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13. August 2011  | Von Norbert Bartnik

Bodensee-Radtour: Rundfahrt für Bummler

Bei Tagesetappen von maximal 45 Kilometern hat man viel Zeit für die kulturellen und kulinarischen Attraktionen

 
| Vergrößern | Mit Seeblick: Nur selten – wie hier in Romanshorn – kann man bei der Bodenseeumrundung direkt am Wasser entlangfahren. Foto: Norbert Bartnik


Beim Bodensee-Radmarathon (in diesem Jahr am 10. September) umrunden die Teilnehmer das Gewässer in weniger als zehn Stunden. Ob sie dabei einen Blick für die Schönheiten der Landschaft haben, ist zu bezweifeln. Bei derlei Veranstaltungen geht es vor allem darum, sich sportlich zu fordern und die 220 Kilometer lange Strecke möglichst zügig zurückzulegen.
Das genaue Gegenteil davon ist die „Bodensee-Bummlertour“, bei der man fünf Tage lang in aller Ruhe von Ort zu Ort radelt und bei Tagesetappen von 30 bis maximal 45 Kilometern genügend Zeit für kulturelle und kulinarische Erkundungen hat.

Bodensee-Touren: Gemütlich oder Rasant

Im Dertour-Katalog „Radreisen und Aktivurlaub“ werden verschiedene Radtouren rund um den Bodensee angeboten, neben der beschriebenen „Bummlertour“ auch eine sportliche Variante und eine Feinschmeckertour. Die Gesamtlänge der „Bummlertour“ beträgt, je nachdem welche Ausflüge unternommen werden, zwischen 181 und 212 Kilometern. Die Tour ist in diesem Jahr bis 16. Oktober und im kommenden Jahr ab Mitte April buchbar.
Übernachtet wird in Drei- und Vier-Sterne-Hotels in Friedrichshafen, Bregenz, Arbon, Konstanz (zwei Nächte) und erneut in Friedrichshafen. Preis im Doppelzimmer mit Frühstück pro Person ab 499 Euro (inklusive Gepäcktransfer, Karten, Fähre Wallhausen-Überlingen und Besuch des Zeppelinmuseums). Für ein Leihrad fallen zusätzlich 52 Euro an. Örtlicher Veranstalter ist die österreichische Radreisefirma Donautouristik. Informationen und Buchungen in Reisebüros, unter www.dertour.de und über Telefon 0180 5337666 (0,14 Euro aus dem Festnetz).
Eine amüsante Schilderung einer Radtour rund um den Bodensee, die er mit seinem zwölfjährigen Sohn unternommen hat, findet sich in Franz Lerchenmüllers Buch „Alpenblick & Schwabenmeer – Erlebnistouren zwischen Allgäu und Bodensee“, Schöning Verlag, Lübeck, 144 Seiten, 5,95 Euro.


„Der Himmel glänzt vor Gunst. Die Luft ist süß von Geschichte, von Durchdachtheit klar. Der Föhn malt auf Goldgrund die Nähe zur Unendlichkeit“, heißt es poetisch in einem Text von Martin Walser, der in der Broschüre zur Radtour zitiert wird. Das mag sich dem Hobbyradler, der in diesem trostlosen deutschen Sommer die erste Etappe von Friedrichshafen nach Bregenz bei Nieselregen beginnt, zunächst nicht ganz erschließen. Aber im Laufe der Tour zeigt sich dann doch hin und wieder die Sonne und straft alle Internet-Wetterdienste Lügen, die in ihren Onlineberichten durchweg mit dunkelgrauen Schauer-Symbolen aufwarten.
Bei der „Bummlertour“ gibt es ohnehin keinen Stress. Man kann die Strecken wahlweise am Vormittag oder am Nachmittag zurücklegen – oder auch gar nicht. Ersatzweise ist immer eine Schiffsfahrt bis zur nächsten Station möglich.
Trübes Wetter liefert eine zusätzliche Motivation, um eines der Museen zu besuchen, mit denen die Bodenseeregion reichlich gesegnet ist. In Friedrichshafen natürlich das Zeppelin-Museum, in dem über die große Zeit der Luftschifffahrt berichtet wird. Großformatige Fotos und zahlreiche Relikte – vom Antriebsmotor über die Pilotenmütze bis zum Tafelgeschirr – sorgen für nostalgische Gefühle. Und so mancher Besucher bucht nach dem Museumsbesuch gleich einen Rundflug mit dem neuen Zeppelin NT.
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Seebühne: Auch tagsüber können Bregenz-Besucher die spektakuläre Installation bewundern, auf der sich abends die Akteure der Operninszenierung „André Chénier“ tummeln. Foto: Norbert Bartnik
Die Radfahrer müssen am Boden bleiben und gelangen auf ruhigen Wegen abseits des Straßenverkehrs zunächst nach Lindau und dann nach Bregenz. Die Stadt steht derzeit ganz im Zeichen der Festspiele auf der Seebühne. Wie so oft in Bregenz wird auch bei der aktuellen Inszenierung von Umberto Giordanos Oper „André Chénier“ die Leistung von Sängern und Orchester durch das spektakuläre Bühnenbild und die zahlreichen Effekte etwas in den Hintergrund gedrängt. Die Atmosphäre allein ist einen Besuch wert. Und hier hat das schlechte Wetter etwas Gutes: Weil manche Frühbucher befürchtet hatten, während des Musikspektakels im Regen zu sitzen, konnte man ohne Probleme zurückgegebene Karten für eine Vorstellung ergattern und das tragische Schicksal des von der Revolution enttäuschten Dichters erleben, der ebenso wie viele andere Protagonisten schon mal aus dem bunten Schaumstoffdekor in den See stürzt.
Die zweite Etappe der Radtour führt in eine grüne Idylle. Zwischen Bregenz und Rorschach fährt man über die verschiedenen Arme des Rheindeltas, an dichten Schilfwiesen vorbei und schließlich auf verschlungenen, aber gut markierten Wegen wieder zum Seeufer. Einige Kilometer geht es nun neben der Landstraße entlang, bis man bei Arbon, der nächsten Übernachtungsstation, wieder auf einen separaten Radweg am See stößt.
Da die Seegrundstücke meist in Privatbesitz sind, kann man zwar nur selten direkt am Wasser entlangfahren, aber dazwischen gibt es immer wieder öffentliche Bäder und hübsche Biergärten – zum Beispiel das Gasthaus „Zum Schiff“ in Altnau, wo man direkt am See auf Bänken sitzt und das Appenzeller „Vollmondbier“ genießt, das der Meister angeblich immer nur an magischen Vollmondnächten braut.
Die Magie wirkt Wunder und sorgt dafür, dass man die restlichen zehn Kilometer bis Konstanz locker herunterradelt. Und als wenn die Lockerheit noch nicht genügen würde, haben die Planer der „Bummlertour“ in Konstanz einen kompletten Ruhetag vorgesehen. Die Altstadt, die von Kriegszerstörungen verschont blieb, bietet mit ihren prächtigen Kirchen und reich verzierten Patrizierhäusern viel Raum zum Flanieren und Schauen. Viele originellen Boutiquen laden zum Einkaufsbummel ein, der abends mit einer Einkehr in einem der Freiluftlokale am Hafen abgerundet wird. Aber natürlich kann man den Tag auch zu einem Radausflug nutzen: Eine der landschaftlich schönsten Routen führt am Schweizer Ufer des Untersees über Gottlieben und Ermatingen nach Stein am Rhein. Zurück nach Konstanz geht es mit einem der regelmäßig verkehrenden Fahrgastschiffe.
Nach der zweiten Nacht in Konstanz führt die Fahrt am Rande der hügeligen Halbinsel Bodman nach Wallhausen, wobei – erstmals und letztmals auf der Tour – ein paar leichtere Anstiege zu bewältigen sind. Der als Überlinger See bezeichnete Arm des „Schwäbischen Meeres“ wird allerdings nicht komplett umrundet, sondern bei Wallhausen mit dem Schiff gekreuzt. Zuvor hat man Gelegenheit zu einem Besuch der Blumeninsel Mainau. Die Busladungen von Ausflüglern, die man am Eingangstor sieht, wirken aber eher abschreckend.
Im weiteren Verlauf der Route reiht sich eine Touristenattraktion an die nächste, entsprechend voll ist es auch auf dem Radweg. Da aber fast alle sehr gemütlich fahren – hektisch strampelnde Rennradler sind hier die Ausnahme –, kommt man gut und sicher über die Runden. Da ist zunächst Überlingen mit vielen mittelalterlichen Prachtbauten, dann folgt das Pfahlbauten-Museum von Unteruhldingen, wo die Besucher auf Stegen durch ein nachgebautes steinzeitliches Dorf laufen können, bis schließlich Meersburg erreicht ist. Die gesellschaftliche Hierarchie des Mittelalters wird hier auch durch die Baustruktur symbolisiert. In der Oberstadt dominieren die prunkvollen Bauten der beiden Schlösser und des Priesterseminars, in der Unterstadt lebten die Fischer und Handwerker. Die Meersburger Seepromenade ist wohl der umtriebigste Ort am gesamten Bodensee. Natürlich steht in allen Restaurants die lokale Fischspezialität auf den Speisekarten: Bodenseefelchen gibt es gedünstet, gebraten, gegrillt oder geräuchert, dazu passen Weißburgunder oder Müller-Thurgau aus der Bodenseeregion.
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Romantische Perspektive: Von Stein am Rhein geht es mit dem Schiff zurück nach Konstanz. Foto: Norbert Bartnik
Von Meersburg über Hagnau nach Immenstaad bleibt der Radweg noch in der Nähe des Sees. Die letzten fünf Kilometer bis Friedrichshafen, die in der Begleitbroschüre als „mäßig schön“ umschrieben werden, verlaufen direkt neben der Bundesstraße, auf der sich fast den gesamten Sommer über die Autokolonnen entlangquälen.
Wer dem Abgasmief entfliehen will, steigt in Immenstaad wieder aufs Schiff um und genießt zum Abschluss der Reise noch einmal das abendliche Panorama: Auf der einen Seite die Silhouette der Burgen und Kirchen mit den Weinbergen darüber, auf der anderen der dunkelblau schimmernde See mit den Segelbooten, die jetzt gemächlich in die Jachthäfen zurückkehren.

 
 
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