszuhören. Es gibt aber auch viel zu erzählen: Über Klettertouren im Sommer, über den Strand, den sie alle nur „Costa del Tromsö“ nennen und der im Sommer tatsächlich dazu einlädt, die Füße einmal ins Wasser zu strecken. 1972 sei es einmal 30,2 Grad warm gewesen - Rekord bis heute. Das Wasser werde trotzdem nie wärmer als 12 bis 14 Grad.

„Sobald die ersten Sonnenstrahlen durchbrechen, laufen die jungen Mädchen alle im Rock herum“, sagt Weinschenk. Daher - und nicht etwa wegen des Nachtlebens - stamme der Beiname „Paris des Nordens“: Den Bewohnerinnen Tromsös wird nachgesagt, modisch besonders auf dem Laufenden zu sein. Von Ende November bis 21. Januar bleiben die Röcke freilich im Schrank: Dann ist Polarnacht.

Die beste Zeit, ins Paris des Nordens zu kommen, sei übrigens Ostern, sagt die Würzburgerin. Dann könne man bis spätabends Ski fahren, dann lockten die nahen Berge zum Snowboarden, was in Norwegen immer beliebter werde. Eines habe sie sich als Deutsche indes nie abgewöhnen können: Im Gegensatz zu ihren neuen Landsleuten mache sie stets das Licht aus, wenn sie das Haus verlasse. „Das macht hier kaum einer. Strom ist billig, Wasser auch. Norweger baden fast jeden Tag.“



Hurtigruten-Reise

Tromsö und das Nordkap sind Ziele der Hurtigruten-Schiffe. Wer die nordgehende Route wählt, hat in Tromsö vier Stunden Aufenthalt und kann dort an Stadtrundgängen teilnehmen oder Husky-Touren unternehmen. Am Tag darauf ankert das Schiff im Hafen Honningsvag, von dort fahren Busse etwa 45 Minuten zum Nordkap. Vom 1. Januar bis 28. Februar ist die siebentägige Hurtigruten-Reise von Bergen bis Kirkenes ab 974 Euro zu haben, vom 1. März bis 14. April liegt der günstigste Preis bei 1079 Euro. Informationen im Internet unter www.hurtigruten.de oder unter Telefon 040 37693335.

Kirkenes ist der Wendepunkt jeder Hurtigruten-Fahrt. Das Schiff liegt rund drei Stunden im Hafen. Möglich sind Touren zur russischen Grenze, Husky-Schlittenfahrten oder Touren mit dem Schneemobil. Wer im Schneehotel übernachten will, kann sich im Internet informieren (www.radius-kirkenes.com) oder sich direkt dort melden (Telefon 0047 78970540, E-Mail info@radius-kirkenes.com).

 
 


BEWERTUNGEN
  •  
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
Bitte melden Sie sich an, um den Artikel zu bewerten. | Anmelden |
Dieses Thema kann nicht kommentiert werden.

 
Veranstaltungskalender
 
Veranstaltungskalender
Ihre Termine in ganz Südhessen für Kultur und Kunst, Märkte und Feste, Party und Clubs.
 
| Mehr |
ANZEIGE
Wetter: Heute | Morgen |
 
Morgens Mittags Abends
 
 
Darmstadt aktuell:
Regenschauer, 23°C | Mehr Wetter |
... ... ...
 
LESERREISEN

Jahresprogramm 2012

 
Alle Reisen im Katalog zum Durchblättern.
| Zum Vergrößern Bild anklicken |
Restaurant-Tipps
 
Restaurant-Tipps für jeden Geschmack Lust auf Pasta, Pizza und Panna Cotta? Oder doch lieber Peking-Ente mit Duftreis? Ein gutes Kochschnitzel? | Mehr |
 
| Alle Artikel anzeigen |
Recht auf Reisen
 
Staubflusen im Hotelzimmer sind kein Reisemangel Die Reinigungskraft ist nachlässig, das Hotelzimmer nicht picobello? Ärgerlich, aber nicht ausreichend für eine Geldrückerstattung beim Reiseveranstalter, urteilte nun ein Gericht. | Mehr |
 
| Alle Artikel anzeigen |
 
SCHON GESEHEN?
 
 
ANZEIGE