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22. Oktober 2011  | Von Heide Noll

Aus Säbeln wurden Sensen

Elsass einmal anders: Rundfahrt auf den Spuren der Industriekultur in Klingenthal und in der Umgebung von Mulhouse

 
| Vergrößern | Das Auto lebt hoch: Installation in der „Cité de l'Automobile“ in Mulhouse. Auf dem Boden des Museums sind 400 Oldtimer zu sehen. Fotos: Heide Noll


Wer Elsass hört, denkt an üppiges Essen und schöne Landschaft. Ein Stückchen Frankreich zum Ausprobieren. Viele Elsässer sprechen Deutsch, und auch sonst haben die 190 Kilometer zwischen Pfälzer Wald und Schweizer Jura viel zu bieten. Spaziergänge durch Fachwerkstädte wie Colmar, Besichtigungen von Sakralbauten wie dem Straßburger Münster oder Wanderungen in den Vogesen sind allemal für ein erlebnisreiches Wochenende gut, zumal die Anfahrt nicht lange dauert. Von Darmstadt nach Straßburg sind es gerade mal 200 Kilometer, nach Mühlhausen 290.
Doch das Elsass hat auch eine andere Seite. Es war über Jahrhunderte Industriestandort. Vorkommen von Kohle und Eisenerz und die Kraft der vielen Bäche und Flüsse waren für die Industrialisierung im 18. Jahrhundert entscheidend. Vieles davon ist Geschichte und heute in Museen nachzuerleben. Die meisten sind dreisprachig (französisch, deutsch, englisch) beschildert.


Deutsch spricht, neben elsässisch und französisch, auch Marc Adolf. Er hat ein Museum in Klingenthal gegründet. Es erinnert an eine Manufaktur für Klingen, Degen und Säbel. „Das ist eine einmalige Sache, eine königliche Manufaktur. Das gibt es sonst nirgends“, sagt er. 1730 ließ König Ludwig XV. Spezialisten aus Solingen abwerben und siedelte sie im Elsass an – dort gab es Kohle und Eisenerz und Sandsteine fürs Schleifen. Eine Mühle in der Nähe einer Eisenschmiede wurde zu einem Hammerwerk umgebaut. Aus den Werkstätten und Wohnungen erwuchs ein Dorf, das den Namen Klingenthal erhielt. 1812 beschäftigte die Schmiede fast 1700 Arbeiter, die Brustpanzer und Klingen für die leichte Kavallerie herstellten.

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Große Garnrollen erinnern im Park von Wesserling an die Textilmanufaktur.
Nach dem Ersten Weltkrieg waren die Waffen nicht mehr gefragt. Nun produzierten die Arbeiter Sensen. 1960 war auch das vorbei, das Werk wurde geschlossen. 1991 gründete Marc Adolf einen Förderverein und in der alten Schule das Museum. Jeden ersten Sonntag im Monat finden Schmiede-Vorführungen statt.


Geschichtsinteressierte finden beispielsweise in Mulhouse (Mühlhausen) im südlichen Elsass eine große Auswahl an reizvoll aufgearbeiteten Themen. Direkt neben dem Eisenbahnmuseum spannt eine Ausstellung im Elektromuseum EDF Electropolis den Bogen vom staunenden Frühmenschen („Und die Götter schufen den Blitz“) bis zur Atomkraft. Alles, was dazwischen liegt, ist anschaulich dargestellt. Auf Reservierung sind auch Führungen auf Deutsch möglich. Dreimal täglich gibt es Vorführungen im elektrostatischen Theater. „Gleiche Ladungen stoßen sich ab, ungleiche ziehen sich an“, erklärt Alcay Güntürk das Prinzip, nach dem die Funken fliegen. Besucher dürfen sich sogar in einen Faraday’schen Käfig wagen. Herzstück des Museums ist „die große Maschine“. Das schwarze Ungetüm versorgte von 1901 bis 1947 eine Textilfabrik mit Strom.
Textilien bildeten die Grundlage für ein weiteres Museum. Die Textilfabrikanten Hans und Fritz Schlumpf steckten ihr ganzes Geld in das Sammeln alter Autos. Auf dem Gelände einer früheren Wollspinnerei bewundert der Besucher heute im Museum „Cité de l’Automobile“, ebenfalls in Mulhouse, 400 Oldtimer aus allen Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts. Luxuslimousinen, frühe Kleinwagen für Frauen, Rennwagen – alles ist da.
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Nordwestlich von Mulhouse begegnet der Besucher noch einmal der Textilindustrie. Im „Park von Wesserling“ entstand 1762 eine königliche Manufaktur, die Baumwollstoffe formenreich und farbenfroh bedruckte. Wie das vor sich ging, ist im Textilmuseum Wesserling zu sehen. Es gibt gleichzeitig einen Eindruck von Wachstum und Wohlstand, Straßenbau und ersten Sozialgesetzen, aber auch vom Niedergang bis hin zur Schließung der Fabrik im Jahr 2003. Heute ist der „Park von Wesserling“ der Versuch, die verkehrsgünstige Lage des Tals zu nutzen, um seinen Bewohnern ein Auskommen zu sichern. In den früheren Stoffdruckräumen sind kleine Werkstätten untergebracht, Künstler arbeiten in Ateliers, es gibt ein Theater, einen Supermarkt, einen Bauernladen für Produkte aus dem Tal und einen wunderbaren Garten.
Noch viele weitere Museen und Manufakturen stehen Besuchern im Elsass offen. Eins der neusten ist das Lalique-Museum in Wingen-sur-Moder. Im Juli 2011 eröffnet, sind in einem ehemaligen Glaswerk etwa 600 facettenreiche Preziosen des Glaskünstlers René Lalique zu entdecken.

 
 
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