01. Oktober 2011 | Von Petra Neumann-Prystaj
Madeira: Die Insel der Könige
Reise: Wo Königin Silvia und Altkanzler Helmut Schmidt sich entspannen und Männer auf Weintrauben tanzen

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Dunst nach dem Regen: Küstenlandschaft im Norden von Madeira. Foto: Petra Neumann-Prystaj
Vierzig Kameras sind auf Joao Mendes, den grau gekleideten Gärtner, und seinen Kollegen Luis Nuno Fernandes gerichtet. Abwechselnd vor und zurück stampfend, vollführen die beiden Männer eine Art Eiertanz auf knatschigem Untergrund. Ihre nackten Füße quetschen den Saft aus grünen, frisch geernteten Weintrauben, die dazu bestimmt sind, Madeira zu werden, ein mit Branntwein angereicherter, zwölfprozentiger Aperitif, oder – je nach Sorte – Dessertwein. Schon George Washington schätzte den Wein aus Madeira, er soll täglich ein Pint zum Abendessen getrunken haben.
Mendes und Fernandes arbeiten seit Jahren als Gärtner auf der Quinta do Furao in Santana, einem Landhaus mit überwältigender Aussicht auf Klippen und Meer und Himmel. Für die Gäste des Hauses und die mit dem Bus angereisten Touristen aus der Inselhauptstadt Funchal hatten sie zuvor in stundenlanger Arbeit im weitläufigen Garten Tische, Stühle und einen Sonnenschutz aus Zweigen über den Essensständen aufgebaut. Von dort weht der appetitliche Duft inseltypischer Fleischspieße mit Lorbeer (Espetada) herüber.
Weitere Informationen:
Die TAP (Portugiesische Fluggesellschaft) fliegt ab Frankfurt mit Zwischenstopp in Lissabon nach Madeira. Quintas sind im Internet unter www.quintas-madeira.com aufgeführt. Kosten pro Doppelzimmer und Tag mit Frühstück: zwischen 90 und 230 Euro. Es ist auch möglich, verschiedene Quintas für einen Aufenthalt zu buchen. Fragen zu den Quintas beantwortet Pura Communications, Nibelungenstraße 68, 80639 München, Telefon 089 15791313, E-Mail lina.leite@puracomm.eu.
An diesem Septembertag wird den Besuchern ein Weinerntefest mit Essen, Trinken, Gesang und Tanz wie in alten Zeiten geboten. Die traubenstampfenden Männer gehören zur Tradition Madeiras. Aber warum, fragen Touristinnen spitz, durften nur Männer diese Aufgabe übernehmen? Weil die Frauen schon genug andere Arbeit hatten, heißt es entschuldigend. Beim Erntetanz und als Sängerinnen sind sie wieder dabei.
Joao Mendes ist zufrieden mit den Touristen. Nach seinem Auftritt durften alle, die es ihm nachmachen wollten, auf den Trauben herumtanzen, und sie haben ihre Sache so gut gemacht, dass er gar nicht mehr nachtreten musste. Sorgfältig spült er nun seine Füße mit kaltem Wasser ab. Der Traubensaft hat die Haut samtweich gemacht wie eine gute Creme.
Madeira liegt auf der Höhe von Casablanca und ist nicht besonders groß – nur etwa sechzig Kilometer lang und 22 Kilometer breit. Die Vulkaninsel wurde 1419 von dem portugiesischen Seemann Goncalves Zarco entdeckt und nach der portugiesischen Bezeichnung für Holz Madeira genannt. Viele neu gebaute Straßentunnel erleichtern heutzutage die Erkundung von Nord nach Süd.
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Manche Touristen können von dem Blumenparadies gar nicht genug bekommen. Den Rekord hält ein deutsches Ehepaar, das Madeira in 35 Jahren siebzigmal besuchte. Sicherlich wegen des milden, subtropischen Klimas, aber auch wegen der üppigen, exotischen Vegetation und der guten Infrastruktur. Pflanzen, die hierzulande nur im Zimmer oder im Gewächshaus überleben können, sind auf Madeira in jedem Garten, ja sogar in der sich selbst überlassenen Natur zu finden. Das ganze Jahr über blüht immer irgend etwas. Heidelbeeren wachsen auf mannshohen Büschen, Wände aus blauen Hortensien eskortieren den Waldweg, der zu einem der zahlreichen Levadas führt. Das sind künstliche, vor Jahrhunderten von Sklaven angelegte Bäche, die zur Bewässerung der Zuckerrohrplantagen dienten. Inzwischen gehören sie dem Staat, und die Bauern können sich gegen einen kleinen Jahresbeitrag von dem Wasser aus den offenen Kanälen bedienen.
Wanderer vertrauen sich gerne den Levadas an, weil sie sich in ihrer Begleitung nicht in den Eukalyptus- und Lorbeerwäldern verlaufen können. Spektakulär wird es, wenn der Wasserweg durch einen Tunnel führt – Einheimische nehmen vorsorglich Taschenlampen mit – oder an einem Wasserfall endet.
An der Markthalle von Funchal, Madeiras Hauptstadt mit rund 132 000 Einwohnern, läuft kein Tourist achtlos vorbei, denn nur wenige Märkte auf der Welt können soviel Fülle, Farbenpracht und Vielfalt bieten. Manche Früchte, etwa die „Bananen-Ananas“, sind in Deutschland unbekannt. Auf dem Blumenmarkt verkaufen die Händlerinnen Strelitzien in allen Größen als typisches Inselsouvenir. Diese im Frühling und Herbst blühende Paradiesvogelblume darf auf keiner Postkarte fehlen. Auch der Fischmarkt ist einen Fotostopp wert – wo sonst bekommt man so viel Monster-Meeresgetier zu Gesicht?
Der Handel mit Zuckerrohr und Wein hat Funchal reich gemacht. Jede Innenstadtstraße hat ein anderes Pflastermuster. Vor der Uferpromenade der schmucken Stadt ankert mindestens ein riesiges Kreuzfahrtschiff, meist sind es mehr. Einem Amphitheater gleich wächst das Häusermeer bis zum Berg (am Dorf Monte) hinauf, zu dem eine Seilbahn führt. Am Ziel erwartet die Gäste einer der vielen öffentlich zugänglichen Gärten Madeiras.
Die Engländer haben die Insel kulturell und wirtschaftlich geprägt. Eine alteingesessene englische Familie, die Blandys, reich geworden durch Weinhandel, hat noch immer eine führende Stellung. Das Familienunternehmen produziert Madeira-Wein und exportiert ihn hauptsächlich nach England und den USA. Familienoberhaupt Adam Blandy wohnt mitten im Palheiro Estate oberhalb von Funchal, einem Anwesen mit Golfplatz, Spa, Luxushotel, Hallenbad, Clubhaus, Teehaus, 1804 erbauter Kapelle und dem größten Gewächshaus der Insel, fast so groß wie ein Fußballfeld. Weder Zaun noch schmiedeeiserne Ketten, nur das Schild „Privat“ auf der Treppe, schirmt das Privathaus der Blandys von den öffentlich zugänglichen Palheiro Gartenanlagen ab, für die zwölf Gärtner zuständig sind. Es ist ein Dorado für Biologen und Maler, denn dort sind Pflanzen aus allen Erdteilen vereint. Zu hören ist nur das Rascheln des Windes – und das Fluchen der Golfer.
Alle Hotelgäste der Casa Velha do Palheiro bekommen bei der Ankunft erst einmal einen Orientierungsplan, damit sie sich auf dem großen Gelände nicht verlaufen. Die Casa ist Mitglied der Vereinigung „Quintas da Madeira“. Ihr gehören nur Hotels an, die in einer gepflegten Gartenanlage liegen, ein historisches, meist aus dem 19. Jahrhundert stammendes Haupthaus besitzen und mit modernem Komfort und Luxus aufwarten können.
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Exotische Idylle: Das Herrenhaus der Quinta Jardins do Lago, in dem auch Altkanzler Helmut Schmidt Urlaub machte. Foto: Petra Neumann-Prystaj
Nicht ganz so groß, doch kaum weniger imponierend, ist der Garten der Quinta da Bela Vista, um den sich vier Gärtner kümmern. Er umrahmt ein 1844 erbautes Herrenhaus. Der Besitzer der Quinta ist ein portugiesischer Chirurg. Alle Gästeunterkünfte ließ er mit antiken Möbeln, Teppichen und Bildern, die er bei Christie's ersteigert hatte, ausstatten. Ob das den Ausschlag für Mick Jagger gab, just diese Quinta für einen zehntägigen Aufenthalt seiner Eltern zu buchen?
Stolz verrät Empfangschef Fernando Vieira, dass Königin Silvia und ihre Tochter Victoria hier zu Gast waren und die Ruhe, den Blick auf Funchal und auf das Meer schätzten. In der Frühe habe Victoria in Begleitung von Bodyguards ihr Jogging-Programm absolviert, während Königin Silvia im Pool ihre Bahnen zog.
Auch die Quinta Jardins do Lago kann mit zwei prominenten Besuchern prunken: Peter O“ Toole und Helmut Schmid. Der Altkanzler hatte dort im Jahr 2004, bewacht von zwei Sicherheitsbeamten, einen ganzen Monat verbracht, um in Ruhe an einem Buch zu schreiben. Eine Stunde täglich, erzählt Assistant Manager Adalberto Oliveira Dinis, spazierte Schmidt durch den 2,6 Hektar großen Garten Eden voller Mangobäume, Kaffeesträucher, Bananenstauden, Magnolien und Rhododendren. Im Gästebuch ist er mit dem Maskottchen der Anlage abgebildet, der Galapagos-Schildkrote „Colombo“.
Jede Quinta hat ihren eigenen Charme und Charakter. Ein architektonisches Schmuckstück ist das Estalagem da Ponta do Sol, das auf einem Felsen thront wie ein Adlerhorst. Der Eingang ist unscheinbar, ein Aufzug führt in den vierten Stock. Nur von dort aus erreicht man das rundum verglaste Restaurant und einen kleinen Garten. Besitzer Andre Diogo hat hier mit Hilfe des Architekten Tiago Oliveira eine Anlage geschaffen, die sich der Steilküste anpasst, einen Swimmingpool und Spa-Räume hat. Diogo wünschte sich ein Ambiente, in dem er selbst gern Urlaub machen würde. Wichtig war ihm auch, dass der Preis für eine Übernachtung 100 Euro pro Doppelzimmer nicht überschreiten sollte.
Moderne und Tradition sind im 4000-Einwohner-Städtchen Ponta do Sol eng zusammengerückt. Vom Garten des Design-Hotels aus sieht man nicht nur die Badenden in der Kieselstein-Buch, sondern auch Freiwillige aus dem Städtchen, die vor Beginn einer Prozession mit Fleiß und Eifer einen Blumenteppich auf der Straße auslegen. Sie haben von zuhause Kartons mit Blütenblättern mitgebracht und fügen sie mit Hilfe einer Schablone aus Holz auf dem Prozessionsweg zu einem bunten Musterband zusammen.
Nur vier Stockwerke trennen das traditionelle vom neuen Madeira. Und der Tourist darf Wanderer zwischen den Welten sein.
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Joao Mendes zerstampft die Trauben auf traditionelle Weise mit bloßen Füßen.
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