Nach Süden gleitet der Blick über flaches Land zum Atlantik, im Norden aber erhebt sich eine Felsflanke direkt hinter dem Farmhotel Drangshlid. Dort liegt die vulkanische Bedrohung unter dem Eis. Der Gast kann sie nicht sehen, doch Jon Gudmundsson weiß um die besondere Lage seines Hofs mit Hausvulkan: mittendrin und doch geschützt. Der Gastwirt schenkt noch zwei Bier aus und wendet sich dann dem Computerbildschirm hinter dem Tresen zu.
„Die Erde atmet“, sagt der bedächtige Mann von 60 Jahren in seinem etwas eingerosteten Schul-Deutsch. „Im Herbst, wenn viel Eis geschmolzen ist, bewegt sie sich häufiger.“ Gudmundsson klickt täglich im Internet die Seite an, auf der die isländischen Erdbeben verzeichnet sind. Punkte auf der Karte markieren ein tiefes Rumoren, das der Mensch gemeinhin nicht spürt. Knallrote Signale zeigen Beben in zehn bis 20 Kilometern Tiefe. „Das bedeutet: Die Lava ist auf dem Weg nach oben“, sagt Gudmundsson. So sah es damals auf dem Bildschirm aus, im April 2010, als der Gletscher-Vulkan Eyjafjallajökull nach 186 Jahren Schlaf erwachte: jener unaussprechliche Feuerberg, dessen Ausbruch unterm Eis über Wochen eine enorme Rauchfahne Richtung Europa schickte, den Flugverkehr in weiten Teilen des Kontinents zum Erliegen brachte.
In einem Blog hatte zuvor ein Geologe gewarnt: „Morgen passiert etwas!“ Die akute Warnung kam dann per SMS. Auf Island sorgte die Magma im Eis für Überflutungen. Gudmundssons Farmhotel liegt zwar unterhalb des Vulkans, aber geschützt von der Bergkette. So beherbergte er im Frühsommer 2010 seine Nachbarn statt Touristen. Sein Hof wurde zur Notunterkunft in der Gefahrenzone, das Geschäft aber war verdorben. „Dabei hatten wir die ganze Zeit Elektrizität, Telefon und Internet.“ Doch die Reisenden waren verschreckt. Die Isländer hingegen, deren Insel auf der Bruchkante zwischen Eurasien und Amerika liegt, packte die Schaulust: Massenhaft kamen sie am Wochenende. „Eigentlich ist es gefährlich, wie viel Interesse wir für Vulkane haben“, sagt Gudmudsson und seufzt: „Es kann ja auch eine schöne Sache sein, aber ich hätte schon gerne mal fünf Jahre Ruhe.“
Danach sieht es nicht aus. Mit Eyjafjallajökull hatte kaum einer gerechnet, nun fürchten Vulkanologen, dass im Land von Feuer und Eis wieder vermehrt Lava fließt und Brocken fliegen. „Die Katla ist unruhig“, sagt unser Reiseführer Jon Bjarni Atlason, mit dem wir im Süden Islands rund um die großen Gletscher unterwegs sind. Im explosiven Berg, der unter dem Eisfeld Myrdalsjökull liegt, scheint sich etwas zusammenzubrauen. Der Sage nach versteckt sich dort eine böse Frau namens Katla, die einen Schafhirten in einem Molkefass ertränkte. Und diese Dame scheint wieder schlechte Laune zu kriegen. „Wenn es am nächsten Wochenende wäre, würde es keinen überraschen“, unkt Atlason.
Wer mit den Vulkanen lebt, der stellt sich auf sie ein. Nicht jeder schafft das so professionell und geschäftstüchtig wie Olafur Eggertsson und seine Frau Gudny Valberg. Als der Eyjafjallajökull ausbrach, heuerten sie einen Nachbarn als Filmemacher an, als sich ein Schlammfluss neben ihrem Bauernhof ergoss, war die Kamera dabei. Auch als der Tag zur Nacht wurde, es Asche schneite, der Hof mit den Tieren im Stall verlassen werden musste, wurde gedreht. Die packende Dokumentation steht nun im Mittelpunkt eines kleinen Besucherzentrums, das Valberg und Eggertsson im April 2011, am Jahrestag des Ausbruchs, dort eröffnet haben, wo früher eine Rapsölpresse stand.
Im Angesicht der Katastrophe haben die Eheleute Pioniergeist bewiesen: Ihr unter Asche apokalyptisch begrabener Hof wurde für die Medien zum beliebten Motiv, immer wieder mussten sie ihre Geschichte erzählen. Also haben sie alles, was sie zu zeigen hatten, erstaunlich professionell in ein Garagen-Museum gepackt. So macht man das Beste aus einer Katastrophe. Die Asche, die alles zu ersticken drohte, hat sich indes als Power-Dünger erwiesen, die Ernte 2011 war außerordentlich ertragreich, und das Besucherzentrum hatte in seiner ersten Sommersaison über 20 000 Gäste. Kein Wunder, dass Olafur Eggertsson gelassen ist: „Ich habe 25 Vulkanausbrüche überlebt.“ Vor Katlas nächstem großen Knall hat er keine Angst: „Beim Eyjafjallajökull wusste man nicht, wo der Vulkan zuschlagen würde, bei Katla ist es bekannt.“
Island
Gletscher und Vulkane in Island: Die vulkanische Bedrohung liegt unter dem Eis
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Es ist weniger die Lava, die Mensch und Tier bedroht, sondern vielmehr das Schmelzwasser, das im Süden der Insel zu enormen Überschwemmungen führen kann. Früher zogen die Menschen deshalb nördlich um Eyjafjallajökull und Myrdalsjökull herum. Die Reise über Schotterpisten ist auch heute, mit Geländebussen, noch immer eine zähe Tour. Auf der Ringstraße 1 geht es zwischen Gletschern und Meer hingegen flott voran.
Wir sind auf dem Weg nach Osten, wo der enorme Vatnajökull fast bis ans Meer reicht. Der größte Gletscher Europas lugt auf der Fahrt immer wieder über die Bergkappen. Am Skaftafell können auch Anfänger mit Steigeisen und Pickel einen Fuß auf das Eisfeld des Svinafellsjökull setzen. Wobei das Eis nach Vulkanausbrüchen Schwarz trägt. Frisch verweht, sieht das aus wie Mohn auf einem Germknödel. Doch nach einiger Zeit ist der Gletscher im unteren Teil dann regelrecht verschlammt. Der Schleier erwärmt sich in der Sonne, der Gletscher schmilzt stärker. Dass man auf Eis geht, hört man denn auch fast mehr, als dass man es sieht: Es rumpelt, gurgelt und knackt. Der Fuß des Gletschers ist mit einer weitverzweigten Schmelzwasserkanalisation durchzogen. Mit Führern kann man hoch hinaus wandern, ohne Guides tief stürzen.
Im Zentrum des Vatnajökull, wo das Eis über einen Kilometer dick ist, schlummert der Vulkan Grimsvötn. Im Jahr 1783 hat ein Ausbruch 20 Prozent der isländischen Bevölkerung mit Giftdämpfen dahingerafft und in ganz Europa für Missernten gesorgt. Zuletzt schickte der Berg in Mai 2011 eine Aschewolke in die Stratosphäre, wieder war der Flugbetrieb unterbrochen. Welche Zerstörungskraft der Grimsvötn entfalten kann, zeigt sich auf der Fahrt entlang der Ringstraße, wo an einem Parkplatz eine bizarre Stahlskulptur aufragt. Bei einem Ausbruch im Jahr 1996 hat das Schmelzwasser riesige Eisbrocken durchs Land geschwemmt, torkelnde Berge, die ganze Brücken wegrissen: Der zerquetschte Stahlträger ist eine eindrucksvolle Skulptur der Urgewalt. Wenn die Natur dort zuschlägt, reißt sie alles mit.
Was für den Touristen bedrohlich und lebensfeindlich wirken mag, ist für Klaus Kretzer faszinierender Alltag.
Wir sind auf dem Weg nach Osten, wo der enorme Vatnajökull fast bis ans Meer reicht. Der größte Gletscher Europas lugt auf der Fahrt immer wieder über die Bergkappen. Am Skaftafell können auch Anfänger mit Steigeisen und Pickel einen Fuß auf das Eisfeld des Svinafellsjökull setzen. Wobei das Eis nach Vulkanausbrüchen Schwarz trägt. Frisch verweht, sieht das aus wie Mohn auf einem Germknödel. Doch nach einiger Zeit ist der Gletscher im unteren Teil dann regelrecht verschlammt. Der Schleier erwärmt sich in der Sonne, der Gletscher schmilzt stärker. Dass man auf Eis geht, hört man denn auch fast mehr, als dass man es sieht: Es rumpelt, gurgelt und knackt. Der Fuß des Gletschers ist mit einer weitverzweigten Schmelzwasserkanalisation durchzogen. Mit Führern kann man hoch hinaus wandern, ohne Guides tief stürzen.
Im Zentrum des Vatnajökull, wo das Eis über einen Kilometer dick ist, schlummert der Vulkan Grimsvötn. Im Jahr 1783 hat ein Ausbruch 20 Prozent der isländischen Bevölkerung mit Giftdämpfen dahingerafft und in ganz Europa für Missernten gesorgt. Zuletzt schickte der Berg in Mai 2011 eine Aschewolke in die Stratosphäre, wieder war der Flugbetrieb unterbrochen. Welche Zerstörungskraft der Grimsvötn entfalten kann, zeigt sich auf der Fahrt entlang der Ringstraße, wo an einem Parkplatz eine bizarre Stahlskulptur aufragt. Bei einem Ausbruch im Jahr 1996 hat das Schmelzwasser riesige Eisbrocken durchs Land geschwemmt, torkelnde Berge, die ganze Brücken wegrissen: Der zerquetschte Stahlträger ist eine eindrucksvolle Skulptur der Urgewalt. Wenn die Natur dort zuschlägt, reißt sie alles mit.
Was für den Touristen bedrohlich und lebensfeindlich wirken mag, ist für Klaus Kretzer faszinierender Alltag.
Der Mann aus Mainz lebt seit 20 Jahren in Island, weit abseits größerer Orte. „Es fehlt an nichts, aber man muss die Abgeschiedenheit mögen“, sagt er. Mitte der Neunziger war er Bootsmann in der Lagune Jökulsárlón, wo der Gletscher kalbt, blaue Berge in einem See schwimmen, bis sie abgeschmolzen ins Meer fließen. Vier Amphibienfahrzeuge, einst von der US-Armee in Vietnam eingesetzt, rollen mit Touristen ins Wasser, direkt zu den Eisbergen, die sich schmelzend drehen und dann dunkelblau schimmern wie riesige WC-Steine, wo sich das Eis frisch aus dem Wasser erhoben hat.
Kretzer begeistert sich seit jeher für diesen Anblick. Mittlerweile hat er ein Fotobuch mit Eis-Impressionen aus seiner Wahlheimat herausgebracht. Die Asche, die sich bei Ausbrüchen auf das Eis legt, erscheint ihm vor allem als Marmorierung: „Es sind Botschaften aus der Vergangenheit, natürliche Muster. Auch die neuste Ascheschicht wird sich da einordnen“, erzählt der Deutsche, der neben der Fotografie auch die Schafsfleischverwurstung betreibt.
Mit derselben Gelassenheit betrachtet Kretzer die Vulkane. Als im vergangenen Mai der Grimsvötn ausbrach, hat nicht nur er sich gewünscht, dass Regen kommt und die Asche schnell wegwäscht. „Das ist ein übles Zeug, dringt durch jede Ritze, daher muss man sich gut anziehen wenn man raus gehen will. Türen und Fenster sind mit Klebeband abgedichtet.“ Und dabei ist der Grimsvötn nicht mal Kretzers Hausvulkan. Er wohnt direkt neben dem Oraefjajökull, der zwar 1727 zuletzt ausbrach, aber noch immer nicht als erloschen gilt. „Hier habe ich genau das, was ich immer gesucht habe“, sagt der deutsche Emigrant. „Ein Risiko nehme ich dafür hier in Kauf, ich glaube, dass es nicht größer ist, als in Mainz vom Bus überfahren zu werden.“ Wer diesem Land erlegen ist, der wägt nicht zwischen Faszination und Gefahr. Was ist schon ein Bus der Mainzer Verkehrsgesellschaft gegen den größten Gletscher Europas?
Kretzer begeistert sich seit jeher für diesen Anblick. Mittlerweile hat er ein Fotobuch mit Eis-Impressionen aus seiner Wahlheimat herausgebracht. Die Asche, die sich bei Ausbrüchen auf das Eis legt, erscheint ihm vor allem als Marmorierung: „Es sind Botschaften aus der Vergangenheit, natürliche Muster. Auch die neuste Ascheschicht wird sich da einordnen“, erzählt der Deutsche, der neben der Fotografie auch die Schafsfleischverwurstung betreibt.
Mit derselben Gelassenheit betrachtet Kretzer die Vulkane. Als im vergangenen Mai der Grimsvötn ausbrach, hat nicht nur er sich gewünscht, dass Regen kommt und die Asche schnell wegwäscht. „Das ist ein übles Zeug, dringt durch jede Ritze, daher muss man sich gut anziehen wenn man raus gehen will. Türen und Fenster sind mit Klebeband abgedichtet.“ Und dabei ist der Grimsvötn nicht mal Kretzers Hausvulkan. Er wohnt direkt neben dem Oraefjajökull, der zwar 1727 zuletzt ausbrach, aber noch immer nicht als erloschen gilt. „Hier habe ich genau das, was ich immer gesucht habe“, sagt der deutsche Emigrant. „Ein Risiko nehme ich dafür hier in Kauf, ich glaube, dass es nicht größer ist, als in Mainz vom Bus überfahren zu werden.“ Wer diesem Land erlegen ist, der wägt nicht zwischen Faszination und Gefahr. Was ist schon ein Bus der Mainzer Verkehrsgesellschaft gegen den größten Gletscher Europas?
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