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17. September 2011  | Von Alexander Schneider

Obersalzberg bei Berchtesgaden: Hitlers Berg-Idyll

Berchtesgaden: Dokumentation Obersalzberg zeigt auf Hitlers „Berghof“ eine Gesamtschau des Nationalsozialismus – Jahr für Jahr mehr als 150 000 Besucher an dem „Täterort“

 
| Vergrößern | Hundefreunde: Adolf Hitler und Eva Braun im Jahre 1942 auf dem Berghof bei Berchtesgaden. Foto: Bundesarchiv


Seine Gäste kann man sich nicht immer aussuchen: Als ein gewisser Herr Hitler aus München 1923 zur Sommerfrische in das Bergdorf Obersalzberg kam, um sich in einer kleinen Pension einzumieten, dachte niemand daran, dass dies in wenigen Jahren das Ende des bäuerlich geprägten Tourismusortes hoch über Berchtesgaden sein sollte.
Dem Agitator aus München gefiel die majestätische Kulisse von Watzmann, Untersberg und Steinernem Meer. Hoch über dem Königssee konnte er Ränke schmieden und den Putschversuch von 1923 vorbereiten. Und er kehrte immer wieder zurück in die alpine Ideallandschaft, die hier in Berchtesgaden noch heute vielleicht am bayerischsten ist. 1928 kaufte Hitler den späteren „Berghof“ und ließ ihn bis 1936 zu einer repräsentativen Residenz ausbauen.

Weitere Informationen:

Die Dokumentation Obersalzberg wurde durch das Institut für Zeitgeschichte in München realisiert. Die Ausstellung ist mit einem Besuch des Kehlsteinhauses kombinierbar und bis Ende Oktober täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet. Besucher sollten mindestens zwei Stunden Zeit mitbringen, Gruppenführungen gibt es nach Absprache. Weitere Informationen unter „Dokumentation Obersalzberg, Salzbergstraße 41, 83471 Berchtesgaden, Telefon 08652 947960, E-Mail organisation@obersalzberg.de oder unter www.obersalzberg.de.


„Wir wollen unseren Führer sehen! Wir wollen unseren Führer sehen!“, skandierten da schon hunderte Ausflügler und Touristen, die Wochenende für Wochenende gläubig auf den Obersalzberg pilgerten, um etwas vom vermeintlichen Glanz und Genius abzubekommen.Für die Bewohner der Berchtesgadener „Gnotschaft“ Obersalzberg war damit die Heimat verloren: Immer mehr Weggefährten Hitlers und glühende Nationalsozialisten siedelten sich in protzigen Neubauten rund um den Berghof an. Kasernen wurden hochgezogen, das „Führersperrgebiet“ eingerichtet. Wer sein Grundstück nicht verkaufen wollte, wurde dazu gezwungen und vertrieben.
So wurde das oberbayrische Idyll neben Berlin zu einem zweiten Ort der Macht, an dem Entscheidungen über Krieg und Frieden, den Holocaust und das Leben ganzer Völker fielen.
Unterdessen nutzte Josef Goebbels’ perfide Propaganda die grandiose Bergkulisse für medienwirksame Inszenierungen. Der Diktator als volksnaher Politiker, Kinder- und Naturfreund, guter Nachbar, großer Staatsmann und einsamer Visionär mit Weitblick – ein Trugbild, das bis heute wirkt, erzeugt mittels fröhlicher, entspannter Schwarzweiß-Filme mit winkenden Kindern und Blumenkränzen.
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„Wir wollen unseren Führer sehen!“: Nachdem Hitler zum Reichskanzler ernannt worden war, war es am Obersalzberg mit der Ruhe vorbei. Zu Tausenden strömten Anhänger Wochenende für Wochenende zum Berghof (im Hintergrund des Bildes aus dem Jahr 1934 ist das benachbarte „Haus Türken“ zu erkennen). Die Naziführung fühlte sich bald bedrängt und so wurde das Gelände zum „Führersperrgebiet“ erklärt. Foto: Institut für Zeitgeschichte München
Erst am 25. April 1945 – Hitler hatte sich längst im Bunker seiner Berliner Reichskanzlei verkrochen – legten britische Bomber das alpine Ensemble in Trümmer, die Amerikaner nahmen Berchtesgaden kurz darauf ein.
Die Ruinen des Berghofs und der Häuser Görings und Bormanns sowie die SS-Kaserne wurden abgetragen oder 1952 gesprengt. Erhalten blieben nur wenige Bauwerke, darunter das Kehlsteinhaus („Eagle’s Nest“) auf 1834 Meter Höhe und die Bunkeranlagen.
Die Deutschen blieben bis zum Abzug der Amerikaner ausgesperrt und müssen sich erst ab 1996 wieder mit diesem vernarbten Ort der Geschichte abmühen. Lange rang der Freistaat darum, wie mit diesem Erbe umgegangen werden soll: Zunächst wurde weiter abgerissen, die letzten Grundmauern des Berghofs und der SS-Kaserne beseitigt.
Dann setzte sich doch die Meinung durch, dass hier ein erhaltenswerter Ort vorliegt, ein Täterort, an dem sich die Geschichte des Dritten Reiches umfassend darstellen lässt. Man wollte einen Ort schaffen, der aufklärt und schult, statt einen Unort weiter aufzuforsten. Denn seine Anziehungskraft hatte der Obersalzberg nie verloren. So sehr die Mauern auch geschleift wurden. Als dunkler Mythos bestand Berghof fort, inmitten der in Berchtesgaden erhaltenen Relikte des Dritten Reiches wie dem überdimensionierten Bahnhof, der Rossfeldstrecke oder dem Kehlsteinhaus.
Seit 1999 gibt es nun die „Dokumentation Obersalzberg“, eine Dauerausstellung des „Instituts für Zeitgeschichte“, errichtet auf den Grundmauern des ehemaligen Gästehauses. Nicht nur die Aura des Authentischen zieht seitdem jährlich über 150 000 Menschen an. Hier werden Schulklassen unterrichtet, Offiziere geschult und Touristen umfassend informiert. Die Ausstellung hat den Anspruch, den Nationalsozialismus an dieser Stelle – die zudem weltweit als Symbol des Nationalsozialismus bekannt ist – als Gesamtschau darzustellen.
Auf relativ kleinem Raum in einem hellen Neubau auf alten Mauern werden Orts- und Zeitgeschichte miteinander verschränkt und gekonnt erfahrbar gemacht.
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Flucht in die Tiefe: In den Bunkeranlagen, die jetzt für Besucher offen sind, verbrachten die Bewohner des Obersalzbergs 1945 die letzten Tage der angeblichen „Alpenfestung“. Foto: Institut für Zeitgeschichte München-Berlin/Max Köstler
Die Dokumentation folgt einem durchdachten Aufbau, vom lichten Alpenpanorama geht es in die bedrückenden Bunkeranlagen: Im Prolog wird die kleine Ortschaft vor der Machtergreifung 1933 gezeigt, Zeitzeugen berichten von den Umbauten der Nazis und der Vertreibung der Bevölkerung. Der durchorganisierte, fast langweilige Alltag auf dem Berghof wird ebenso dargestellt wie der absurde Führer-Tourismus und braune Heilslehren.
Im Erdgeschoss geht es um die Parteistruktur, Propaganda und verfolgte Minderheiten, Militärkult, Krieg und schließlich Holocaust – die Stationen führen immer weiter in den Berg hinab. Schließlich begibt sich der Betrachter in den Untergrund der Bunkeranlagen, dem wahrhaft Authentischen des Orts aus Beton, Stahl und Dunkelheit.
Herab geflohen aus der Scheinwelt des Kehlsteinhauses und ihrer Prachtvillen saßen hier am Ende die Ausführenden, die Schreibtischtäter des Reichs und ihre Angehörigen. Dichtgedrängt und voller Angst vor Bomben, Gas und der Rache der Sieger, während die Alliierten ihren „Führersperrbezirk“ in Trümmer legten. Die Beklemmung ist heute noch spürbar, Tod und Leid durch die Ausstellungstafeln sichtbar.
Zurückgekehrt ins Freie, empfängt den Besucher wieder dieses fantastische Bergpanorama, das auch die Täter vor rund siebzig Jahren genossen. Und so wird Geschichte tatsächlich erfahrbar: Auch Hitler und seine Vollstrecker genossen Luft und Ausblick, trugen Lederhose und Dirndl. Ein deutsches Ideal als Täterort – und die Erkenntnis, dass auch die Idylle das Böse nicht aufzuhalten vermag.

 
 
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