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04. Juli 2008  | Ralph Baumann

Soko Speiche ermittelt

Der Norden Westfalens hat sowohl radelnden Urlaubern als auch Pferdefans viel zu bieten

 
Westfalen
| Vergrößern | Romantik im Münsterland: Burg Vischering in Lüdinghausen beherbergt das Münsterlandmuseum sowie die Kinderausstellung ,,Ritter und Pferde". Fotos: Ralph Baumann

Viele Krimis wie die der James-Bond-Reihe leben von atemberaubenden Verfolgungsjagden per Auto, nach denen die Helden wundersam unversehrt ihren schrottreifen Karren entsteigen. Wohltuend anders sind die meisten Tatort-Folgen, vor allem die aus Münster.

Axel Prahl alias Hauptkommissar Frank Thiel ist vorwiegend per Rad unterwegs, und falls es doch einmal ein wenig schneller gehen muss, hüpft er zu Rechtsmediziner Börner in dessen Luxuskarosse.

Der witzige westfälische Tatort trägt zweimal im Jahr zur Entschleunigung des Wochenendes bei. Thiel ist ein geduldiger Ermittler, der stets nach dem Motto handelt: Kommt Zeit, kommt Rad, pardon, Rat.

Der Drahtesel gehört zu Münster wie die Bikini-Schönheit zu James Bond. In der Universitätsstadt sind Fahrraddiebstähle das häufigste Delikt, daher wurde im Polizeipräsidium schon vor Jahren eine Sonderkommission (Soko) „Speiche“ eingerichtet.

Nicht nur die 50 000 Studenten, nein, ganz Münster ist mit dem Rad unterwegs. Kein Wunder, dass der ADAC dort weit weniger gefragt ist als mobile Fahrradwerkstätten. Kein Wunder, dass sich am Hauptbahnhof Deutschlands größtes Rad-Parkhaus befindet. Es hat 3300 Abstellplätze.

Wer tatsächlich in der 270 000-Einwohner-Stadt keinen passenden Job gefunden hat und beispielsweise ins Ruhrgebiet pendeln muss, der kann sein Gefährt für 70 Euro pro Jahr in jener „Radstation“ abstellen. Für drei zusätzliche Euro schiebt es ein Angestellter auf Wunsch sogar durch die Waschanlage.

Es versteht sich fast von selbst, dass die alte Bischofs- und Hansestadt ebenso wie das ganze Münsterland ein Paradies für Radurlauber ist.

Das Wegenetz zwischen Ruhrpott, Holland und Teutoburger Wald sucht hierzulande seinesgleichen: Rund 4500 km einheitlich ausgeschilderte Radwege sowie einige Themenrouten warten auf bewegungsfreudige Touristen.

Wobei die münsterländische Parklandschaft keine besondere Kondition erfordert. Die Strecken sind meist eben, nur hin und wieder wird's etwas hügelig.

Wer seine Entdeckungsreise durch den Norden Westfalens mit ein wenig Kultur und Weiterbildung würzen möchte, dem sei die 100-Schlösser-Route ans Herz gelegt. Insgesamt ist sie zwar stolze 960 Kilometer lang, doch sie ist in vier (miteinander verbundene) Rundkurse aufgeteilt.

Ganz selten nur geht es entlang verkehrsreicher Straßen, meist ist der Urlauber auf alten Wirtschafts- oder eigens angelegten Radwegen mit sich und der Natur allein.

Auch wenn prunkvolle Anlagen wie das Schloss Nordkirchen, von den Einheimischen auch „westfälisches Versailles“ genannt, oder eine Vielzahl beeindruckender Wasserschlösser angesteuert werden, so hat das Münsterland freilich keine 100 Schlösser zu bieten.

Die Route führt auch zu Herrensitzen und Burgen, die aber durch die Bank sehenswert sind. In Lüdinghausen befindet sich mit der Burg Vischering eine besonders trutzige Festung, deren Kern bereits aus dem 13. Jahrhundert stammt.

Nach dem Besuch der Wehrburg lohnt ein Abstecher in die Innenstadt von Lüdinghausen , die mit etlichen hübschen Kneipen und schmucken Geschäften aufwartet.

Angesichts des originellen Sortiments in den Läden bedauert man rasch, dass die prall gefüllten Satteltaschen keine größeren Einkäufe mehr zulassen.

Auch viele andere Kommunen auf der 100-Schlösser-Route gefallen allein aufgrund der Tatsache, dass die Filialen der großen Ketten fehlen und die Stadtbilder dadurch wohltuend unterschiedlich sind.

Westfalen
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Holland-Räder sind im Münsterland beliebt: Dahinter sieht man den Prinzipalmarkt, die gute Stube der Stadt. Im Rathaus, wenige Meter von den Giebelhäusern entfernt, wurde am 24. Oktober 1648 der Westfälische Friede geschlossen, der den Dreißigjährigen Krieg beendete.

Manchmal muss man sich während seiner Tour kein Quartier in den Städten suchen, sondern kann für eine Nacht Burgfräulein und Schlossherr spielen. Im Schloss Velen zum Beispiel befindet sich jetzt ein Vier-Sterne-Sporthotel.

Wer sich Münster als Urlaubszentrum aussucht und von dort aus Tagesausflüge unternehmen möchte, der stößt beispielsweise direkt hinter der westlichen Stadtgrenze auf die Burg Hülshoff, das Geburtshaus der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff.

Das dortige Museum gewährt interessante Einblicke ins Leben des münsterländischen Adels zur Zeit des Klassizismus un

d Biedermeier.

Münster selbst hat vor acht Jahren mit der Eröffnung eines Picassomuseums etwas gegen sein leicht verstaubtes Image getan. 780 Arbeiten zeigen nahezu das gesamte lithographische Werk des spanischen Künstlers und Exzentrikers.

Eine Art Exzentriker ist auch Schwanendame Petra, die sich auf dem Aasee, dem beliebtesten Naherholungsgebiet der Stadt, in ein Tretboot verliebt hat und dort täglich mit ihrem Angebeteten zu finden ist.

Ein Grund, sich ins Münsterland zu verlieben, könnten aber auch die vielen Pferde sein. 80 000 Vierbeiner werden in der Region gehalten, und so ist es beinahe logisch, dass mit Warendorf eine Stadt des Münsterlandes Sitz der Deutschen Reiterlichen Vereinigung geworden ist.

Pony- und Reiterhöfe en masse werben um Familien mit Kindern, wobei es der Stadt Greven und dem Kreis Steinfurt jetzt gelungen ist, den ersten integrativen Reitweg Deutschlands einzurichten. Menschen mit Behinderung können sich auf einer Strecke von 15 Kilometern barrierefrei fortbewegen.

Einen Einblick in die Möglichk

eiten, die das Münsterland Pferdenarren bietet, gibt das Wochenende 9./10. August. Für die Aktion „Pferde-Stärken“ öffnen 130 Gestüte und Höfe ihre Stalltüren.

Derjenige, der mit seinen Kindern an jenen beiden Tagen ins Münsterland aufbricht, sei gewarnt: Die für 2009 von den Eltern längst geplante Radtour könnte auf Ablehnung stoßen, wenn der neue Stern am Urlaubshimmel plötzlich Reiterhof heißt.

Auskünfte

Informationen zur Stadt Münster erhält man über Telefon 0251 4922710 sowie Internet unter www.tourismus.muenster.de.

Hinweise zum Münsterland gibt es über Telefon 02551 939291 sowie im Internet unter unter www.muensterland- tourismus.de und www.100-Schloesser-Route.de.

Informationen zu Lüdinghausen bekommt man telefonisch unter 02591 78008 und im Internet unter www.luedinghausen- marketing.de.

Über den „Tag der offenen Stalltü

ren“ informiert die Internetseite www.pferde-staerken.com.

Hinweise zu Reiterferien im Münsterland gibt es unter der kostenfreien Hotline 0800 9392919 und im Internet unter www.pferderegion- muensterland.de.

 
 
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