22. August 2008 | Norbert Bartnik
Nach dem Pass kommt der Genuss
Die Fahrt auf dem neu angelegten Etschtal-Radweg entschädigt für die vorherigen Strapazen

|
|
Genießerroute: Die Fahrt auf dem neu angelegten Etschtal-Radweg entschädigt für die vorherigen Strapazen. Fotos: Norbert Bartnik
Die letzten zwei Kilometer sind eine Tortur. Zwischen dem Dörfchen Grieß und dem Brennerpass ist eine zehnprozentige Steigung zu überwinden - und das zu einem Zeitpunkt, an dem Knochen nach den vorangegangenen Strapazen ohnehin schon müde sind.
Im ersten Gang geht es am Rande der alten Brennerstraße mühsam bergauf. Es ist auch nicht gerade motivierend, wenn einem ein überholender Cabriobesitzer ein halb mitleidiges, halb ermunterndes „Nicht so schlapp, Mann, jetzt noch mal ordentlich Gas geben!“ zuruft.
Noch deprimierender ist, wenn dann noch eine Gruppe von Rennradfahrern scheinbar mühelos vorbeizieht. Eigentlich könnte man auch absteigen und die letzten Meter einfach schieben – wahrscheinlich wäre man dann sogar schneller. Aber das wäre das Eingeständnis einer Niederlage.
Schon kommt die Grenzstation ins Blickfeld, die Steigung wird moderater. Und dann ist es endlich geschafft: Erst das „Brenner“-Ortsschild, dann ein Terrassencafé, in dem die Ankunft in Italien mit einem Espresso gefeiert. Was aber noch schöner ist: Von nun an geht es fast nur noch bergab.
Und damit beginnt der Genießerteil der Tour, die abgesehen von dem beschwerlichen Teilstück zwischen Innsbruck und Brennerpass die einfachste Möglichkeit bietet, mit dem Rad das Gebirge zu überqueren.
Alpentouren liegen im Trend: Von der Extremvariante über Saumpfade und Schotterpisten bis zur eher gemütlichen Fahrt auf asphaltierten Radwegen und Nebenstraßen gibt es zahlreiche Möglichkeiten, um mit dem Fahrrad von Deutschland über die Schweiz oder Österreich nach Italien zu gelangen.
|
|
EINER DER SCHÖNSTEN PLÄTZE ITALIENS: Trento verlockt zu einer längeren Rast. (Fotos: Norbert Bartnik)
Die harmloseste Strecke – so etwas wie eine Einsteigertour – beginnt am Starnberger See südlich von München und führt über den 1374 Meter hohen Brennerpass bis zum Gardasee. 450 Kilometer sind dabei zu bewältigen, was sich gut in fünf bis sieben Tagesetappen schaffen lässt, je nachdem wie viel Zeit man sich für Besichtigungen und Ruhepausen lässt. Das Reizvolle dabei: Überwiegend führt die Route am Wasser entlang – mal an ruhigen Seen, mal an rauschenden Flüssen vorbei.
Das erste Gewässer bietet so viele Verlockungen, dass es schwerfällt, sofort kräftig in die Pedale zu treten. Wer die Tour in Starnberg beginnt und am Ostufer des Sees Richtung Süden fährt, stößt immer wieder auf einladende Biergärten am Ufer und kleine Badestellen, die zu einem Zwischenstopp verleiten.
Kühles Bier unter Kastanienbäumen, klares, angenehm warmes Seewasser, freundliche Menschen – hier könnte man länger bleiben. Aber der Wille, das hohe Ziel zu erreichen, ist dann doch stärker. Und so verlässt man dann in Amerland das Seeufer und müht sich die ersten Höhenzüge durch die Waldlandschaft hinauf nach Wolfratshausen, wo der Isar-Radweg erreicht wird, auf dem es nun – ohne nennenswerte Steigungen – weiter nach Süden geht.
Abendliches Ziel ist Bad Tölz, das zahlreiche Herbergen und Gaststätten bietet. Wer noch acht Kilometer sieben Kilometer weiterfährt, findet in Arzbach einen idyllisch in einem Seitental gelegenen Campingplatz, auf dem man mit einem kleinen Zelt meist auch ohne Voranmeldung noch einen Platz findet.
Die zweite Tagesetappe (im Tourenbuch wird sie als „mittelschwer“ bezeichnet) führt mit mäßigen Steigungen von 650 bis auf knapp 1000 Meter hinauf. Zunächst geht es an der Isar entlang zum Sylvensteinstausee. Der Radweg von Bayern nach Tirol, dem die bildungsbeflissenen Planer den Namen „Via Bavarica Tyrolensis“ gegeben haben, führt in einem sieben Kilometer langen Umweg um den See herum.
Wer den Autoverkehr in Kauf nimmt, bleibt die nächsten vier Kilometer auf der Hauptstraße, nach Passieren der Landesgrenze gibt es wieder einen separaten Radweg. Eine erste Herausforderung stellt die zehnprozentige Steigung zwischen Achenwald und Achenkirch dar.
|
|
In fünf Tagesetappen ist die Radtour vom Starnberger See zum Gardasee gut zu schaffen.
Einen Kilometer lang geht es auf einem Forstweg steil bergauf – was sich wesentlich leichter bewältigen lässt, wenn man das Rad schiebt, als sich in den unteren Gängen schwindelig zu strampeln. Der lang gestreckte Achensee ist zum Baden zwar meist zu kühl, am Ufer finden sich jedoch viele gemütliche Einkehrstätten.
Kurz hinter Maurach ist der mit 970 Metern vorerst höchste Punkt der Strecke erreicht. Dann geht es allerdings – wahlweise auf der Bundesstraße oder auf einem Kiesweg – rapide hinunter ins Inntal.
Übernachtungsmöglichkeiten gibt es zwischen Jenbach, Schwaz und Hall genügend, auch einige Campingplätze, von denen der in Hall am schönsten ist, vor allem weil man sich hier nach der anstrengenden Tour im angrenzenden Freibad erquicken kann.
Die „Königsetappe“ dieser Tour beginnt am nächsten Morgen mit einem entspannten Bummel durch Innsbruck, danach wird es hart. Die Steigung am Stadtrand auf dem Weg zum Schloss Ambras hat es in sich, auch der weitere Verlauf der Nebenstraße über Aldrans, Lans und Patsch fordert vollen Muskeleinsatz.
Im Tourenbuch wird diskret auf die Möglichkeit verwiesen, für die Fahrt zum Brenner die stündlich verkehrenden Regionalzüge als „Aufstiegshilfe“ zu benutzen. Aber wäre diese Variante nicht ein wenig dürftig und kleinmütig? Könnte man dann noch guten Gewissens von sich behaupten, man habe die Alpen mit dem Fahrrad bezwungen?
Also weist man defätistische Anwandlungen entschlossen von sich, kämpft sich schweißgebadet die Anhöhen hinauf und belohnt sich unterwegs mit einem Bauernbrot mit Bergkäse und einem kühlen Stiegl-Pils. Bis Matrei geht es dann mal bergauf, mal bergab, bis dann der finale Anstieg zum Brenner folgt.
„Südtirol ist nicht Italien“ steht auf einem offiziell geduldeten Schild am Ortseingang von Brenner bzw. Brennero. Sehr anheimelnd ist der Ort nicht. Er besteht aus zahlreichen Gasthöfen und einem riesigen Outlet-Shoppingcenter, das für Radfahrer mangels Stauraum keinen Besuch lohnt.
|
|
RADFAHRERTUNNEL auf dem Weg nach Bozen. (Foto: Norbert Bartnik)
Die Weiterfahrt erfolgt zunächst auf der Staatsstraße, auf der viele Autofahrer unterwegs sind, die sich die Autobahngebühren sparen wollen. Zum Glück gibt es hier meist Seitenstreifen, die die Radler nutzen können.
Das Schöne an dieser Strecke ist vor allem, dass man kaum noch in die Pedale treten muss. Eher ist jetzt schon einmal – insbesondere beim zwölfprozentigen Gefälle hinunter nach Gossensass – die Betätigung der Bremsen nötig.
Ende dieser Etappe ist in dem malerischen Städtchen Sterzing, das mehrere Hotels und Pensionen bietet. Wer lieber zelten möchte, findet Campingplätze im Ortsteil Gasteig oder – 28 Kilometer weiter südlich – am kleinen Vahrner See.
Wer Südtirol bisher nur bei der Fahrt nach Süden von der Autobahn aus gesehen hat, bekommt bei der Radtour ganz andere Einblicke, wie sich auf der vierten Etappe zeigt. Hinter Franzensfeste fährt man auf seperaten Radwegen abseits der Hauptstraßen durch eine romantische Berglandschaft, an deren Flanken Burgen und Klöster thronen.
Ein längerer Aufenthalt lohnt sich vor allem in der Stadt Brixen mit ihren mittelalterlichen Laubengängen und dem mit gotischen Fresken ausgestatteten Kreuzgang neben dem Dom. In den kleineren Orten am Wegesrand sieht man aber auch so manchen verfallenen Gasthof und einige marode Villen, die einen gespenstischen Eindruck machen.
Der Radweg Richtung Bozen wurde erst in jüngster Zeit geschaffen worden und ist inzwischen mit Ausnahme weniger Teilstücke, an denen man auf die Straße ausweichen muss, durchgängig befahrbar. Meist führt er direkt am rauschenden Eisack entlang, zum Teil auch auf einer ehemaligen Bahntrasse durch kurze Tunnel.
Vorbildlich sind die neuen Radler-Rastplätze mit Bänken, Infostationen und Trinkwasserbrunnen. Nach einem Bummel durch Bozen geht es auf dem Etschtalradweg weiter. Apfelplantagen, Weinberge und steile Felswände bilden nun die Kulisse, deren romantischer Reiz nur durch die Autobahntrasse etwas gestört wird.
In Auer bietet sich ein Abzweig zum Kalterer See an, der zu einem Bad einlädt. Für die Übernachtung gibt es direkt am See mehrere Hotels und zwei Campingplätze. In den Seerestaurants kann man nicht nur gut speisen, sondern sich auch davon überzeugen, dass das Weinanbaugebiet Kalterer See, das einst durch den in Zweiliterflaschen abgefüllten Billigtrunk einen zweifelhaften Ruf hatte, inzwischen auf Qualität setzt.
Am nächsten Tag geht es auf dem Etschtalradweg weiter nach Trento, das gegen Mittag erreicht wird. Der Domplatz mit dem Neptunbrunnen und dem Stadtturm versetzt Kunstfreunde in schwärmerische Stimmung. Wieder einmal fällt es schwer, den Sessel im Straßencafé mit dem Fahrradsattel zu tauschen. Aber wer am Abend noch den Gardasee erreichen will, hat noch einige Kilometer vor sich.
|
|
Am Ziel: Am Gardasee bei Torbole ist die Radtour zu Ende, jetzt stehen Entspannung und Windsurfen auf dem Programm.
Der weitere Verlauf des Etschtalweges nach Rovereto – immer auf dem Damm an der Etsch entlang – ist etwas eintönig. Nach dem Abzweig von Mori Richtung Gardasee wird die Landschaft aber wieder abwechslungsreicher. Besonders das Naturschutzgebiet des verlandeten Lago di Loppio bietet einen faszinierenden Anblick.
Noch einmal muss man dann letzte Kräfte mobilisieren. Es geht hinauf auf den Paso di Giovanni, einen Pass, der durch eine historische Kuriosität berühmt wurde. Die Venezianer transportierten im Jahre 1439 acht Galeeren und Galeonen mit Ochsenkarren über die Anhöhe, um das von den Mailändern okkupierte Riva zu erobern und damit die Kontrolle über den Gardasee zu erhalten.
Dem Alpenradler genügt es, nach Überwindung des Passes in einer langen Abfahrt von Nago hinunter nach Torbole zu rasen – der finale Rausch am Ende der Tour. Wenn man dann am Abend noch auf den See hinausschwimmt, während in der Bucht gegenüber die Lichter von Riva leuchten, stellt sich unweigerlich so etwas wie ein Glücksgefühl ein, absurd und kindisch vielleicht, aber eben doch redlich verdient. Praktische Tipps
Für die beschriebene Route benötigt man ein gutes Tourenrad, Ersatzschläuche und Eratzbremsbeläge gehören unbedingt ins Gepäck.
Wer diese leichteste aller Alpenüberquerungen schaffen will, muss man kein exzessiver Radsportler sein, aber eine gute Kondition ist unerlässlich.
Die Rückreise vom Gardasee erfolgt mit der Bahn. Von Mori Stazione und Rovereto aus verkehren stündlich Regionalzüge mit Fahrradabteil zum Brenner. Dort steigt man in einen österreichischen Zug um und fährt weiter Richtung Innsbruck und München.
Grundlage der beschriebenen Reise war die in dem „Radreiseführer München-Verona“ (Galli Verlag, Hohenwart, 126 Seiten, 11,90 Euro) beschriebene Route. Da es keine durchgehende Beschilderung gibt, ist ein Blick auf die in dem Buch enthaltenen Karten oft unerlässlich.
Außerdem gibt es dort Tipps für Übernachtungen, Hinweise zu Kulturstätten und Angaben zu den auf den jeweiligen Tagesetappen zu erwartenden Höhenmetern.
Da der Eisackradweg erst in jüngster Zeit ausgebaut wurde, ist das 2005 erschienenen Buch in dieser Hinsicht nicht mehr auf dem neuesten Stand. Der beschwerliche Umweg über den Ritten ist nicht mehr nötig, da der Radweg bis Bozen inzwischen fast fertiggestellt wurde.
Bitte melden Sie sich an, um den Artikel zu bewerten. |
Anmelden |
KOMMENTARE
zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden