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11. November 2011

Abschied von der Insel

Noch einmal Fische über dem offenem Feuer brutzeln – Die beiden Bewohner bereiten sich auf die Rückkehr in die Zivilisation vor

 
| Vergrößern | Trauminsel: Nina verbringt die letzten Abende am Strand. Foto: Adrian Hoffmann

Manchmal sehen wir sie noch, die Buckelwale, wie sie außerhalb der Lagune aus dem Meer springen, senkrecht nach oben und dann mit einem kräftigen Platsch wieder abtauchen, oder wie sie beim Atmen Fontänen sprühen. Aber ihre Zeit in den warmen Gewässern Tongas, die im Juni begonnen hat, ist nun vorüber. Sie werden zurück in die Antarktis ziehen, ihre Jungtiere haben in den vergangenen Monaten genügend Speckschicht ausgebildet.
Auch wir werden bald die Rückreise antreten, obwohl wir nicht zugelegt haben. Unser Jahr auf einer einsamen Insel im Südsee-Königreich Tonga ist zu Ende. Wir werden ein paar Wochen verlängern, haben wir beschlossen – und trotzdem: die Insel zu verlassen, wird uns schwer fallen. Wie bei unserem letzten Abschied aus Fidschi, wo wir bereits 2009 ein halbes Jahr auf einer einsamen Insel gelebt haben, hat dieser Schritt zwei Seiten.
Es war von Anfang an ein Abenteuer auf Zeit, wenngleich wir jetzt, da die Zeit abläuft, mal wieder feststellen, dass sie viel zu schnell vorüberzieht. Warum wir andererseits zurück wollen in die Heimat und dieses surreale Lagunenparadies verlassen werden, ist die Vorfreude darauf, Familie und Freunde wieder zu sehen.
Die letzten Wochen in der Einsamkeit verbringen wir damit, jeden Abend an den Strand zu gehen, den Sonnenuntergang anzuschauen und ein Lagerfeuer zu machen. Vorzugsweise mit frisch gefangenem Fisch am Spieß.
Wir haben anfangs daran gezweifelt, einmal jede Stelle der Insel erkunden zu können, aber mittlerweile kennen wir doch alles. Wir haben mit den Macheten so viele Wege geschlagen, was eine unglaublich harte Arbeit war, dass wir jederzeit sagen können, wo die nächste reife Brotfrucht vom Baum fallen wird und wo welche Bananenstauden wie reif sind. Passend dazu gibt es einen „Brotfruchtpfad“, einen „Bananenpfad“ – quer durchs Inselinnere –, einen Dschungelpfad, der beide zusammenführt; und einen Strandpfad, der außen herum um die gesamte Insel führt, eine Strecke von mindestens zweieinhalb Kilometern. Wir bedauern es, dass nach unserer Zeit die ganzen Wege in wenigen Monaten wieder überwuchert sein werden.
Zu jedem Pfad gibt es sogar künstlerische Beschilderungen. Wir haben mit gelber Farbe auf Strandgut gemalt und die Hölzer an markanten Kreuzungen befestigt. Man könnte als Besucher fast meinen, wir führten eine kleine Inselhotelanlage. Dabei war die ganze Mühe nur für uns und selten vorbeikommende Segler. Sie hat sich aber dennoch gelohnt, weil wir täglich drei Mal um die Insel laufen und auch ständig im Dickicht nach Früchten suchen und kontrollieren, wie weit die Süßkartoffeln und das Taro schon gewachsen sind.

| Vergrößern |
Strandfeuer am Abend. Foto: Nina Hoffmann
Überhaupt gedeiht der Garten prächtig, vor allem könnten wir jeden Tag Kürbissuppe machen. Kürbisse wachsen ohne Ende. Wir müssen dazu die Blüten selbst bestäuben, weil wir keine Bienen haben, die uns das abnehmen würden.
Wir haben unsere Versorgung mit Lebensmitteln offenbar gut geplant und genug bis zum Schluss, wahrscheinlich weil wir so viel Gemüse im Garten ernten können und gerade besonders viele Papayas reifen. Auch an das Innere kleiner, bereits keimender Kokosnüsse, haben wir uns gewöhnt. Wir rösten die weiße, schwammige Kugel über offenem Feuer, und sie schmeckt in etwa so wie Zuckerwatte ohne Zucker.
Es werden zum Schluss noch einige Angelhaken übrig bleiben, jede denkbare Größe, dazu Leinen unterschiedlicher Stärke, was ich alles zusammen an Tevita vermachen will, dem Fischer, der hier bei uns am häufigsten vorbeikam. Noch immer sprechen wir nur das Nötigste, weil ich seine Sprache kaum beherrsche und Tevita nur wenig Englisch. Zum Glück funktioniert es mit ihm auch ohne Worte. Er bringt immer Fisch mit und wird sich über die Angelausrüstung freuen.
Noch ist nicht geklärt, mit welchem Boot wir zurück in die Zivilisation kehren. Wahrscheinlich lassen wir uns von Tevita mit auf seine Insel nehmen, um dort auf eine sporadisch fahrende Fähre umzusteigen. Neben unserer überschaubaren Menge an Hab und Gut werden wir unseren Dosenmüll dabei haben, klein gehämmert, und eine Kiste voll mit alten Batterien, die von Fischern achtlos weggeworfen wurden. Wir haben den Gedanken, dass wir der Insel für die tolle Zeit wenigstens ein bisschen was zurückgeben wollen, und wenn das möglich ist, dann am ehesten durch die Befreiung von Müll. Und wenn diesen Südseesommer der Zyklon ausbleibt, wachsen hoffentlich die vielen Kokosnüsse weiter, die wir nach der Zerstörung durch den Sturm gepflanzt hatten.
Tevita wird betrübt sein, wenn wir gehen. Und er wird sicher auch fragen, wann wir wieder kommen. Vielleicht wäre es leicht zu sagen: Ach, wahrscheinlich nächstes Jahr. Aber ich will lieber bei der Wahrheit bleiben: Ich weiß es nicht. Ausschließen werden wir es nicht, denn diese Inselsache, sie hat es uns angetan.


 
 


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