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03. Februar 2012  | Von Norbert Bartnik

Singapur

In der asiatischen Metropole wird im Juni ein futuristischer Park eröffnet, der Modellcharakter für viele andere Millionenstädte haben könnte – Frisches Grün an den Fassaden und in den Straßenschluchten

 
| Vergrößern | Magischer Garten: Abends sollen die „Supertrees“ von Singapur illuminiert werden, wie diese Modellstudie zeigt. Foto: Singapore Tourism

Die neuen Bäume, die an der Marina Bay wachsen, haben einen Stamm aus Beton und Äste aus Stahl. Auf den Baumkronen befinden sich Solarzellen, die die Energie liefern, damit die seltsamen Gewächse nachts wundersam leuchten können. Technologischer Zauber also, wie man ihn in Singapur an vielen Orten erlebt, hier aber ist er verbunden mit einem ungewöhnlichen botanischen Projekt. Die „Supertrees“ – so heißen die zwischen 25 und 50 Meter hohen Skulpturen – werden schon jetzt von Farnen und tropischen Schlingpflanzen umrankt. Im Juni, wenn der größte Teil des Projekts „Gardens by the Bay“ eröffnet wird, sollen die Gerüste komplett von üppig wucherndem Grün und blühenden Orchideen überdeckt sein, abends werden Illuminationen und Projektionen für magische Atmosphäre sorgen.
Dann hat die asiatische Metropole eine weitere Attraktion, die zugleich Modell für andere Millionenstädte sein kann. Hier wird ein riesiges Gelände in der Nähe des Zentrums, das für Spekulanten von unschätzbarem Wert wäre, nicht etwa mit weiteren Hochhäusern bebaut, sondern als grüne Lunge für die Stadt genutzt. Bei dem Areal handelt es sich um sogenanntes „reclaimed land“ – Neuland, das vor 30 Jahren dem Meer abgetrotzt und zum Tiel mit aus Indonesien importiertem Sand verfüllt wurde. „Damals stand noch nicht fest, was dort einmal gebaut werden sollte“, erzählt Michelle Lim von der PR-Abteilung des Gartenprojekts. Vieles sprach dafür, dass hier weitere Büro- und Hotelkomplexe entstehen würden. Durch die weltweite Diskussion über Klimawandel und die Folgen der Urbanisierung gab es einen Sinneswandel. „Wir werden Parks und Gärten im Herzen unserer Stadt haben“, verkündete Lee Hsien Loong, Premierminister des Inselstaates, im vergangenen August. „Und wir werden sie alle miteinander verbinden, um eine Stadt im Garten zu erschaffen.“
Das sind wohltönende Worte, doch bis zur Realisierung ist es noch ein weiter Weg. Millionen von Klimaanlagen in Büros, Hotels und Privatwohnungen pusten Heißluft in die schwülen Straßenschluchten. Zur Rushhour stauen sich die Autos in den Straßen. Durch hohe Importsteuern und kostspielige Lizenzen für den Kfz-Erwerb versucht die Regierung, den Autoverkehr zu begrenzen. Aber weil die Einkommensverhältnisse gut sind, gehört eine Limousine, möglichst aus deutscher Wertarbeit, für viele Einheimische zu den Statussymbolen, obwohl man wahrscheinlich mit der U-Bahn schneller am Ziel wäre.

Praktische Tipps

Anreise: Singapore Airlines fliegt täglich mit dem Airbus A380 von Frankfurt nach Singapur, Preise für Hin- und Rückflug in der Economy Class ab 709 Euro (inklusive Steuern und Gebühren), Informationen und Buchungen in Reisebüros sowie im Internet unter www.singaporeair.com.
Allgemeine Auskünfte beim Singapore Tourism Board in Frankfurt, Telefon 069 9207700 und im Internet unter www.yoursingapore.biz (deutsch) und www.yoursingapore.com (englisch).
„Gardens by the Bay“ (Bay South) soll im Juni 2012 eröffnet werden. Die Gartenanlagen sind 24 Stunden am Tag kostenlos zugänglich, nur für „Flower Dome“ und „Cloud Forest“ sind Eintrittsgebühren zu zahlen. Weitere Hinweise im Internet unter www.gardensbythebay.org.sg.


Um so wichtiger sind die neuen Grünprojekte, die nicht nur ökologischen Nutzen haben, sondern Einwohnern und Touristen neue Erlebnisräume eröffnen. „Gardens by the Bay“ ist das aufwendigste dieser Projekte. Insgesamt 101 Hektar an der Südostküste des Stadtstaates stehen für die drei Gärten an Ufern der Lagune zur Verfügung. „Bay South“ ist mit 54 Hektar der größte und spektakulärste davon. Die neben den „Supertrees“ markantesten Bauten dafür sind zwei gigantische Glashäuser. Der „Flower Dome“ ist mit 1,2 Hektar derzeit Asien größte Konstruktion unter Glas, „aber man weiß nicht wie lange, Rekorde werden hier ja ständig gebrochen“, sagt Michelle Lim.
In dem Blumendom herrscht mit Temperaturen zwischen 23 und 25 Grad Celsius ein vergleichsweise mildes Klima, in dem Gewächse aus subtropischen Regionen zu sehen sind, darunter die markanten Baobabs, die Ghost Trees aus Madagaskar, aber auch Olivenbäume aus Südeuropa. Die Bäume haben einen langen Transport hinter sich, aber „sie haben sich gut an ihr neues Zuhause gewöhnt, einige fangen schon an zu blühen“, betont Adeline Chong, PR-Chefin von „Gardens by the Bay“.
Das zweite Glashaus namens „Cloud Forest“ ist 0,8 Hektar groß, 54 Meter hoch und beherbergt einen rund um einen künstlichen Felsen angelegten Nebelwald mit Pflanzen aus tropischen Bergregionen. Vom Gipfel sprudelt ein Wasserfall herunter, der dazu beitragen soll, dass die Luft im Glashaus feucht bleibt. Um möglichst viel Energie zu sparen, werden in den beiden Glasbauten modernste Klimatechnologien eingesetzt. Insgesamt könne durch den Einsatz neuer Technologien eine Energieeinsparung von mindestens 30 Prozent im Vergleich zu konventionellen Systemen erzielt werden, betonen die Verantwortlichen.
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In den Außenanlagen zeigt der „Heritage Garden“ die Pflanzenwelt in den Herkunftsländern der größten ethnischen Gruppen Singapurs. „Wir werden all die Pflanzen zeigen, die unsere Vorväter in ihren Ländern kannten, bevor sie nach Singapur kamen“, sagt Adeline Chong. Im chinesischen Garten sieht man zum Beispiel Bambus, Jasmin und Pagodenbäume, im indischen Teil wachsen Tamarinden und Banyan Trees, im malayischen Teil Kokospalmen und Brotfrucht-Bäume. Im „Colonial Garden“ sind die Nutzpflanzen zu sehen, die von den Europäern in die Region gebracht und mit unterschiedlichem Erfolg kultiviert wurden, darunter Kakao- und Kaffeepflanzen, Kautschuk, Ölpalmen und Gewürzpflanzen.
Mit klassischen botanischen Gärten und deren wissenschaftlich-sterilen Konzepten hat „Gardens by the Bay“ dennoch nichts zu tun. Das üppige Grün soll zugleich Erlebnisraum für die Besucher sein, was in Singapur mit seiner ausufernden Gastronomie-Szene vor allem Essen und Trinken bedeutet. Das fängt an mit einem bis zu tausend Menschen fassenden Gartenlokal, in dem man an verschiedenen Ständen Satay-Spieße und andere lokale Spezialitäten bekommt, und reicht bis zu dem im „Flower Dome“ untergebrachten Restaurant „Pollen“, in dem der mit einem Michelin-Stern ausgezeichnete Londoner Küchenchef Jason Atherton mediterrane Gerichte anbietet.
Auch unter den „Supertrees“ kann diniert werden. In der Krone des höchsten Kunstbaumes wird ein kleines Bistro untergebracht, von dem aus man einen weiten Blick über den Park genießt. Die Open-Air-Bühne mit einem 30 000 Personen fassenden Zuschauerraum steht für diverse Events zur Verfügung. Ökologisch-korrekte Zeitgenossen könnten einwenden, dass derlei Attraktionen im Widerspruch zum botanischen Konzept stehen. Allerdings ist schwerlich nachzuweisen, ob die Pflanzen darunter leiden, wenn in ihrer Umgebung ausgiebig gegessen, geredet und gefeiert wird.
Das vor allem aus Dubai bekannte Prinzip „Alles ist machbar“ hat viele Jahre auch Singapur geprägt, allerdings hat man hier nicht jeden technologischen Unfug mitgemacht. Es gibt keine Skihalle, und am Wettbewerb um das höchste Gebäude der Welt hat man nicht teilgenommen. Dafür gibt es eines der originellsten Gebäude der Welt. Das 2010 eröffnete Hotel „Marine Bay Sands“ sieht so aus, als hätte ein Tsunami ein kurioses Schiff über die Stadt getrieben und auf den drei Hochhäusern liegen gelassen. Dort oben findet man neben dem Pool auch einen Palmengarten in 191 Meter Höhe.
Und schließlich gibt es in dem von knapp fünf Millionen Menschen bewohnten Stadtstaat auch noch ein paar Reste von ursprünglichem Regenwald, die im „Bukit Timah Nature Reserve“ bewahrt werden. So weisen die Verantwortlichen vom „National Park Board“ gerne darauf hin, dass Singapur in den vergangenen Jahrzehnten trotz des ökonomischen Erfolgs und des damit verbundenen Baubooms insgesamt deutlich grüner geworden ist. Satellitenbilder zeigen, dass fast die Hälfte der Insel heute von Grünflächen bedeckt ist – 1986 waren es nur 36 Prozent.
Dort tummeln sich neuerdings vor allem die Jogger. „The Straits Times“, die bedeutendste Tageszeitung Singapurs, widmete der neuen Läuferszene der Stadt am 28. Januar eine Titelgeschichte in ihrer Wochenendbeilage. „Bisher galt unsere Nation eher als akademisch und weniger als athletisch“, heißt es da. „Aber jetzt haben wir eine Läufer-Revolution“.
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Pool und Palmengarten in 191 Meter Höhe auf dem Dach des Marine Bay Sands Hotels. Foto: Norbert Bartnik
Für die Sauerstoffproduktion sorgen auch die Pflanzen überall am Straßenrand. „Skyrise Greenery“ heißt das Konzept der vertikalen Begrünung von Hochhäusern entlang von Balkons und Fassadenelementen bis hin zu den neuen Dachgärten. Die hohe Luftfeuchtigkeit und die Regenfälle fördern in Singapur ein rapides Wachstum. Wenn irgendwann die Menschen von der Erde verschwunden sind, würde sich die Stadt von alleine in einen neuen Dschungel verwandeln, in dem die Hochhäuser nur die Stahlbetonstämme bilden, an denen die Pflanzen in den Himmel ranken.

 
 
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