Das Outfit sagt alles. Rennradfahrer im dynamischen Funktionsdress sieht man hier nur selten. Auf dem Weserradweg überwiegen die Genussradler in unspektakulärer Kleidung, die ohne Hektik den Windungen des Flusses folgen und sich viel Zeit lassen, um zwischendurch in romantischen Städtchen zu pausieren und in den vielen Biergärten am Ufer ihren Durst zu löschen.
Dass es unterwegs viel zu besichtigen gibt, hat Rita Jitschin, Mitarbeiterin des Radreiseveran stalters Rückenwind, schon zu Beginn der Tour beim Informationsgespräch in Hannoversch-Münden erklärt: ,,Unbedingt sollten Sie einen Abstecher zum Schloss Fürstenberg machen und sich das Porzellanmuseum anschauen. Und wenn Sie sich für Märchen interessieren, können Sie einen kleinen Umweg zur Sababurg, dem Dornröschenschloss, machen. Und natürlich sind da all die wunderschönen Klöster: Bursfelde, Fischbeck und natürlich Corvey."Das klingt nach viel Kultur, für manchen vielleicht sogar etwas zu viel des Guten. Aber Rita Jitschin hat auch Tipps für die profanen Seiten des Lebens: ,,Wenn Sie in Hameln ankommen, sollten Sie abends auf jeden Fall den Biergarten auf der Weserinsel besuchen. Da sitzt man fantastisch. Und in Niendorf müssen Sie natürlich den Spargel probieren. "Dermaßen positiv eingestimmt, steht am nächsten Morgen zunächst einmal die Erkundung von Hannoversch-Münden auf dem Programm. Die Drei-Flüsse-Stadt prunkt mit vielen Fachwerkbauten und einem reich verzierten Rathaus im Stil der Weserrenaissance. Und natürlich legt man eine kurze Rast auf der Insel Tanzwerder ein, wo auf dem Weserstein in markigen Versen der Zusammenfluss gefeiert wird: ,,Wo Werra sich und Fulda küssen / sie ihren Namen büßen müssen / und hier entsteht durch diesen Kuß / deutsch bis zum Meer der Weserfluß."Bis zum Meer führt auch der Weserradweg. Sieben Tagesetappen bis Bremen sind vorgesehen, von dort sind es noch 85 Kilometer bis zur Nordsee bei Bremerhaven. Die ersten Etappen haben die Veranstalter aber so geplant, dass man sie selbst bei gemütlichster Fahrweise locker an einem halben Tag schaffen kann. Von Hannoversch-Münden nach Bad Karlshafen sind es nur 46 Kilometer, die überwiegend auf einem asphaltierten Radweg am rechten Weserufer zurückgelegt werden. Steigungen gibt es so gut wie keine, zudem weht - passend zum Namen des Veranstalters - ein leichter Rückenwind.So trifft man denn schon gegen Mittag in Bad Karlshafen ein und hat genügend Zeit, um Hessens nördlichste Stadt zu besichtigen, die 1699 auf Anweisung des Landgrafen Carl von Hessen an der Mündung der Diemel in die Weser errichtet wurde. Anlass dazu war ein ehrgeiziges Bauprojekt: Der Landgraf wollte einen alternativen Wasserweg zwischen seiner Hauptstadt Kassel und dem nördlichsten Zipfel seines Landes schaffen, um eine direkte Verbindung zur Nordsee zu haben und die im niedersächsischen Hannoversch-Münden anfallenden Zollgebühren zu sparen. Der Kanalbau über die Diemel kam aber nur 17 Kilometer voran und wurde dann eingestellt.Radreise-Tipp: Auf dem Weserradweg von Hannoversch-Münden nach Bremen
Weserradweg: In sieben Tagen von Hannoversch-Münden nach Bremen - Unterwegs ist viel Zeit für Besuche in Klöstern und Schlössern und längere Pausen an Badeseen und in Biergärten
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Dank der hugenottischen Siedler, die der Landgraf angeworben hatte, entwickelte sich das planmäßig im barocken Stil errichtete Gemeinwesen dennoch zu einer erfolgreichen Handelsstadt. Noch heute bildet das Anfang des 17. Jahrhundert errichtete, aber kaum genutzte Hafenbecken zwischen Weser und Diemel das Zentrum. Die Geschichte der Stadt, die maßgeblich von den Glaubensflüchtlingen aus Frankreich geprägt wurde, wird auf anschauliche Weise im Deutschen Hugenottenmuseum geschildert. Nach so viel Kultur ist dann am späten Nachmittag die Zeit gekommen, um sich in der Weser-Therme im salzhaltigen Wasser zu erquicken. Eine Besonderheit bietet die angeschlossene Saunalandschaft: Hier kann man sich in der Bootssauna bei leichtem Wellengang auf der Weser entspannen.Ausgeruht geht es am nächsten Tag über Beverungen nach Holzminden. Auch diese Etappe ist mit etwa 36 Kilometern sehr kurz. An Sommertagen lohnt ein Besuch des großzügig angelegten Strandbads an der Godelheimer Seenplatte kurz vor Höxter. Danach steht eine Besichtigung des ehemaligen Klosters Corvey auf dem Programm. Holzminden, wo die nächste Hotelübernachtung gebucht ist, präsentiert sich den Besuchern als ,,Stadt der Düfte". Der Chemiker Wilhelm Haarmann, dem die synthetische Herstellung von Vanillearoma aus dem Saft von Nadelhölzern gelungen war, gründete 1875 in Holzminden eine Vanillinfabrik. Sie war die Grundlage einer erfolgreichen Aromaindustrie, die heute von dem große Teil der Vorstadt beherrschenden Symrise-Konzern fortgesetzt wird. Hier werden zahlreiche Duft- und Geschmacksstoffe für Lebensmittel, Waschmittel und Zahnpasta produziert, was dazu führt, dass Teile der Stadt manchmal unter einer Dunstglocke liegen. ,,Es gibt Tage, da riecht es hier so, als würden in allen Küchen der Stadt Zwiebeln angeröstet", erzählt ein Einheimischer. Die örtlichen Tourismusstrategen wissen das Duftpotential aber auch positiv zu nutzen. Ein im Pflaster markierter Duftrundgang führt zu 15 Aroma-Stationen, an denen man bestimmte Düfte erschnuppern kann und Informationen über die Bauwerke der Umgebung bekommt.Die nächste Tagestour (54 Kilometer) führt nach Hameln mit längerem Zwischenstopp in der Münchhausenstadt Bodenwerder, wo man in einem kleinen Museum auf den Spuren des Lügenbarons wandeln kann. Auch in Hameln gibt es einen im Pflaster markierten Rundweg - hier sind es kleine Nagerzeichen, die an die Geschichte vom Rattenfänger erinnern.Auf der Fahrt von Hameln nach Minden fällt der allmähliche Wandel des Baustils auf. Der für Norddeutschland typische rote Backstein taucht jetzt immer häufiger auf. Aber auch bei der Bestellung im Biergarten vollzieht sich ein Wandel. Aus dem ,,Radler" wird nun ein ,,Alsterwasser" - das fast unverzichtbare Getränk für eine solche Tour. Ein schöner Ort, um sich daran zu erfreuen, ist der Biergarten an der Schiffsmühle am Ortseingang von Minden. Zuvor ist man an der Porta Westfalica vorbeigekommen und hat das Kaiser-Wilhelm-Denkmal auf der Bergkuppe bewundert. Allerdings nur aus der Froschperspektive - angesichts der an diesem Tag zu absolvierenden 71 Kilometer wäre der zusätzliche Aufstieg zu mühsam. Weit weniger bekannt als Corvey, aber religionsgeschichtlich ebenso reizvoll ist das zwischen Hameln und Hessisch Oldendorf gelegene Stift Fischbeck, das im Jahre 955 gegründet wurde und heute von evangelischen Stiftsdamen bewohnt wird. Diese führen die Besucher gerne durch die Anlage und erzählen Episoden aus der Geschichte. Bei einem Stift handelt es sich um einen Ort gemeinsamen Lebens für unverheiratete Töchter des Landadels, die sich - wie es in der Infobroschüre heißt - ,,ohne feierliches Gelübde der geistlichen Bildung und karitativer Tätigkeit widmeten".
Das eigenständige Wirken der Frauen war vielen Kirchenfürsten suspekt. Immer wieder geriet Fischbeck in Gefahr, vom mächtigen Benediktinerkloster Corvey vereinnahmt zu werden. Aber es gelang den Stiftsdamen dennoch, über die Jahrhunderte hinweg, ihre Freiheit zu bewahren. Im Dreißigjährigen Krieg wurde aber auch das Stift von Tillyschen Truppen geplündert. Die Äbtissin Agnese von Mandelsloh, die sich den Söldnern entgegenstellte, wurde dabei tödlich verletzt. Heute strahlt die Anlage mit der aus dem 13. Jahrhundert stammenden Kirche und den Wohn- und Arbeitsstätten der Stiftsdamen eine meditative Ruhe aus, die auch viele Pilger anlockt.Nach einer Übernachtung in Minden führt die Fahrt am nächsten Morgen zunächst zum Wasserstraßenkreuz von Weser und Mittellandkanal. Wer auf der Brücke ein Stück direkt neben dem Kanal entlangradelt und hinunter auf die Weser blickt, genießt ein eigentümliches Hochgefühl. Auch die Schachtschleuse, mit der Schiffe vom Kanalniveau in die 13 Meter tiefer gelegene Weser abgesenkt werden, ist einen Besuch wert. In Fahrgastschiffen kann man das Schleusengefühl hautnah erleben.Durch die nun immer offener und flacher werdende Landschaft geht es im Laufe des Tages nach Nienburg. Auf der Fahrt passiert man viele idyllische Dörfer mit Backsteingehöften. Oftmals verweisen Schilder auf Übernachtungsmöglichkeiten und Einkehrstätten, zum Beispiel die ,,Radler-Scheune" im restaurierten Scheunenviertel von Estorf.Am Abend ist Niendorf erreicht, wo man direkt am Weserufer übernachtet. Am nächsten Tag gerät der Fluss aber meistens aus dem Blickfeld. Der Radweg macht nicht jede Weserschleife mit und führt auf Landwirtschaftswegen und Nebenstraßen weiter nach Verden an der Aller. Faszinierend sind hier besonders die Kirchen. Ungewöhnlich ist das dem Jüngsten Gericht nachempfundene Stuckrelief in St. Johannis, das Ende des 16. Jahrhunderts entstand. Der Verdener Dom wirkt für die Stadt seltsam überdimensioniert - ein mächtiger Repräsentationsbau für Bischof und Bistum. Ehrenamtliche Führer erläutern den Besuchern die Baugeschichte und erzählen ihnen auch die Legende vom frevelhaften Domküster, der Kirchengelder veruntreut und verprasst hatte und vom Teufel durch das Dach geschleppt wurde, wo er stecken blieb. Der aus dem Mauerwerk ragende ,,Steinerne Mann" ist noch heute eine Besucherattraktion.Die letzte Etappe der Radtour ist nicht sonderlich spektakulär. Erst wenn die Vororte von Bremen erreicht sind, kommt man wieder an den Fluss. Schön ist die lange Fahrt auf dem Deich mit Blick auf die Flussinsel Stadtwerder. Noch eine Brücke, dann ist die Innenstadt erreicht. Viele Straßenrestaurants laden zur Schlussrast ein. Unverzichtbar ist dann noch ein Abschlussfoto - entweder vor dem Roland, dem Bremer Freiheitssymbol, oder vor der Plastik der Bremer Stadtmusikanten vor dem Rathaus, die ebenso für Freiheit und Lebenslust stehen.
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