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31. Dezember 2011  | Von Nico Damm

Nepal

Reisetipp – Der letzte Überlebende der Erstbesteigung erinnert sich an seine Jugend und den legendären Sir Edmund Hillary

 
| Vergrößern | Eine Yak-Karawane bringt Vorräte in das Dörfchen Gokyo in der Himalaya-Region Khumbu (4790 Meter Höhe). Waren können dort nur mit Yaks oder Trägern transportiert werden. Foto: Nico Damm

Kanzha Sherpa ist ein gläubiger Mann. Das war nicht immer so. Buddha, sagt er, hat er am Mount Everest gefunden. Bei sechs Expeditionen zum höchsten Berg der Welt war der Sherpa dabei – und gleich die erste von ihnen gelang: Vor fast sechzig Jahren, im Jahr 1953, quälte er sich gemeinsam mit dem legendären Sir Edmund Hillary den Berg herauf. Der stürmte als erster Mensch überhaupt das Dach der Welt auf 8848 Metern – und wurde kurz darauf von der Queen zum Ritter geschlagen.
Kanzha Sherpa ist im Gegensatz zu seinem berühmten Expeditions-Kollegen von 1953, dem Sherpa Tenzing Norgay, noch nie bis zum Gipfel aufgestiegen. Es war nicht seine Aufgabe. Wie viele andere seines Volkes hatte er als Träger angeheuert. Die Sherpas, in der nepalesischen Khumbu-Region nahe der tibetischen Grenze zu Hause, genießen nicht nur bei Bergsteigern weltweit einen ausgezeichneten Ruf als zähe, zuverlässige und kundige Führer. Aber auch sie zahlen ihren Preis: Einige, mit denen Kanzha Sherpa Richtung Gipfel aufbrach, kehrten nie wieder zurück. Gletscherspalten, die Höhenkrankheit, verheerende Eisstürme in großer Höhe – der Everest ist unbarmherzig. Vor 30 Jahren kam Kanzha Sherpas Bruder durch eine Lawine ums Leben.
Mehr als ein Mal fing Kanzha Sherpa in der Eiseskälte an zu beten. Die Nähe zu Buddha, sie blieb bis heute. Jeden Morgen spaziert er langsam durch sein Dorf und dreht dabei seine kleine Gebetsmühle in der Hand. Heute ist Sherpa 79 Jahre alt, und die Geschichten von den Expeditionen, sie sind lange her. Kanzha Sherpa lebt in einem einfachen zweistöckigen Haus in Namche Bazaar.

Mehr Infos

Bei der Buchung von Trekking-Touren sollte man darauf achten, dass Träger ausreichend bezahlt und ausgerüstet werden. Viele Informationen gibt es von der International Porter Protection Group unter ippg.net.


Der kleine Ort auf 3 440 Metern Höhe liegt an einer wichtigen Wegekreuzung in der Khumbu-Region. So ziemlich jeder auf dem Weg in den Hoch-Himalaya kommt hier vorbei. Die meisten von ihnen, Touristen wie Bergsteiger, beginnen hier den rund einwöchigen Aufstieg zum zwei Kilometer höher liegenden Everest-Basislager – Startpunkt für Expeditionen und Endstation für Touristen, die lediglich den atemberaubenden Ausblick auf die umliegenden Achttausender genießen wollen.
Wie wohl kein zweiter Ort verkörpert Namche Bazaar den Wandel der Khumbu-Region, die auch den Mount Everest und den Sagarmatha-Nationalpark, seit 1979 Unesco-Weltkulturerbe, einschließt. Seit dem Bau des Flughafens in Lukla – einen Tagesmarsch talwärts von Namche Bazaar gelegen – im Jahr 1964 werden viele Waren mit Propellermaschinen eingeflogen, und die Maschinen brachten auch die Touristen. In Namche Bazaar stehen zahlreiche, wenn auch meist recht spartanische Hotels, es gibt zahlreiche Geschäfte mit Wanderausrüstung und sogar Internet-Cafés mit Satellitenanbindung ans Netz. Auch in noch höher gelegenen Bergdörfern, zum Beispiel in Gokyo (4790 Meter), gibt es noch warme Duschen, weiche Betten und morgens ein paar Pfannkuchen.
Auch Kanzha Sherpa hat einmal ein Gästehaus betrieben, erzählt er, während seine Frau dem Gast unablässig schwarzen Tee nachschenkt. Als er noch ein junger Mann war, war Namche Bazaar noch ein verschlafenes Nest hoch in den Bergen. Sein erstes Geld verdiente er durch den Verkauf von Salz im drei Tagesmärsche entfernten Tibet. Träger zu sein in Nepal ist ein Knochenjob – ein gut angesehener allerdings: In den Bergen können Waren nur mit Lasttieren oder durch die Träger mit ihren großen Bastkörben oder riesigen Paketen auf dem Rücken transportiert werden. Irgendwann endet jede Straße, und der kleine Flughafen reicht längst nicht aus, um immer weiter steigende Mengen an Lebensmitteln und Baumaterial ins Hochgebirge zu bringen. 40 Prozent des durchschnittlich höchsten Lands der Welt liegen über 3000 Meter, nur 16 Prozent der Fläche sind überhaupt bestellbar. Viele Sherpas verdienen sich ihr Geld als Bergführer oder Träger für Trekker. In einst einsamen Orten wie Namche Bazaar sind ausländische Gäste deshalb hochwillkommen.
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Die ersten fremden Gäste, die regelmäßig in die Region kamen, waren Bergsteiger. Als Kanzha Sherpa um die Zwanzig war, hörte er davon, dass im nahen Darjeeling Männer für eine Expedition gesucht wurden. Wenig später brach der junge Mann nach Indien auf und traf zwei Männer, die kurz darauf als Erstbesteiger des Everest in die Geschichte eingehen würden: Den Sherpa Tenzing Norgay und den Neuseeländer Edmund Hillary. Für acht nepalesische Rupien am Tag – nach heutiger Rechnung rund sieben Cent – heuerte Kanzha als Träger an. Sein Job: rund dreißig Kilo Marschgepäck tief hinein in die lebensfeindliche Zone zu bringen – in Holzkisten. „Dabei wusste ich damals noch nicht mal, wie man mit einem Steigeisen umgeht“, erinnert sich Kanzha Sherpa kopfschüttelnd.
Auf seine bescheidene Art erwähnt er nicht, dass die Menschen seines Volkes die eigentlichen Helden solcher Expeditionen sind. Dass sie es waren und sind, die die Routen auskundschaften, Pfade anlegen, Lager mit Vorräten und Sauerstoff einrichten – in der Regel mit mehr Gepäck als die Bergsteiger, die sich als Gipfelstürmer feiern lassen. Stattdessen erzählt er davon, dass Edmund Hillary ein unheimlich netter Kerl gewesen sei – auch wenn er und seine Kollegen damals nicht bedacht hatten, dass den Sherpas das europäische Essen nicht schmecken könnte. „Wir mochten weder den Käse noch das Fleisch, deswegen haben wir viel Saft getrunken und Tsampa gegessen.“ Tsampa ist eine tibetische Mehlspeise, die, weil sie sehr einfach zuzubereiten ist, vielen Sherpas als Wegzehrung dient.
Kanzha Sherpa hat diese Dinge schon so oft erzählt, dass es fast beiläufig geschieht. Bei fünf weiteren Expeditionen am Everest war er dabei – ohne zusätzlichen Sauerstoff. Die Rolle der Sherpas hat sich im Laufe der Zeit gewandelt: Viele arbeiten jetzt als Bergführer oder Profi-Logistiker statt wie früher nur als Träger. Einige Sherpas sind im millionenschweren Geschäft ums Bergsteigen durchaus wohlhabend geworden. Einfach ist das Leben in den Bergen für viele dennoch nicht.
Weil die nächste Schule zu weit entfernt liegt, gehen Kinder erst dann zur Schule, wenn sie alt genug sind, den Fußmarsch anzutreten. Die staatlichen Schulen sind äußerst einfach, die besseren Privatschulen teuer. In der Regel lernen die Kinder etwas Englisch – Voraussetzung, es irgendwann vom Träger zum Fremdenführer zu bringen. Zumindest für die Männer: Die Frauen kümmern sich in der Regel um den Haushalt und die Geschäfte in den Gästehäusern. Außerhalb der Saison gibt es jedoch für viele Männer kaum Arbeit. Sie verbringen den Tag beim Kartenspiel. Viele trinken dann Alkohol – aus Langeweile und für das wärmende Gefühl. Kanzha Sherpa hat schon lange keinen Tropfen mehr angerührt. Das hat ihm das Leben gerettet, sagt er. Er ist der Letzte, der noch aus erster Hand von der Erstbesteigung des Everest berichten kann. „Manche sind verunglückt, manche wurden krank, manche haben sich zu Tode getrunken.“
Doch nicht jeder muss so viel riskieren. Insgesamt geht es aufwärts mit der Khumbu-Region. Überall schießen neue Gästehäuser aus dem Boden. Der Tourismus bringt größere Umweltbelastungen mit sich, sorgt aber auch für immer mehr Jobs, Straßen und Stromleitungen. Und die Kontakte zu den Besuchern bringen viele Chancen für beide Seiten. Eine Tour von Namche Bazaar bis zum Everest Base Camp, das ist eine lange Woche, die zusammenschweißt. Abends, wenn sich nach einem langen Marsch alle am Ofen wärmen, entstehen oft lange währende Freundschaften: Viele halten auch Jahre danach noch Kontakt zu ihren Bergführern, schicken Briefe, E-Mails und auch Geld. Jährlich kommt eine halbe Million Menschen nach Nepal. Das Ziel der Regierung ist es, bis zum Jahr 2020 zwei Millionen Touristen in das Land zu locken. Namche Bazaar dürfte weiter wachsen.
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Dank zahlreicher Gästehäuser ist eine Trekking-Tour in den beliebten Himalaya-Regionen logistisch einfach zu meistern. Wie das Bild zeigt, müssen Gäste jedoch auf Komfort weitgehend verzichten: Da es keine Wasserleitungen gibt, sind "Eimerduschen", meist mit eiskaltem Wasser, angesagt. Foto: Nico Damm


 
 
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