So ähnlich muss es sein, das Paradies auf Erden. Zur linken erhebt sich Schloss Dürnstein, doch der Blick des Radlers gilt einer süßen Frucht, der Marille. Die Marktgemeinde Rossatz-Arnsdorf zwischen Melk und Krems im Herzen der Wachau ist die größte Marillenanbaugemeinde Österreichs. Der Radweg entlang der Donau führt mitten durch die Plantagen, und da bei gemütlichen Tempo eine Hand zum Lenken genügt, ist die andere so frei, sich hin und wieder zu bedienen.
Zum Paradies gehört natürlich noch mehr als Aprikosen, gern auch in einem Knödel verborgen. Irgendwann sind auch die Äpfel und Birnen reif, die hier gleichfalls gedeihen. In den vielen Heurigen-Lokalen, deren Öffnungszeiten eigens ein kleiner Kalender auflistet, lässt es sich prächtig erholen von der Tagestour bei ordentlicher Hitze. Nachdem der Körper ausreichend mit Wasser versorgt worden ist, kann sich am Abend der Geist mit Wein erfrischen, ob Blauer Zweigelt oder Grüner Veltliner. Da die Gastgeber hier traditionell Achtel-Liter reichen, darf es schon mal ein Schoppen mehr sein – zumal die Käse- und Wurstplatten, die für vier, fünf Euro aufgetischt werden, mehr sind als eine gute Grundlage.
Bei unserer zweiten Donauradtour innerhalb von fünf Jahren bildet die Wachau – ein Weltkulturerbe – diesmal das Ziel der in Passau begonnenen Reise. Diese bezaubernde Landschaft mit kleinen Orten wie Spitz oder Weißenkirchen erstreckt sich über gerade mal 40 Kilometer, und ehe man sich versieht, ist man hindurchgestrampelt. Und so wäre es fahrlässig, sich auf der von Passau bis Wien 330 Kilometer langen Tour auf den vermeintlichen Höhepunkt, die Wachau, zu fokussieren.
Die Schlögener Schlinge beispielsweise, ein Engtal, in dem sich die Donau tief und in ausgeprägten Mäandern ins böhmische Granitmassiv einschneidet, ist das reinste Idyll – auch wenn der Geruch des Benzinmotors der Radfähre, die uns die sechs Kilometer von Au nach Grafenau über den Strom schaukelt, keine Einstimmung aufs Abendessen ist. Und auch die zweite Tagesetappe vom beschaulichen Obermühl nach Ottensheim vor den Toren von Linz birgt unerwartete Begegnungen, etwa mit Bauernhöfen und Maisfeldern entlang des dort abseits der Donau führenden Radweges.
Das ist eine gute Abwechslung zur Fahrt entlang des Flusses, dessen Geschwindigkeit sich der Radler gern anpasst, was den Erholungswert schnell immens steigert. Dazu trägt auch das vielfältige Angebot an Übernachtungsquartieren bei. Mal ein einfacher Gasthof, mal ein feineres, gleichwohl in jeder Hinsicht nicht abgehobenes Landgasthaus, mal ein in die Jahre gekommenes Hotel, mal eine Unterkunft bei Privatleuten. Wer zu zweit unterwegs ist, findet immer ein Plätzchen, um sein Haupt zu betten, es sei denn, er kommt erst am späteren Abend an; dann ist die Auswahl nicht mehr so groß.
Wer auch diesbezüglich flexibel ist (im übrigen eine Grundvoraussetzung bei Fahrradtouren), wird bei der Beurteilung der Qualität des Gebotenen durchweg zu einem Urteil kommen, für das die Österreicher (wie auch die Bayern) nur zwei Worte benötigen: „Passt scho.“ Und, Hand aufs Herz: Muss es wirklich immer das in die Jahre gekommene opulente Frühstücksbuffet sein? Inzwischen geht mancher Gastgeber wieder dazu über, Marmelade, Wurst, Käse und Ei auf dem Esstisch zu platzieren.
Wer sich Zeit und Muße lässt, dem bietet eine individuelle Fahrradtour die Chance, Land und Leute intensiver kennenzulernen als bei geführten Touren. Da bliebe einem die Begegnung mit der netten Frau vom Tourismusverband im Städtchen Grein vorenthalten. Nachdem sie das ausgesuchte Quartier angeklingelt hat, überlässt sie für die Details dem Gast den Telefonhörer mit einer Aufforderung, wie sie schöner nicht sein könnte: „Plaudert‘s euch zusammen.“
Tipps für die Donauradtour
Die Infrastruktur entlang der Donau ist in jeder Hinsicht gut: asphaltierte, bestens beschilderte Fahrradwege, Gasthäuser oder einfache Lokale direkt am Wegesrand, Übernachtungsmöglichkeiten (durchschnittlich ab 45 Euro für Doppelzimmer mit Frühstück, nach oben offen), Informationsstellen (die auch Zimmer vermitteln), Fahrrad-Werkstätten.
Wer auf dem Abschnitt Passau – Wien unterwegs ist (donauabwärts und meist mit Westwind, also Rückenwind), kann sich zur Rückfahrt eines Angebots der Österreichischen Bundesbahn (ÖBB) bedienen.
Zwischen 4. April und 26. Oktober verkehrt täglich der „Rad Express Donau“, ein Zug mit offenen Abteilen und Waggons für die Räder. Abfahrt in Wien Süd ist um 7.46 Uhr, Zusteigemöglichkeiten gibt es in St. Pölten, Melk (am Donauradweg), Amstetten, Linz und Schärding (am Inn), Ankunft in Passau ist um 12.20 Uhr.
Die einfache Strecke kostet (mit Fahrrad) 28 Euro für Erwachsene und 56 Euro für Familien. Für kleine Gruppen bietet sich das Einfach-Raus-Ticket an: 35 Euro für bis zu fünf Personen, Fahrräder inklusive. Eine Buchung ein paar Tage vorher empfiehlt sich.
Kontakt:
ÖBB Erlebnis Bahn,
Telefon: 0043-664 6178036,
Internet:
www.erlebnisbahn.oebb.at.

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