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Imposant: Die Kathedrale bildet das Herz von Canterbury. Hier hat der Erzbischof der Anglikanischen Kirche seinen Sitz. Foto: Julia Abb
Seit 30 Jahren lebt David Prisley im Städtchen Canterbury in der englischen Grafschaft Kent. An keinem Ort würde der Sechsundsechzigjährige lieber wohnen. „Ich mochte es schon immer, mit anderen über meine Stadt zu reden“, erklärt er. Die Begeisterung für seine Heimat hat sich Prisley nun zu einer Art Beruf gemacht. Seit seiner Pensionierung vor einem Jahr ist der ehemalige Papierhändler ein „Kent Greeter“. Ehrenamtlich führt er Touristen durch seine Stadt. Diesen Service gibt es seit 2007 in vielen Dörfern und Städten in Kent; insgesamt 105 ehrenamtliche Touristenführer zählen das Fremdenverkehrsbüro Visit Kent und die Organisation „Kent Greeters“.
„Ursprünglich kommt das Konzept – also dass Einheimische Touristen herumführen – aus New York. Dort macht man das schon seit fast 20 Jahren“, erklärt Prisley. Da man in Großbritannien anlässlich der Olympischen Spiele 2012 in London mit einem Anstieg des Tourismus rechne, habe man die Greeter nun also auch in Kent etabliert.
Für sein Engagement darf Prisley nichts annehmen. „Noch nicht mal einen Kaffee darf ich mir von den Besuchern ausgeben lassen“, sagt er und lächelt. Auf den Stadt-Touren Menschen kennenlernen zu dürfen, sei für ihn Motivation genug. Hochprofessionelle Führungen, die jede einzelne historisch bedeutsame Stätte und Begebenheit berücksichtigen, dürfen die Besucher aber nicht erwarten. „Ich zeige den Leuten Dinge, an denen sie normalerweise vorbeigehen würden, ohne sie zu beachten“, sagt Prisley. Er sei kein Historiker; wie er Gruppen führe, habe er in Seminaren gelernt. Dafür ist der Service kostenlos. Außerdem erhalten die Besucher zahlreiche Insider-Tipps – die Einheimischen wissen schließlich, wovon sie sprechen.
Auskünfte
Wer mobil sein will in Kent, reist am besten mit dem eigenen Auto an. DFDS Seaways bietet beispielsweise Fährverbindungen von Dünkirchen nach Dover. Auskünfte in Reisebüros oder direkt bei DFDS Seaways , Högerdamm 41, 20097 Hamburg, Internet www.dfds.de.
Einen Kent Greeter können Besucher unter der Webseite http://visitkent.co.uk/greeters kostenlos buchen. Auf www.visitkent.co.uk finden Interessierte zahlreiche Informationen über die Grafschaft. Dort können auch offizielle – kostenpflichtige – Führungen gebucht werden.
Prisley beispielsweise weist seine Gruppen gerne auf die ehemalige Synagoge hin. Ein schönes Gebäude mit einer riesigen Kuppel mitten im Grünen. Da es an einer Seitengasse liegt, bekommen die meisten Touristen davon nicht viel mit. Auch die Kneipen in der Innenstadt haben eine spannende Vergangenheit. In einem örtlichen Pub soll Anfang des 17. Jahrhunderts der Vertrag zum Bau des Schiffs „Mayflower“ unterzeichnet worden sein, mit dem die Pilgerväter 1620 von Plymouth aus in die Neue Welt segelten. In einem anderen Lokal haben sich angeblich die vier Ritter, die in einer kalten Dezembernacht 1170 Thomas Becket – den Erzbischof von Canterbury – ermordeten, auf die Gräueltat vorbereitet.
Tatort des Mordes war die Kathedrale von Canterbury. Das gigantische Gotteshaus, das seit Mitte der achtziger Jahre Unesco-Weltkulturerbe ist, bildet das Herz der Stadt. Wer einen Eindruck von der historischen Bedeutung der gotischen Kathedrale erhalten will, wird wohl auch auf eine Führung durch das Gemäuer nicht verzichten können. Im Gegensatz zu den Touren mit den Kent Greetern, sind diese allerdings nicht kostenfrei.
Avril Munn ist eine von 600 Freiwilligen, die Besucher durch das Gotteshaus führen. „Die Kathedrale von Canterbury ist die Mutterkirche der Anglikaner. Noch heute ist sie der Amtssitz des Erzbischofs“, erklärt sie. Schon 1067 habe es an dieser Stelle die erste Kirche gegeben. 1093 sei sie erweitert worden. „1172 brannten die Wikinger das Bauwerk nieder. Zwei Jahre später begann der Wiederaufbau“, sagt Munn. Das ganze Mittelalter hindurch bis in die Neuzeit sei das Gotteshaus immer wieder erweitert worden. „Die letzten Bauarbeiten gab es 1834.“
Munn führt ihre Gruppen durch den Innenhof in den Teil der Kathedrale, in dem 1170 Thomas Becket ermordet wurde. „An dieser Stelle zwangen die vier Ritter den Erzbischof in die Knie und schlugen ihm die Schädeldecke ab“, schildert Munn. Die Geschehnisse jener Dezembernacht seien deshalb so gut überliefert, weil Mönche den Mord beobachtet und das Gesehene niedergeschrieben hatten. Becket habe sich mit König Heinrich II angelegt und das am Ende mit dem Leben bezahlt. 1173 wurde der Erzbischof heiliggesprochen. „Nach der Ermordung wurde Canterbury eine Pilgerstätte für Christen aus ganz Europa.“
Auch zeitgenössische Geschichte wurde im Gotteshaus geschrieben. „Im ,Chapter House‘ unterzeichneten die britische Premierministerin Margaret Thatcher und der französische Präsident François Mitterrand 1986 den Vertrag zum Bau des Eurotunnels“, erklärt Munn.
Wer nicht genug von alten Gemäuern kriegen kann, dem sei ein Besuch in Dover Castle – etwa eine halbe Autostunde von Canterbury entfernt – empfohlen. Und das nicht nur wegen des atemberaubenden Blicks von der Turmspitze auf den Hafen und das Hafenbecken. In einer aufwendigen Multimedia-Führung durch die Tunnel unterhalb der Burg schlüpfen die Besucher in die Rollen der Planer der „Operation Dynamo“.
Zwischen 26. Mai und 4. Juni 1940 wurden rund 350 000 britische und französische Soldaten evakuiert, die von den Nazis bei Dünkirchen eingekesselt worden waren. Videos, Radiobeiträge sowie Nachdrucke von Zeitungen erinnern an die Rettungsaktion.
Auch die eigentliche Burg ist einen Besuch wert. Zu sehen sind mittelalterliche Schlafräume, Badezimmer und Küchen. Besonderer Clou: Schauspieler, die in die Rollen von König Heinrich II, seiner Frau und seiner Tochter schlüpfen, berichten von Leben im zwölften Jahrhundert.
Eine wesentlich neuere Geschichte hat das kleine Kurstädtchen Royal Tunbridge Wells an der Grenze zu Sussex. Vor 400 Jahren entdeckte Dudley Lord North nach einer durchzechten Nacht die Chalybeate Quelle. Nachdem er Wasser daraus getrunken hatte, verschwand sein Kater auf wundersame Weise. Zurück in London erzählte er seinen adligen Freunden von seiner Entdeckung. „Immer mehr Menschen reisten an, um das Wasser zu kosten“, erklärt Stadtführerin Martha Ellis-Hills.
Die ganze Stadt sei auf Vergnügen ausgelegt worden. „Hier entstand die erste reine Einkaufsstraße Großbritanniens, die ,Pantiles‘.“Weniger Spaß habe jedoch das Trinken des Heilwassers gemacht. „Aufgrund seines hohen Sodium-, Magnesium-, Calcium- und Eisenanteils schmeckt die Brühe bitter wie Blut“, warnt Ellis-Hills. Dennoch hätten die Ärzte den Adeligen den Konsum von acht Litern pro Tag empfohlen.
Noch heute wird das Wasser an Besucher ausgeschenkt, allerdings nur an Touristen. Im Sommer stehen Damen in historischen Gewändern bereit und holen mit Schöpfkellen, sogenannten Dippers, Wasser aus der Quelle.
Etwas adeligen Glanz hat die Stadt noch heute: Harry Collins, Juwelier der Königin, hat hier sein Geschäft. „Derzeit versucht das Touristenbüro herauszufinden, ob Mr. Collins auch die Trauringe von William und Kate entworfen hat“, verrät Ellis-Hills. Falls dem so ist, wäre das eine weitere Geschichte, die die Kent Greeter in Tunbridge Wells ihren Reisegruppen erzählen können.
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