14. August 2009 | Petra Neumann-Prystaj
Das schwimmende Donau-Hotel
Wir wechseln die Länder, aber nicht unser bequemes, 16 Quadratmeter großes Balkon-Zimmer

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Begegnung mit dem Schwesterschiff: Auch die A-Rosa Donna ist ständig auf der Donau im Einsatz. Fotos: Gerald Block
Langsam und fast lautlos gleitet unser Vier-Sterne-Hotel in Richtung Südosten. Es ist 124,5 Meter lang, 14,40 Meter breit und hat 100 Außenkabinen. Weil es mobil ist, müssen wir es nicht sein: Die Landschaft besucht uns. Wir wechseln die Länder – Österreich, die Slowakei und Ungarn –, aber nicht unser bequemes, 16 Quadratmeter großes Balkon-Zimmer.
Unsere Aussicht besteht aus 580 Kilometer Flussufer (hin und zurück) – einem kleinen, besonders attraktiven Ausschnitt der 2858 Kilometer langen Donau, die auch Danube, Dunarea oder Dunav genannt wird. Diese 580 Kilometer gelten als Klassiker-Route, weil sie Passau, Wien, Bratislava und Budapest mit einschließen. Das bedeutet 580 Kilometer Kultur und Natur, die in acht Tagen während der Hin-und Rückreise an unserem Schiff A-Rosa Bella vorbeiziehen wie ein traumschöner Farbfilm. Und die Passage von zweimal elf Schleusen, tagsüber und nachts.
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Im Kaiserkostüm: Franz-Josef-Darsteller vor der Hofburg in Wien
Das Schiff mit den knallroten Lippen, zwischen denen eine rote Rose steckt, gehört zur Donau-Flotte der A-Rosa Flussschiff GmbH mit Sitz in Rostock und wurde 2002 zusammen mit seinem Schwesterschiff A-Rosa Donna in Dienst gestellt. Zwei weitere 2004 gebaute Schiffe, Mia und Riva, komplettieren das Donau-Quartett. Wer die Klassikerroute befährt, kann blindlings Wetten darauf abschließen, dass er mindestens eines der vier zu Gesicht bekommen wird. A-Rosa besitzt die präsenteste Flotte unter den rund 140 Fahrgastschiffen auf der Donau.
Bella-Kapitän Jozef Lelkes kennt den Fluss seit 22 Jahren und ist seit 16 Jahren Kapitän. Aber er kann sich nicht erinnern, die Donau jemals blau gesehen zu haben – sauberer freilich schon. Grasgrün oder auch schlammigbraun sind die Wellen, die der weiße Schiffskörper durchpflügt. Die Schlager- und Operettendichter müssen farbenblind oder aber vorausschauende Werbestrategen gewesen sein.
Acht Tage A-Rosa Bella verändern Körper und Seele. Es erfordert die Willenskraft eines Karl L(M)agerfeld, den raffinierten warmen Buffets, der Kaffeetafel und vor allem den köstlichen Desserts zu widerstehen. Gegessen wird den lieben langen Tag lang. Wir erkennen uns selbst nicht wieder: Obwohl der Bodymaxindex vieler Mitfahrer und Mitfahrerinnen zwischen 25 bis 31 (Übergewicht) schwankt, was für Schlankere eine ähnlich abschreckende Wirkung haben sollte, wie die „Rauchen kann tödlich sein“-Warnung für Nikotinsüchtige, langen wir bei den unübertrefflich guten Cremespeisen immer wieder zu.
Wahrscheinlich reibt sich Chefkoch Norbert Jozsi jeden Abend triumphierend die Hände: Wieder ist ihm keiner ungemästet davongekommen. Täglich überrumpelt er mit österreichischen, ungarischen oder internationalen Spezialitäten den Vorsatz: „Ich will ja nur eine Kleinigkeit probieren“. Auch überreden einen die immer gegenwärtigen, übermenschlich höflichen Servicekräfte zu manchem zusätzlichen Glas Wein oder Cocktail.
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Fototermin an Deck: Ankunft in Budapest mit dem Parlamentsgebäude als Kulisse.
Und die Seele? Die wird beim Anblick der ruhig und stetig dahinfließenden, immer breiter werdenden Donau systematisch entschleunigt. Es tut einfach gut, die subtile Veränderung des scheinbar Immergleichen auf sich wirken zu lassen, den satt glucksenden Wellen beim Kräuseln zuzusehen, die Verwandlung von Sonnenstrahlen in flüssiges Gold zu erleben. Als Passau hinter uns und der weite, von felsigen Wänden umrahmte Fluss vor uns liegt, als wir, die Zufallsgemeinschaft der Passagiere, von purer Natur umgeben sind, kein Schiff, kein Auto weit und breit zu entdecken ist, geben selbst notorische Nörgler zu, dass es ihnen heute „ so richtig gut geht“. Der Anblick der Auenwälder und burgengekrönten Berge wirkt sogar entspannender als die „Harmony-Massage“, die Bella-Kosmetikerin Elena bietet.
Es gibt billigere, aber kaum komfortablere Möglichkeiten, die wichtigsten Städte der K.- und K.-Monarchie in kurzer Zeit kennenzulernen. Bald wird die Kabine mit der Klimaanlage, die in heißen Nächten tiefen und ruhigen Schlaf garantiert, zum kleinen Heimathafen. Nataliya, die ukrainische Kabinen-Hostess, lässt sich täglich etwas Neues einfallen, um aus Schlafdecken und bunten Sitzkissen Gesamtkunstwerke zu komponieren. Aus Handtüchern faltet sie Schwäne, Schiffe, Rosen, aus Decken formt sie Herzen und garniert sie mit Rosenblättern.
Die Schiffsbesatzung – auf 240 Passagiere kommen fast 40 Angestellte und Dienstleister – ist überschwänglich um Gute-Laune-Stimmung bemüht. Leider überträgt sich ihre Höflichkeit nicht immer auf die Fahrgäste, von denen 75 Prozent über 60 Jahre alt sind. Was im Flusskreuzfahrtkreisen als relativ jung gilt. Sie sind, ein Vorteil des Alters, immerhin friedlich.
Wenn das Sonnendeck wegen der Schleusen oder Brücken geräumt werden muss, konzentrieren sich Raucher wie Sonnenanbeter auf dem kleinen Achterdeck. Pech für den, der zu spät kommt, weil sich dann alles dort drängt – ein A-Rosa-Schönheitsfehler. In solchen Momenten macht sich der Aufpreis für eine Balkon-Kabine bezahlt. Denn dort kann man die Fenstertüren weit öffnen und hat den Fluss und die wechselnden Uferlandschaften für sich allein.
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Romantische Atmosphäre in der Schiffskabine.
Täglich gibt es Neuland zu erkunden, allein und zu Fuß, mit dem Fahrrad in einer geführten Gruppe oder während einer organisierten Busreise. Solche Extras müssen extra bezahlt werden. Die Busausflüge empfehlen sich für alle, die in kurzer Zeit einen auf das Wichtigste zusammengefassten Eindruck von einer Stadt oder Landschaft bekommen wollen. Das Schiffs-Journal, das jeden Abend an die Kabinentür gehängt wird, informiert über das Programm des nächsten Tages, die Sehenswürdigkeiten und enthält oft auch einen Stadtplan.
Durchs sommerliche Wien radeln wir ganz individuell mit den Mietfahrrädern vom Schiff, gönnen uns am Prater eine Runde Riesenradfahren und auf dem Platz vor dem ewig eingerüsteten Stephansdom eine Wiener Melange. Abends entführt uns der Bus in die Heurigen-Hochburg Grinzing. Alles ist – A-rosa-typisch – hundertprozentig durchorganisiert, Wein, Brot und Aufstrich stehen schon auf den Tischen, und die jungen Schrammel-Musiker lassen den „Dritten Mann“ auferstehen. Ob sie, die vom Alter her Orson Welles' Urenkel sein könnten, den legendären Nachkriegsfilm überhaupt kennen?
Grinzing sieht so aus, als ob es Walt Disney entworfen hätte: eine Art Sachsenhausen mit charmanten Häuschen, in denen sich schrullige Typen wie Paul Hörbiger oder Hans Moser ein Schwipserl angetrunken haben könnten. Aber offenbar ist die viel besungene gemütliche Geselligkeit beim jungen Wein nicht mehr so stark gefragt. Vor allem die Amerikaner bleiben in diesem Jahr zuhause. Und die jungen Wiener scheinen andere Geschmäcker als ihre Väter und Großväter zu haben.
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Idyllischer Blick vom Schiff auf das Festland.
Am nächsten Morgen macht das Schiff zwei Stunden in
Esztergom Station, einer der ältesten Städte Ungarns und einst sogar Hauptresidenz der ungarischen Herrscher. Von weitem schon ist die auf einem Burgberg errichtete, 1856 geweihte Basilika zu erkennen – nach dem Petersdom die zweitgrößte Kirche Europas. Wie ein Märchenschloss erscheint sie uns beim Wiedersehen zwei Tage später bei der nächtlichen Rückfahrt. Dazu passend legt Entertainer Kay popveredelte gregorianische Gesänge auf.
Budapest, das Paris des Ostens, kommt in Sicht, die erste Brücken, Kirchtürme, Häuserfronten gleiten vorbei. Als das orientalisch angehauchte, im Zuckerbäckerstil von Sacre Coeur gebaute Parlamentsgebäude auf der Pester Seite auftaucht, verlassen die Flusskreuzfahrer wie auf Kommando Schwimmbad und Liegestühle, um ihre Kameras zu holen. Später wird uns die ungarische Fremdenführerin Judith erklären, dass in Budapest alles irgendwie mit der Zahl zwei zusammenhängt. Budapest hat das zweitschönste Parlament (nach London), zwei Stadtteile, nämlich Buda und Pest und zwei Millionen Einwohner.
Und noch etwas: Kaiserin Sisi (Erzsebet), deren Denkmälern wir auf unserer Fahrt häufiger begegnen, als denen der weitaus bedeutenderen Kaiserin Maria Theresia, verbrachte 2000 Tage in ihrem ungarischen Schloss Gödöllö. Nur bei den Budapester Thermalquellen – es sind 125 – versagt Judiths Zweier-Faustregel. Die große Markthalle könnte auch mal als Bahnhof entworfen worden sein. Hier gibt es Salami (aus Darmstadts Schwesterstadt Szeged) und Paprikapulver in rauen Mengen. Und Geldbörsen aus Leder, die wie Handgranaten aussehen.
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Achtung: Bitte nicht überfahren!
Vor allem aber ist Budapest eine Abendschönheit. Sobald die Sonne untergeht, legt die Stadt ihren Lichterschmuck an. Er vergoldet alle Brücken, das neugotische Parlament, den Burgpalast, die Fischerbastei und sogar das Befreiungsdenkmal auf dem Gellertberg, das am Tag eher an einen überdimensionalen Flaschenöffner erinnert. Und wieder ist es der Spiegeleffekt der Donau, der dieser Inszenierung den letzten Pfiff gibt.
Ein kurzer Spaziergang führt von der Anlegestelle in Bratislava aus in das Herz der slowakischen Hauptstadt. Herrschaftshäuser umrahmen Altstadtstraßen, in denen sich ein überdachtes Straßencafé an das nächste anschließt. Und noch eine Besonderheit hat Bratislava zu bieten: abstrakte und gegenständliche Skulpturen auf Schritt und Tritt. An der Ecke Pansa- und Venturskastraße lugt ein bronzener „Gaffer“ aus dem Gully. Ein Schild weist auf ihn hin, damit er nicht überfahren wird.
Am letzten Tag steht die Wachau auf dem Programm. Man kann sie vom Bus aus oder auf einer geführten, etwa 35 Kilometer langen Radtour kennenlernen. Die Zeit reicht nicht, um Station bei der Venus von Willendorf oder dem blauen Kirchturm des Augustiner-Chorherrenstiftes von Dürnstein zu machen. Der Donauradwanderweg führt an Weinbergen und Marillenbäumen vorbei, deren Früchte zu Kuchen, Knödeln und Schnäpsen verarbeitet werden.
Ankunft in Passau. Es regnet. Zum erstenmal auf dieser Reise erscheint die Donau grau und grantig. Morgens gegen acht Uhr verlassen die Flusskreuzfahrer das Schiff, die meisten mit einem frisch gebackenen A-rosa-Brot in der Tasche. Bis zum letzten „Auf Wiedersehen“ kümmert sich die Crew aufmerksam um ihre Gäste und den Gepäcktransport. Nach acht Tagen Behütung und Verwöhnung fällt es vielen schwer, wieder auf eigenen Füßen zu stehen.
Auskünfte
Informationen über die Flusskreuzfahrten von A-Rosa gibt es in Reisebüros sowie beim
A-Rosa Service Center,
Telefon: 0180-36 27672
(neun Cent pro Minute),
E-Mail: service@a-rosa.de,
Internet:www.a-rosa.de.
Außer auf der Donau (fünf Tage bis elf Tage-Angebote) werden auch Flussfahrten auf der Rhone und auf dem Rhein angeboten.
Die beschriebene achttägige Donaufahrt kostet je nach Kabinentyp und Saison zwischen 949 und 1849 Euro pro Person, es wird eine Frühbucherermäßigung von 150 Euro gewährt.
Essen, Mineralwasser und abendliches Bordprogramm sind inklusive, Ausflüge müssen extra bezahlt werden. Kosten pro Ausflug: zwischen 19 und 39 Euro pro Person.
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