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06. August 2011 Von Adrian Hoffmann

Speerfischer zu Besuch

Südsee (9): Männer von der Nachbarinsel bringen Fisch und Lobster vorbei

 
| Vergrößern | Präsent für das Abendessen: Lokale Fischer bringen einen Riesenzackenbarsch mit, den sie beim Tauchen mit einem Speer erlegt haben. Foto: Nina Hoffmann


Da ist ein Mensch.“ Nina springt mir aufgeregt entgegen, als wir gerade einen unserer Pfade frei räumen. Jetzt sehe ich es auch – unten, am Strand bewegt sich etwas. „Das darf nicht wahr sein, ich habe doch gar keine Hose dabei“, sage ich und wir entscheiden im selben Moment, den Weg als Rennstrecke zur Hütte zu nehmen, wo die nassen Klamotten auf der Wäscheleine hängen.
Als wir unseren Besuch empfangen wollen, fehlt uns die Sprache. Die Wellen schlagen einen Stamm auf den Sand, dessen Wurzel senkrecht in die Höhe steht und von der Ferne aussieht wie ein langsam schreitender Mensch. Es ist amtlich: Wir sind paranoid geworden.
Das Problem ist, dass wir auf der Insel viele Geräusche vernehmen, die von außen kommen könnten. Wir denken da gerne an einen Bootsmotor, doch meistens sind es Wellen am Riff, die sehr unterschiedlich brechen und grollen. Die einheimischen Fischer sind es aus ihren kleinen, abgelegenen Dörfern gewohnt, dass sie sich bei ihrem Nachbarn auf der nächsten Insel oder auch nur ein Stück weiter am eigenen Strand grundsätzlich lautstark bemerkbar machen. So wahren sie Privatsphäre. Sind sie zu Fuß unterwegs, klatschen sie so lange in die Hände, bis jemand auf sie reagiert. Sind sie auf dem Boot, fahren sie höflich langsam am Strand entlang, bis sie von Inselbewohnern wahrgenommen werden.
Es ereignet sich an einem sonnigen Nachmittag, als ein kleines, Boot in die Lagune steuert und in der Nähe unserer Hütte anlegt. Begeistert, dass endlich mal jemand vorbeikommt, laufe ich hin, um die Männer zu begrüßen. Sie lassen sich zu Saft, Kaffee und Keksen überreden – und reife Papaya und Bananen können wir ihnen glücklicherweise auch anbieten. Während einer von ihnen am Anlegeplatz bleibt und einen Erdofen vorbereitet, folgen mir die anderen und werfen sich nach einem anstrengenden Fischzug an unserem Feuerplatz vor der Hütte zu Boden. Einer zieht sich einen Stein als Kopfkissen heran – das Kissen, das wir ihm anbieten, lehnt er ab, ist ihm zu weich.
Die Männer können ein bisschen Englisch und wir plaudern ein wenig über Tonga, das Fischen und wie sie ihren Fang anschließend weiterverkaufen. Sie lagern ihn auf ihrer Insel auf Eisblöcken zwischen, die alle zwei Wochen von einer kleinen Fähre gebracht werden und die den Fang auch abholt, um ihn auf den Markt in der von ihnen 150 Kilometer entfernten Hauptinsel zu bringen. Als ich ihnen erzähle, dass ich auch gerne mal am Strand fischen bin, fragt einer: „You want fish?“ Wenig später schleppen sie einen fast zehn Kilo schweren Riesenzackenbarsch an. Für das Foto, das die Szene dokumentiert, sind sie gleich zu haben. Bitte zeige es all deinen Freunden, sagen sie.

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Nachtisch: Nina erntet mit dem Fruchtmesser eine Papaya. Foto: Adrian Hoffmann
Einer der Fischer hat ein Handy dabei, das er mit Batterien lädt, und spielt stolz Musik aus Tonga ab. Schlagartig wird uns klar, warum wir auf der Insel öfter alte Batterien auf dem Boden finden. Es gibt in Tonga kein Gefühl für eine Müllproblematik. Immer wieder stoßen wir auf leere Rindfleischdosen oder Bierflaschen – zurückgelassen von Fischern, die sich hier länger aufhielten. Was nicht mehr zu gebrauchen ist, wird weggeworfen.
Im Paradies ist nicht alles paradiesisch. Die Fischer sind verwundert, warum wir das Leben auf einer einsamen Insel annehmlich finden. Sie wollten doch alle weg, sagt einer der beiden Jugendlichen unter ihnen. Keine Jobs gibt es, somit keine oder nur geringe Einnahmen. Die meisten jungen Menschen zieht es auf die Hauptinsel, wo man im Tourismus etwas finden kann. Und auch dort werden viele nicht glücklich. Manche versuchen, nach Neuseeland, Australien oder in die USA auszuwandern. Das endet in manchen Fällen erneut mit Unzufriedenheit, weil das neue System zwar mehr Geld bietet, aber das Leben so unterschiedlich ist, dass es ihnen sehr schwer fällt, sich einzugliedern. Im schlimmsten Fall führt der Weg in Kleinkriminalität und zu Alkoholismus.
Auf den Inseln gibt es schlichtweg keinen Alkohol, außer vielleicht Selbstgebrautes. Viele kleine Läden dürfen schon gar keinen Alkohol verkaufen, weil die Vergangenheit gezeigt hat, was das nach sich ziehen kann. Auch die Fischer fragen recht schnell, ob wir denn Alkohol da haben. Palangi, also Weiße, haben ja schließlich öfter Bier- oder Schnapsvorräte. „Ist uns ausgegangen, weil die Fähre die letzten Monate nicht mehr gefahren ist“, antworte ich auf diese Frage – was die Wahrheit ist. Trotzdem hatten Nina und ich schon vorher besprochen: falls Besuch kommt, kein Alkoholkonsum. Das mag hart klingen, weil man sich die Problematik in Deutschland nicht vorstellen kann. Doch diesen Ratschlag haben uns vor der Inselzeit einige erfahrene Auswanderer in Tonga mit auf den Weg gegeben.
Alternativ schlage ich Trinkkokosnüsse vor, die ich mal eben in Sixpacks von drei Meter hohen Palmen pflücken kann, in solcher Fülle gibt es sie. Die Einheimischen ziehen das Zeug runter wie wir eine kalte Cola.
Bevor sie zu ihrem Erdofen gehen, in dem der Räucherfisch und die Maniokwurzeln fast fertig sind, hat der Chef der Gruppe, der mir anfangs den Fisch überreicht hat, eine weitere nette Frage: „You like lobster?“ Er erzählt mir, dass sie in der Nacht zu einem erneuten Fischzug aufbrechen und am frühen Morgen zurückfahren wollen. Der Fang muss so bald wie möglich gekühlt werden. Um 6 Uhr am Morgen, als es hell wird, ruft mich einer der Fischer aus dem Schlaf. Im Halbdunkel drückt er mir drei frisch gefangene Lobster in die Hand und verabschiedet sich mit den Worten eines gläubigen Christen: „God bless you.“








 
 


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