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21. Mai 2008  | Jan Felber

Ukraine

Während die Intelligenz nach Westen drängt, erobern sich alte Eliten ihre Positionen zurück – Eindrücke bei einer Flusskreuzfahrt von Kiew nach Odessa

 
Ukraine
| Vergrößern | ABENDSTIMMUNG im Hafen von Sewastopol. (Fotos: Jan Felber)

 

Der erste Eindruck ist fatal: Direkt nach der Ankunft in Jalta fallen die ersten Betrunkenen an der Hafenpromenade ins Auge, die trotz der frühen Uhrzeit – es ist kurz vor 10 Uhr – schon mit jeweils mindestens einer Flasche Bier in der Hand auf Krawall aus sind.


Die mondäne, bereits von den Zaren geliebte Stadt am Südufer der ukrainischen Halbinsel Krim, die sich so beschaulich vor über 1500 Meter hohen Bergen ans Meer kuschelt, könnte so etwas wie der Ballermann des Schwarzen Meeres werden – ein Gedanke, der fast körperlich wehtut. Denn die Krim und vor allem Jalta haben Besseres verdient als billigen Massentourismus und halbseidene Geschäftsleute, die sich in der Region angesiedelt haben.

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ENTSPANNUNG vor der Südküste der Krim. Die Berge erheben sich über 1500 Meter in die Höhe.
Was sich in Jalta abspielt, wirft indes ein bezeichnendes Bild auf die aktuelle Sinnsuche der Ukraine. Das größte Land Europas – abgesehen von Russland – muss sich seinen Platz noch suchen, muss sich noch integrieren in das, was gerne „Altes Europa“ genannt wird. Offensichtlich wird zwischen der Hauptstadt und Millionenmetropole Kiew und dem teils subtropischen Klima auf der Krim immer wieder, dass die Ukraine Probleme hat, sich einen Weg zu bahnen. Die Rahmenbedingungen sind schwierig: Von ehemals 54 Millionen Einwohnern haben sieben Millionen den Staat in den vergangenen Jahren verlassen, mittlerweile leben zehn Millionen Ukrainer im Ausland. Vor allem die Intelligenz hat dem Land den Rücken gen Europa oder Moskau gekehrt.

Was bleibt, ist eine quirlige Hauptstadt, in der immer noch etwas von dem revolutionären Potenzial vom Herbst 2004 spürbar ist, in dem die Ukrainer dem Wahlfälscher Viktor Janukowitsch die kalte Schulter zeigten und Neuwahlen erzwangen, aus denen dann Viktor Juschtschenko als Sieger hervorging. Die „orangene Revolution“ ist in Kiew noch allgegenwärtig, auch wenn der aufrührerische Geist merklich schwächer geworden ist.

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DIE DNJEPR-KREUZFAHRT führt von Kiew bis nach Odessa.
„In den Jahren nach der Unabhängigkeit 1991 haben sich viele Oligarchen auf unsere Kosten bereichert. Das wirkt bis heute nach und hat viele enttäuscht“, sagt denn auch Reiseführerin Ludmila, die für Viking River Cruises auf dem Flusskreuzfahrtschiff „Viking Lavrinenkov“ arbeitet.Sie sagt dies ungewöhnlich offen, und das erfordert sogar heute noch Mut: Viele Ukrainer haben die Hoffnung verloren – seit der „orangenen Revolution“ hat sich nicht wirklich viel geändert –, viele haben resigniert.

Aufbruch sieht anders aus – wobei erschwerend hinzukommt, dass keiner genau weiß, wohin ein solcher Aufbruch eigentlich führen soll. In der rasant wachsenden Hauptstadt Kiew, in der mittlerweile geschätzte fünf Millionen Menschen leben, ist noch am ehesten so etwas wie ein freier Geist spürbar.

Von hier ging der Aufstieg Russlands zur Weltmacht aus, und für viele Ukrainer ist es heute noch ein Alptraum, dass ein Bündnis der Ukraine mit Russland – es ging 1654 um die Abwehr der Polen – dazu führte, dass ausgerechnet der ungeliebte Nachbar sich noch heute damit schmückt, die Ukraine sozialisiert zu haben. Die Wahrheit sieht anders aus: Die Intelligenz lebte damals in Kiew, das von je her die drittgrößte und eine der schönsten Städte der Sowjetunion war.

Dass es überhaupt noch Bauwunder wie die Sophienkathedrale und das Höhlenkloster – beide sind Unesco-Weltkulturerbe – gibt, ist Zufällen und den Franzosen zu verdanken. Das nicht weniger prächtige Michaelskloster musste nach dem Zweiten Weltkrieg einem Prunkbau der Kommunisten weichen, wieder aufgebaut wurde es erst in den neunziger Jahren. Nur wenige Meter entfernt steht die Sophienkathedrale, auch sie war schon der Sprengung geweiht. Die Franzosen intervenierten – das war die Rettung.

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SO STRAHLEND WIE IN MAILAND: Die Oper von Odessa ist komplett saniert und neu gestrichen worden. (Fotos: Jan Felber)
Wer die Ukraine per Schiff bereist, wird von Kiew aus in Richtung Süden wenig Abwechslung finden – gemütlich ist es allemal. Vorbei an endlosen Getreidefeldern führt die Fahrt Richtung Schwarzes Meer – was mit einer Flussfahrt an sich wenig zu tun hat. Der Dnjepr, der drittlängste Fluss Europas, entpuppt sich als gigantischer Stausee, der teils mehrere Kilometer breit ist. Bis zum Schwarzen Meer beherrscht Industrie das Bild – und das ist nicht immer schön. Rostige Fabriken wachsen entlang des Flusses aus dem Boden, Umweltschutz wird scheinbar nicht allzu groß geschrieben.

Es dampft und zischt bei Tag und Nacht, Blei, Zink und Quecksilber werden rund um die Uhr verarbeitet. Die „Getreidekammer des Ostens“ liefert indes auch Sonnenblumenöl und Zuckerrüben – ein wahrer Reichtum, der aber immer noch unrentabel vermarktet wird. Einige verdienen daran, die meisten arbeiten für wenig Geld.

An der Südküste erscheint das Schwarze Meer und mit ihm auch der Mythos Krim. Für reiche Russen war die Halbinsel schon immer ein begehrtes Ziel, und so ist es bis heute geblieben. Der Livadia-Palast, in dem 1945 Josef Stalin, Winston Churchill und Franklin D. Roosevelt die Teilung Deutschlands besiegelten, und das nahe „Schwalbennest“, von dem aus man beim Essen einen grandiosen Blick aufs Meer werfen kann, sind Besuche wert. Doch an der Küste entlang tauchen auch immer wieder Bauzäune auf, immer wieder stehen scheinbar zufällig abgebrannte Häuser im Blickfeld.

„Keiner weiß, wer da baut und was genau da gebaut wird“, sagt Reiseführerin Valentina achselzuckend. „Und man fragt auch besser nicht nach, denn Antworten werden hier schnell mit den Fäusten oder einer Pistole gegeben.“ Wer in Jalta lebt, der schweigt und fragt sich lieber im Stillen, was genau hier entsteht. Hotels, Casinos, luxuriöse Apartment-Siedlungen – alles ist möglich. Der normale Bürger hat davon wenig, und das lebt er zuweilen auch aus.

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192 STUFEN führen die Potemkin-Treppe in Odessa hinauf.
Brutale Schlägereien mitten auf dem Strandboulevard, betrunkene junge Männer schon am Morgen, Alltagskriminalität auf den Straßen und Ramschläden direkt auf der Promenade – das ist Jalta heute. In einer solchen Atmosphäre ist es nicht leicht, Kinder in die Welt zu setzen: Auf 1000 Einwohner kommen jährlich acht Geburten und 16 Todesfälle.

Etwas freundlicher sieht die Welt in Odessa und Sewastopol aus – wenn auch mit gänzlich unterschiedlichen Vorzeichen. Sewastopol war bis 1992 eine verbotene Stadt, selbst Russen und Ukrainer durften sie nur mit Passierschein betreten. Die Region war im Krimkrieg 1854/55 schwer umkämpft, letztlich wurde sie von britischen, französischen und türkischen Truppen erobert. Über 250 000 Menschen starben auf beiden Seiten.

Noch einmal ins Blickfeld geriet die Stadt im Zweiten Weltkrieg, als deutsche Truppen die Stadt acht Monate lang belagerten, bis sie am 3. Juli 1942 fiel. 1944 eroberten russische Truppen sie zurück, Sewastopol wurde zur „Heldenstadt der Sowjetunion“ erklärt. Wer heute durch die Straßen schlendert, entkommt kaum den an die Kämpfe erinnernden Denkmälern. Sie wechseln sich ab mit stalinistischen Prunkbauten – was aber wieder seinen Charme hat.

Odessa hingegen kann sich durchaus mit Kiew messen. Das Opernhaus und vor allem die durch Sergej Eisensteins Film „Panzerkreuzer Potemkin“ weltberühmte, 192 Stufen hohe Treppe ziehen Touristen an. Auf kleinen Märkten, in gigantischen neuen Einkaufszentren – in Odessa passiert etwas. Für viele Osteuropäer hatte die Stadt einen Klang wie hierzulande vielleicht New York – entsprechend stolz sind sie, wenn sie sich auf der Potemkin-Treppe fotografieren lassen.

Odessa lebt von seinen Häfen, Sewastopol ist die Heimat der Schwarzmeerflotte. Jalta hat nichts von beidem, nur große Jachten legen dort an. Wem diese gehören, das will keiner so genau wissen. Praktische Tipps für eine Reise in die Ukraine

Eine gute Möglichkeit, die Ukraine kennen zu lernen, ist eine Flusskreuzfahrt. Viking River Cruises bietet Reisen von Kiew den Dnjepr entlang über die Krim bis nach Odessa oder die umgekehrte Route an.

In einer einfachen Kabine kostet die Fahrt ab 799 Euro, für Suiten sind bis zu 3899 Euro einzuplanen.

Ein An- und Abreisepaket kann dazugebucht werden. Die Anreise nach Kiew erfolgt beispielsweise mit der ungarischen Fluglinie Malev von Frankfurt über Budapest nach Kiew, zurück geht es von Odessa über Budapest nach Frankfurt.

Kiew selbst ist mit dem Flugzeug einfach zu erreichen, es gibt täglich Flüge.

Schwieriger ist es, einen Rückflug von Odessa nach Deutschland zu bekommen.

Wer die Krim direkt ansteuern will, kann dies über den Flughafen Simferopol tun. Von dort sind es noch etwa 70 Kilometer nach Jalta.

In der Ukraine wird mit dem Griwna bezahlt, für einen Euro erhält man etwa 7,80 Griwna.

Für Touristen etwas ungewohnt kann die Art und Weise der Führungen sein: Wer sich in Palästen oder Kathedralen aufhält, wird nicht selten durch die Gebäude gehetzt. Fragen werden teils gar nicht, teils sehr ungern beantwortet – ein Relikt der Sowjetzeit, in der viele Fremdenführer bereits tätig waren.

Im vergangenen Jahr kamen nach einer Berechnung der ukrainischen Tageszeitung „Denh“ 2,2 Millionen Gäste auf die Krim, davon waren 120 000 aus Deutschland.

Informationen über Flusskreuzfahrten bei Viking River Cruises, Hohe Straße 68-82, 50667 Köln, Telefon 0221 2586209, info@vikingrivercruises.de , www.vikingrivercruises.de sowie in Reisebüros.

Allgemeine Informationen über die Ukraine erhält man bei der Botschaft der Ukraine, Albrechtstraße 26, 10117 Berlin, Telefon 030 28887220.

Für die Einreise ist ein Reisepass erforderlich, der noch sechs Monate gültig sein muss. Ein Visum wird derzeit nicht verlangt.

      

 
 
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