Wer ohne Schlaumeier Google herausfinden will, welche Schicksalsmächte das Trojanische Pferd nach Mecklenburg-Vorpommern verschlagen haben, wo Deutschlands größter Binnensee plätschert und wie Fischadler ihre Brut betüteln, muss sich auf den internationalen Radfernweg von Berlin nach Kopenhagen begeben. Die Route über Neustrelitz, Güstrow, Rostock und Ged ser (Dänemark) ist 645 Kilometer lang, inklusive Seeweg.
In vierzehn Tagen, behaupten Radwegeexperten, sei die weitgehend flache Strecke, an der kein Mangel an Übernachtungsmöglichkeiten herrscht, gut zu bewältigen. Aber man kann sie natürlich auch - wie die Autorin dieses Berichts - in nur einigen ausgewählten Abschnitten kostproberadeln und ansonsten Bus und Schiff den größten Teil der Route zurücklegen lassen. Trotz guter Wegbeschilderung ist ein Radtourenbuch unentbehrlich. Beginnen wir in Berlin, der Stadt der 180 Nationen, wo der gut gekennzeichnete Radfernweg geradewegs durchs Brandenburger Tor und das Regierungsviertel führt, mitten hinein ins volle Politiker- und Touristenleben. Strandbars mit Spreeblick verführen wie einst die Sirenen den weitgereisten Odysseus noch vor der ersten Strampelstrecke zu Einkehr und süßem Nichtstun. Mit den Zehen den aufgeschütteten weißen Sand kraulend , verleibt man sich erst mal den typischen Berliner Energiespender ein: die Bulette. Der gesättigte Radler könnte nun dem 163 Kilometer langen Mauerweg folgen oder auch Häppchen von Deutschlands längstem Radfernweg - 1111 Kilometer durch Brandenburg - ausprobieren Aber dann würde er niemals dem Geheimnis des Trojanischen Pferdes und den Fischadlern auf die Spur kommen. Der erste Stopp in Richtung Kopenhagen lohnt sich in der 41 000-Einwohner-Stadt Oranienburg, die der Landesgartenschau von 2009 allerlei Stadtbild-Verschönerungen zu verdanken hat: So wurde die Schlossbrücke an ihren alten Standort zurückverlegt und die Einheit von Barockschloss und Schlosspark wiederhergestellt. Das kostete weit über 30 Millionen Euro. In den einzelnen Abschnitten haben Landschaftsgärtner Begriffe wie Eifer, Einsamkeit, Freude, Familie, Geschick, Hoffnung oder Zukunft in die Pflanzensprache übersetzt. ,,Wir wollten Geschichten aus der Zeit der Kurfürstin Luise Henriette von Oranien erzählen", sagt der Geschäftsführer der Landesgartenschau Frank Olstersdorf. Nach dem Dreißigjährigen Krieg hatte die gebildete, tatkräftige Niederländerin die Grundlage des modernen Land- und Gartenbaus in Brandenburg-Preußen geschaffen.Radwandern auf den Spuren des Trojanischen Pferdes
Radfernweg: Der internationale Radfernweg von Berlin nach Kopenhagen bietet viele Attraktionen
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Der ,,Tonstraße" folgend, erfährt der Radler im Industrie-, Natur- und Ziegeleipark Mildenberg aus welchem Material die Berliner Altbauten bestehen. Der Rohstoff für die Ziegel wurde beim Tonabbau in dieser Landschaft gewonnen. Herzstück des Ziegeleiparks ist ein von Karl-Friedrich Hoffmann konstruierter Ringofen, in dem das Feuer, einem Brennkanal folgend, eine Runde machte und dabei die von Hand aufgeschichteten Rohziegel brannte. Mehr Jubelschreie als dieses Kapitel der Industriegeschichte dürfte bei Kindern allerdings der Kleintierzoo, eine Abenteuerspielwiese, eine Schienenfahrradstrecke und eine Go-Kart-Strecke des Ziegeleiparks auslösen.Die Stadt Neustrelitz, Ausgangsort für die Entdeckertour durch die Mecklenburgische Seenplatte, wurde 1733 neben dem Residenzschloss gegründet. Ihr barockes Zentrum ist ein raffiniert angelegter Marktplatz mit zwei ineinander verschachtelten Quadraten, von dem strahlenförmig acht Straßen ausgehen. In diesem Jahr feiert Neustrelitz mit vielen Veranstaltungen die ,,Königin der Herzen" und ,,Glamour Queen" Luise von Preußen, die vor 200 Jahren gestorben ist. Am 2. Juli wird eine eigens für die Luise-Festspiele in Auftrag gegebene Operette uraufgeführt. In deren Mittelpunkt stehen die amourösen Begegnungen der Mecklenburger Prinzessinnen und Schwestern Luise und Friederike mit zwei preußischen Prinzen - Friedrich Wilhelm und seinem Bruder Louis. Die adeligen Mädchen waren in Darmstadt von ihrer Großmutter erzogen worden - und in Darmstadt wurde auch ihre Verlobung bekanntgegeben.Wer die Chance bekommt, den Altertumswissenschaftler Reinhard Witte kennenzulernen, sollte ihn auf den berühmtesten Mecklenburger und Pionier der Spatenarchäologie, Heinrich Schliemann (1822 bis 1890), ansprechen - und er wird mit zwei Stunden spannender Unterhaltung belohnt. Witte ist Leiter des Schliemann-Museums im 99-Seelen-Ort Ankershagen, in dem Pfarrerssohn Schliemann von 1823 bis 1831 prägende Kindheitsjahre verbracht hat. Das Pfarrhaus dient nun als Museum und Schliemann-Forschungszentrum. Dort werden nicht nur Fundstücke aus Troja, sondern auch Nachbildungen des ,,Schatzes von Priamos" gezeigt. Vor dem Museum aber steht, stoisch in die Ferne blickend, das aus Holz gezimmerte sechs Meter hohe Trojanische Pferd. Bei diesem Anblick klicken Fotoapparate fast von alleine los, während die Kinder sofort den Sinn und Nutzen des langen Pferdeschwanzes verstehen: Er ist eine Rutschbahn.Über 35000 Briefe werden im kleinen Ankershagen, das sich jetzt ,,Schliemanngemeinde" nennen darf, ausgewertet. Schliemann beherrschte 20 Sprachen, darunter auch arabisch, und er schrieb seine Briefe immer in der Sprache jenes Landes, in dem er sich gerade aufhielt. Von seiner ersten Frau, einer Russin, verlangte er kurz nach der Hochzeit, täglich 300 Fremdwort-Vokabeln zu lernen. Erst, als sie weinend zusammenbrach, verstand er, dass nicht jeder seine Sprachbegabung besitzt.Schliemann war Mecklenburger, russischer und zuletzt amerikanischer Staatsbürger - aber niemals Preuße. Wenn er in Verfilmungen des Schliemannschen Lebens auf Fehler wie diese stößt, kann sich Witte herzhaft aufregen. Weder habe der reiche Kaufmann und Kriegsgewinnler sein gesamtes Vermögen für die Grabungen in Troja ausgegeben - er war und blieb Millionär -, noch seien Arbeiter bei Grabungen umgekommen. Der Wissenschaftler verschweigt aber nicht, dass Schliemann angeberische Züge hatte und ihm eine perfekte Selbstdarstellung allemal wichtiger als die reine Wahrheit war.
Vorbei an Feldern und kleinen Ortschaften führt der Radweg geradewegs in den vor 20 Jahren eröffneten Müritz Nationalpark mit seinen vielen kleinen Seen. Im Besucherzentrum von Federow (Mecklenburg-Vorpommern) kann man geführte Themenwanderungen buchen, sich über die Bus- und Schiffslinien des Parks informieren, aber auch per Video-Live-Übertragung einem brütenden Fischadlerpärchen zusehen. Gerade hüpft ein Spatz keck über das Nest. Rangerin Liane Himm zoomt den brütenden Vater näher heran, so dass ihm die Besucher in seine stechend gelben Augen blicken können. Mit dem möchte man kein Hühnchen rupfen. Die Kamera ist rund um die Uhr auf die Vögel gerichtet, die spannendsten Szenen ihres Familienlebens werden in einem Film zusammengefasst. Später begleitet die wetterfeste Rangerin Himm die Besucher zu jener Beobachtungswand, Sichtschirm genannt, durch deren Schlitze sie das Brutpaar mit dem Fernglas beobachten können. Tatsächlich - das Nest der Fischadler befindet sich auf einem Strommast, und das ist auch gut so: So sind sie vor tierischen und menschlichen Eierdieben geschützt. Achtzehn bis 21 Fischadlerpaare haben sich inzwischen im Nationalpark angesiedelt. Auch Kraniche und Seeadler fühlen sich in der Mecklenburgischen Seenplatte wohl. Im Herbst sammeln sich Tausende Kraniche am Ostufer der Müritz, um zu rasten - ein Anblick, der alljährlich viele Vogelfreunde anlockt.Der Radweg schlängelt sich vorbei an Rapsfeldern, Buchenwäldchen und kleinen Seen. Weite, Ruhe und Einsamkeit fördern die innere Einkehr, spornen zum genauen Hinsehen an. Vögel, die andernorts selten geworden sind, Dorfkirchen und Herrenhäuser sind die Höhepunkte einer unaufgeregten Landschaft, die hinter dem Horizont endlos weitergeht. An der Müritz schließlich, diesem 29 Kilometer langen und 13 Kilometer breiten größten Binnensee Deutschlands, den die Deutschen - anders als den Bodensee - nicht mit anderen Nationen teilen müssen, bietet sich ein Stopp bei Fischern an. In der Stadt Waren können sich die Radler nicht nur über Fischzucht informieren und Kaviar verkosten, sondern auch selbst auf Angeltour begeben oder baden gehen. Danach lockt Rostock, die größte Stadt von Mecklenburg-Vorpommern am Flusslauf der Warnow. Der Radweg führt durch den abwechslungsreichen Anlagenring der 800 Jahre alte Hanse- und Universitätsstadt, in der die Geschichte manche Spuren hinterlassen hat. Teile der Stadtmauer und sogar ein alter Friedhof sind in den Grüngürtel integriert.Im Seebad Warnemünde, in dem die Traumschiffe dieser Welt anlegen, besteigt der Radler die Fähre, die ihn in knapp zwei Stunden zum dänischen Hafen Gedser auf der Insel Falster bringt. Weiter geht es an der Ostsee entlang, vorbei an kleinen Dörfern mit bunten Puppenhäusern. An manchen Fenstern ist ein Spiegel angebracht: Damit konnten die Bewohner in Zeiten, als es noch kein Fernsehen gab, unauffällig Nachbarn und Passanten beobachten.Die dänische Hauptstadt Kopenhagen begrüßt den Radler mit unterkühlter Avantgarde-Architektur, gewinnt aber an Touristen-Charme, je mehr er sich dem Zentrum, den Schlössern und der Partystraße Nyhavn nähert. Hoffentlich diszipliniert, denn die Dänen halten Unmutsäußerungen nicht zurück, wenn Radler das rote Männchen an der Ampel ignorieren.
Abends, im Vergnügungspark Tivoli, fährt der in einen Fußgänger zurückverwandelte Pedaltreter in einem rollenden Schatzkästchen durch die Märchenwelt von Hans Christian Andersen. In diesem Fahrgeschäft begegnet er den literarischen Helden seiner Kindheit, dem Kaiser ohne Kleider, dem standhaften Zinnsoldaten, dem hässlichen Entlein und der kleinen Meerjungfrau. Walt Disney soll im Tivoli zu seinen Disney-Wunder-Parks inspiriert worden sein. Zwar hat Dänemark das Wahrzeichen Kopenhagens, die kleine Meerjungfrau, gerade zur Weltausstellung nach Schanghai geschickt, aber der Tourist muss dennoch nicht auf den Anblick der melancholischen Nixe verzichten: In einem künstlichen See des Tivoli wird sie von einer originalgetreuen Kopie der von Edvard Erichsen im Jahr 1913 geschaffenen Figur vertreten. Denn nur wer sie gesehen hat, heißt es, war wirklich in Kopenhagen. Praktische Tipps:Eine Planungshilfe für einen Fahrradtag in Berlin ist das Berlin-Aktiv-Informationspaket der Berlin Tourismus Marketing GmbH, www.visitberlin.de. Für 12,90 Euro gibt es den Routenbegleiter ,,Radfernweg Berlin-Kopenhagen" mit Karten, Streckenbeschreibungen und Hinweisen auf das kulturelle Angebot der Region nebst Übernachtungsverzeichnis, erschienen im Verlag Esterbauer GmbH, Rodingersdorf (www.esterbauer.com). Näheres über die Angebote des Schliemannmuseums in Ankershagen ist unter www.schliemann-museum.de zu finden. Die Angebote des Ziegeleiparks werden unter www.www.ziegeleipark.de beschrieben Über den Nationalpark Müritz informiert das Internetportal www.mueritz-nationalpark.de, über Kopenhagen www.visitdenmark.com und www.visitcopenhagen.de, über Mecklenburg-Vorpommern www.urlaubsnachrichten.de. 73 Touren mit dem Rad durch den Norden sind in einem Katalog zu finden, der beim Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern Telefon 0381 4030500, E-Mail info@auf-nach-mv.de, Internet www.auf-nach-mv.de bestellt werden kann.
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