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18. Dezember 2010 Von Ilka Ennen

Taiwan

Die traditionelle Kultur der Insel stammt vom Festland, aber in den großen Städten herrscht westliches Flair

 
| Vergrößern | Vermummte Gestalten sind in Taiwan keine Seltenheit. Der Mundschutz avanciert in den Großstädten zum Modeaccessoire. Fotos: Ilka Ennen


Jahrhunderte alte Tradition und kosmopolitische Moderne leben Tür an Tür auf der Insel Taiwan, die ihre portugiesischen Entdecker einst Ilha formosa nannten - schöne Insel. Westliche Besucher werden Taiwan heute nicht als klassische Schönheit empfinden. Doch wer das Land bereist, trifft auf eine asiatische Mixtur unterschiedlicher Kulturen, deren Entdeckung lohnt.

Kaum fünf Minuten da und schon das Gesicht verloren. Das geht schnell in Taiwan. Zumindest für denjenigen, der im Urlaub ohne Visitenkarte reist. Viele fragen danach. An der Hotelrezeption, im Restaurant, auf der Straße. Wohl dem, der eine Fremdenführerin wie Lily um sich hat, die ihre Landsleute vorausschauend zur Seite zieht und entschuldigend tuschelt: »Sie hat keine.« Weil das auch einer geduldigen Taiwanesin irgendwann zu anstrengend wird, organisiert sie einen Stapel weinroter Blanko-Kärtchen und bittet darum, die Kontaktdaten per Hand einzutragen.
Praktische Tipps für Taiwan

Die Insel Taiwan, mit einer Fläche von knapp 36000 Quadratkilometern ungefähr so groß wie Baden-Württemberg, liegt vor dem chinesischen Festland im West-Pazifik. 23 Millionen Menschen leben hier. Die Flugzeit beträgt rund 13 Stunden, der Zeitunterschied zwischen sechs und sieben Stunden. Einen Direktflug von Frankfurt nach Taipeh bietet die taiwanesische Gesellschaft China Airlines an. Offizielle Sprache ist Mandarin, in den Großstädten ist eine Verständigung auf Englisch möglich. Die Durchschnittstemperaturen liegen zwischen 28 Grad im Juli und 14 Grad im Januar. Beste Reisezeit ist von März bis Mai und von September bis November. Für die Einreise genügt ein noch mindestens sechs Monate gültiger Reisepass. Impfungen sind nicht vorgeschrieben. Unterkünfte: Luxus: Grand Formosa Regent Taipeh (www.grandformosa.com.tw/EN). Gehoben: Hotel Quote Taipeh (www.hotel-quote.com). Einfach: Fo Guang Shan Kloster, Kaohsiung (www.fgs.org.tw/english). Weitere Auskünfte erteilt das Taipeh Tourismusbüro in Frankfurt, Telefon 069 610743, E-Mail info@taiwantourismus.de, Internet www.taiwantourismus.de.

Für ungeübte Asien-Reisende kommt Taiwan daher wie China für Anfänger. Der Großteil der Bevölkerung ist vom chinesischen Festland eingewandert und hat seine Kultur mitgebracht. Dennoch atmen die großen Städte westliches Flair. Neben einem bunt bemalten Tempel, reich verziert mit schlängelnden Drachen und Laternen, hat eine McDonald's-Filiale aufgemacht. Niemand muss auf den geliebten BigMac oder den Starbucks-Cappuccino verzichten. Es gibt Ikea-Märkte samt Billy-Regalen und Köttbullar-Fleischbällchen. Und wer meint, sein Geld für Modeschöpfungen von Prada, Gucci oder Versace ausgeben zu müssen, wird in den Großstädten entsprechende Läden finden.

Manches ist moderner als zu Hause. Die Toiletten in guten Hotels oder Restaurants sind wahre Wunderwerke der Technik. Die Klobrille ist angenehm beheizt. Wer Papier sparen will, aktiviert per Knopfdruck den Wasserstrahl. Hinten wie vorne. Und lässt sich zum Schluss den Bobbes trocken föhnen. Weit verbreitet sind jedoch auch die ganz einfachen Varianten: Modell Loch im Boden. Das erklärt auch den auf den ersten Blick unverständlichen Hinweis in der Bahnhofstoilette von Taipeh: »Do not stand on the toilet«. Nicht auf die Toilette stellen.

Ein bisschen Mut zum Risiko gehört beim Essen dazu, denn mitunter kann undefinierbares auf dem Teller landen. Wer Lust hat, die Ausprägungen der heimischen Küche zu testen, wird mit ungewöhnlichen Geschmacksrichtungen belohnt. Eis mit grünen Bohnen, Malzpulver und Süßkartoffeln zum Dessert oder hundertjährige Eier zum Frühstück, deren grün verfärbtes Eigelb nach rund dreimonatiger Lagerung umhüllt ist von einer bernsteinfarbene Masse. Gefüllte Dim Sums - die asiatische Maultaschenvariante - gibt es zu allen Tageszeiten in unzähligen Variationen in Restaurants oder den dampfenden Garküchen auf der Straße. Gemüse ist drin, Fleisch oder Meeresfrüchte und in der Nachtisch-Variante gerne süße, rote Bohnenpaste. Lieber davon verfärbte Zähne bekommen, als von der Betelnuss, die als Aufputschmittel von spärlich bekleideten Mädchen in neonbeleuchteten Kiosken an den Ausfallstraßen großer Städte verkauft wird. »Nur kauen. Bloß nicht schlucken«, rät Lily neugierigen Touristen.
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Zum touristischen Pflichtprogramm in der Hauptstadt Taipeh gehört ein Besuch des »Taipei 101«. Mit einem Gardemaß von 508 Metern erhebt sich der zweithöchste Wolkenkratzer der Welt über die 2,6-Millionen-Einwohner-Metropole. Das Gebäude, benannt nach seinem Standort und der Zahl seiner Stockwerke, ist einem robusten Bambusstängel nachempfunden. Der Mantel aus jadegrünem Glas, Stahl und Aluminium ist ein Produkt deutscher Ingenieurkunst. Bayerische Fassadenbauer haben den Turm eingekleidet.

Ungewöhnlich ist das Innenleben des Riesen. Mitten reingesetzt in eine der aktivsten Erdbebenregionen der Welt, wo sich eurasische und philippinische Kontinentalplatten treffen und Erschütterungen des Untergrundes eher die Regel als die Ausnahme sind, benötigte der »101« ein spezielles Sicherheitskonzept. Im 88. Stockwerk hat sich das Gebäude eine goldfarbene, 660 Tonnen schwere und 5,5 Meter dicke Stahlkugel einverleibt, die an 15 Meter langen Stahlzügen aufgehängt ist und deren Trägheit die Bewegung der chronisch unruhigen Erde auspendeln soll. Hydraulische Stoßdämpfer fangen wiederum ihre Schwingungen auf, damit aus der Sicherheits-Kugel keine Abrissbirne wird.

Der schnellste Aufzug der Welt bringt die Besucher mit einer Geschwindigkeit von 60 Kilometern in der Stunde zur Aussichtsplattform in den 89. Stock. Von oben hat der Besucher den Rundumblick aus Panoramafenstern und sieht hauptsächlich grau. Die Stadt liegt im Dunst und die gleichförmig gebauten Betonklötze bieten keine architektonischen Höhepunkte. Dafür ist es hier oben ganz ungewohnt ruhig.

Taipeh ist laut und ständig in Bewegung. Autoschlangen schieben sich hupend durch die Straßen, Heerscharen von Motorrollern, auf die sich sardinenbüchsengleich auch vierköpfige Familien pressen, nutzen jede Lücke im Verkehr. Und überall drängen sich Menschen, Menschen, Menschen. Kein Wunder, dass der Mundschutz trotz subtropischer Schwüle zur Grundausstattung gehört, auch wenn weit und breit keine Epidemie in Sicht ist. Aus dicker Wolle gehäkelt oder aus bunt gemustertem Kunststoff avanciert er zum Modeaccessoire. Touristen, die die Vermummten fotografieren, müssen damit rechnen, ebenfalls abgelichtet zu werden. In Taiwan sind westliche Besucher vielerorts noch eine Sehenswürdigkeit.

Das Kontrastprogramm zur quirligen Hauptstadt ist das buddhistische Kloster Fo Guan Shan im Südwesten der Insel, das Besuchern einfache Übernachtungsmöglichkeiten bietet. Man spricht Deutsch mit Wiener Akzent. Seit über zehn Jahren lebt der gebürtige Österreicher Gerhard Fröschl (51) hier und kümmert sich als Fremdenführer um Gäste. In einem anderen Leben hat er als Lastwagenfahrer, Gerüstebaumanager und in Südafrika als Grundstücksmakler gearbeitet. Viel Geld wollte der Mann verdienen, um sich für den Rest seines Lebens zum Meditieren zurückzuziehen. Daraus ist nichts geworden. »Mir hat immer die letzte Million gefehlt. Da habe ich gedacht, da kann ich auch gleich Mönch werden. Und hier kann ich mitmachen.« Seit er sich dem Orden angeschlossen hat, erst in Südafrika, dann später in der Zentrale im taiwanesischen Kaohsiung trägt er Drei-Tage-Bart, drei-Tage-Kopf. Nur die Augenbrauen sind länger.

Touristen bleiben zwei, drei Tage erzählt Fröschl. Nicht länger. »Damit wir ihnen nicht auf die Nerven gehen und sie uns nicht.« Morgens um fünf, wenn die Welt noch grau ist, beginnt der Tag der Bewohner. Wer möchte, kann an der Andacht kurz vor sechs teilnehmen. Ventilatoren schaufeln Wind in den mit tausend kleinen Glühbirnchen erhellten Andachtsraum, der von den singenden Mönchen und Nonnen in dunkelbraun-schwarzen Kutten gesprenkelt wird. Bald wird sich die Morgenfrische in subtropische Hitze verwandeln. Die Mönche müssen in Nylon-Kutten schwitzen, anstatt Leinen oder Baumwolle zu tragen. »Taiwan«, erklärt Fröschl, »ist das Land des Plastiks.«
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Ein gewaltiger Stoßdämpfer fängt im „Taipei 101“ Erschütterungen der unruhigen Erde ab.

In der Provinz Nantou liegt das Lieblingsziel von Hochzeitsreisenden: Der von grünen Berghängen eingerahmte Sonne-Mond-See ist für die Taiwanesen ein beliebtes Urlaubsziel und einer der romantischsten Flecken der Insel. Hochzeitspaare säumen das Ufer und schenken den Fotografen ihr schönstes Lächeln. Von den Höhen des Wenwu-Tempels, der Konfuzius und dem Kriegsgott gewidmet ist, hat man einen schönen Blick über den See. Vielleicht sind die Hochzeitler hier vorher zur inneren Einkehr hergekommen, haben Räucherstäbchen angezündet und nach taoistischem Brauch Orakelhölzchen geworfen, deren Lage die Antwort auf ihre Fragen verrät. Nicht ohne vorher Opfergaben gekauft zu haben. Kräcker von »Kraft« liegen da, ein Softdrink und Weizenkekse. Ein Schreibtisch mit Telefon steht inmitten von Weihrauchschwaden. Die Moderne ist auch hier eingezogen.


 
 


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